

Nach den tödlichen Schüssen auf den 37 Jahre alten Krankenpfleger Alex Pretti in Minneapolis sind die Reaktionen der amerikanischen Medien wie so häufig gespalten. Allerdings zeigen sich dabei abseits von rechten Sendern wie Fox News Dissonanzen innerhalb der MAGA-Bewegung. Nachdem die Erschießung Prettis durch Bundesbeamte von mehreren Zeugen gefilmt worden war, machten sich etliche Medien an die Analyse des Materials und kamen zu anderen Schlüssen, als die Behörden sie sofort verbreitet hatten.
Als erste meldete „Bellingcat“, dann die „New York Times“ Zweifel an der offiziellen Version an, anschließend auch weitere Medien wie die „Washington Post“ und CNN. In Zeitlupe, mit nachträglichen Zooms und Standbildern aus den verschiedenen Videos zeigten sie, dass Pretti in der Konfrontation mit den ICE-Mitarbeitern sein Handy gehoben und gefilmt, dass er seine andere Hand erhoben hatte. Die Waffe, die der junge Mann legal besessen haben soll, könnte ihm demnach abgenommen worden sein, bevor er von mehreren Bundesbeamten erschossen wurde.
Dementsprechend kritisch fielen die Einordnungen des Vorgangs in vielen Medien aus. Die „New York Times“ etwa beschrieb nicht nur, was auf den Videos zu sehen sei, wie die Regierung sie darstelle und dass die lokalen Strafverfolgungsbehörden an Ermittlungen gehindert würden. Daneben erschienen Kommentare wie der von Masha Gessen unter der Überschrift „Der Staatsterror ist hier“. Gessen verglich das Handeln der Regierung von Donald Trump mit dem totalitärer Staaten. Dass die tödliche Gewalt nun jeden treffen könne und so letztlich unberechenbar sei, unterscheide „Terrorregime“ von anderen repressiven Systemen. In letzteren richte die Gewalt sich gegen bestimmte Gruppen und sei so für die Menschen zumindest vorhersehbar. Die „Washington Post“ gab unterdessen zu bedenken, dass es nicht klar sei, ob die Bundesbeamten, die auf Pretti schossen, gewusst hätten, dass ihr Kollege diesem bereits seine Waffe abgenommen hatte.
Kritik von Konservativen
Das konservative „Wall Street Journal“ beschränkte sich zunächst darauf, ebenfalls die Zweifel an der offiziellen Version zu berichten. Andere konservative Kommentatoren sahen unterdessen die Grenze des Erträglichen in Minneapolis erreicht. So kritisierte der erste Beitrag des „National Review“ nach Prettis Tod das Narrativ der Regierung deutlich. Es sei nicht nachvollziehbar, wie das Heimatschutzministerium den Krankenpfleger als „Verdächtigen“ titulieren könne, schrieb Andrew C. McCarthy. Die Version des Ministeriums von Kristi Noem, wonach der erschossene Mann ein „Massaker“ mit „maximalem Schaden“ habe anrichten wollen, sei nicht glaubwürdig.
Bei Fox News oder der rechten Boulevardzeitung „New York Post“ wurde weiter die Version der Regierung verbreitet: Pretti habe die Beamten bedroht, die hätten „aus Notwehr gehandelt“, wie etwa Greg Bovino, leitender Beamter der Grenzschutzbehörde (U.S. Border Patrol), es ausdrückte. Als die Videos diese Version immer deutlicher konterkarierten, suchten manche Medien nach anderen Erklärungen. Die Sorte Waffe, die der Krankenpfleger legal besessen habe, habe eine „Geschichte unbeabsichtigter Schusslösungen“, meinte etwa die „New York Post“.
Bei Fox News lenkte man die Aufmerksamkeit indessen immer wieder auf die Demonstranten, die sich gegen die Gewalt von ICE wehren. Sie seien Terroristen und bezahlte Aufwiegler, hieß es entsprechend dem, was Ministerin Noem und Präsident Donald Trump hatten verlauten lassen. Hierzu wurden am Sonntag nach den tödlichen Schüssen Kommentatoren wie Simon Hankinson von der „Heritage Foundation“ befragt, der postulierte, alle Gefahr in Minneapolis gehe von „Agitatoren“ aus, die „das gesamte Einwanderungsrecht abschaffen“ wollten.
Linke Medien sehen autoritären Belagerungszustand
Die grundsätzlichste Kritik an dem ICE-Einsatz und seinen Folgen kommt meist von linken Medien wie „The Nation“ oder „Mother Jones“. Ihre Kommentatoren bezeichnen die Vorgänge in Minneapolis inzwischen ähnlich wie zahlreiche Lokalpolitiker und Aktivisten als eine Art autoritäre Belagerung. Der gewaltsame Tod von Pretti ist aus ihrer Sicht eine weitere Eskalation, die zeige, dass es der Regierung um maximale Einschüchterung und die Aufweichung rechtsstaatlicher Grenzen gehe. Etliche Journalisten bringen die Vorgänge auch mit den politischen Zielen der weißen Nationalisten um Trumps stellvertretenden Stabschef Stephen Miller in Verbindung. Die Operation von ICE stehe in der Kontinuität der rassistischen Geschichte des Landes und der Ideologie der White Supremacy, die stets auch durch Polizeikräfte verteidigt worden sei, kommentierte etwa „The Nation“.
Abseits der etablierten Presse liefern zahlreiche „alternative“ Erzeugnisse Content aus Minneapolis. Linke Kanäle von „Unicorn Riot“ bis „Status Coup News“ zeigen vor allem die Gewalt gegen Demonstranten und prangern sie als autoritär und faschistisch an. Daneben hält sich eine Gruppe rechtsextremer Influencer in den „Twin Cities“ auf, die Content produzieren, der das Narrativ der Trump-Regierung stützt: Hier seien nicht in erster Linie Eltern, Nachbarn oder Pfarrer gegen ICE auf der Straße, sondern „Terroristen“. Und auch die bekanntesten Influencer der MAGA-Bewegung bedienen ihre Medienkanäle mit entsprechenden Talking Points: die Bundesbeamten zu behindern, sei „ein guter Weg, sich erschießen zu lassen“, meinte etwa Jack Posobiec, ein Vertrauter des ermordeten Aktivisten Charlie Kirk.
Doch unter den Influencern und „alternativen Medien“ der MAGA-Bewegung sind sich nicht alle über die Bewertung des Geschehens einig. Tim Pool etwa, ein bei MAGA-Anhängern prominenter Podcaster, der mit seinem „Timcast“ allein bei X 2,5 Millionen Menschen erreicht, schrieb, es sehe doch sehr danach aus, als sei hier ein Mann nach seiner Entwaffnung erschossen worden, und: „Ich sehe nicht, wie Trump das hier gewinnen kann.“ Nachdem auch die Waffenlobby-Organisation NRA (National Rifle Association) sich geäußert und betont hatte, dass Waffenbesitz an sich in Minnesota legal sei, äußerten sich einige rechte Influencer entsprechend.
Mancher Trump-Fan wird skeptisch
Nicht nur aufgrund ihrer Waffenfreundlichkeit sehen manche die Ereignisse in Minneapolis kritisch. Auch die massive Intervention von Bundesbehörden gegen den von Rechten stets hochgehaltenen Willen der Gliedstaaten verursacht bei manchen wohl Unwohlsein. Dave Smith, ein Komiker und Trump-Unterstützer, sagte, er wolle, dass alle Einwanderer ohne Papiere das Land verließen. Doch ICE sei ein „aus der Kontrolle geratener Haufen machttrunkener Feiglinge“, die amerikanische Bürger einschüchterten. Ähnlich hatte sich der prominenteste rechte Podcaster Joe Rogan nach den tödlichen Schüssen auf Renee Good Anfang Januar geäußert und gefragt, ob ICE mit der Gestapo verglichen werden wolle. Die Beamten erzeugten ein Chaos, das dem Ansehen der Trump-Regierung schaden könne, so Rogan.
Dass Trump diesmal nicht unbeschränkt auf den Beifall der rechten „alternativen Medien“ zählen kann, könnte ihn nach Ansicht mancher Beobachter durchaus beeinflussen. Auch in den Monaten vor der aktuellen „Operation Metro Surge“ war die gewichtige Rolle der rechten Medienproduzenten für die ICE-Großeinsätze deutlich geworden. MAGA-Influencer hatten einen Beitrag dazu geleistet, dass die Wahl für die angeblich größten Abschiebe-Razzien in der Geschichte auf Minneapolis gefallen war. Youtuber Nick Shirley und andere hatten einen weit reichenden Betrugsskandal in Minnesota zu einer Angelegenheit von nationaler Bedeutung hochgejazzt. Wegen des Millionen-Betrugs mit öffentlichen Geldern für soziale Einrichtungen waren in dem Bundesstaat rund hundert Menschen belangt worden.
Die meisten gehören der Gruppe somalischer Amerikaner und Einwanderer aus Somalia an, ein kleiner Bruchteil der Community, die in Minnesota etwa 100.000 Menschen umfasst. Da mehr als neunzig Prozent von ihnen amerikanische Staatsbürger sind, ist das Einwanderungsrecht im Gegensatz zum Justizsystem überwiegend unzuständig. Dennoch nahm Trump die Geschichte zum Anlass für rassistische Drohungen, anders als bei vergleichbaren Fällen anderswo. Und rechte Medien verbinden den Betrugsskandal bis heute unermüdlich mit ihrer Berichterstattung über die ICE-Razzien in Minnesota.
