

In Suffolk, einem flachen Landstrich in Ostengland, rollen Schwerlaster in Richtung des Fischerdorfs Sizewell. Seit diesem Sommer herrscht hier Dauerverkehr. Viel Lärm am sonst so stillen Nordseestrand. Ziel der Lastwagen ist ein stacheldrahtumzäunter Komplex mit einer großen blaugrauen Halle und einer riesigen weißen Kuppel: das Kernkraftwerk Sizewell. Im Sommer haben dort die ersten Bauarbeiten für das jüngste AKW-Projekt des Landes, Sizewell C, begonnen. Das neue Kernkraftwerk werde helfen, „Großbritannien von der Achterbahnfahrt der fossilen Brennstoffe zu befreien“, meinte Energieminister Ed Miliband zum Baustart.
Dass Kernenergie eine gute Sache ist, darüber herrscht in Großbritannien über fast alle Parteien hinweg ein Konsens. Sie sei sicher, sauber und verlässlich, heißt es quer durch die ideologischen Lager. Einst wünschte der damalige Tory-Premier Boris Johnson, den Atomstrom-Anteil am Strommix auf 25 Prozent zu heben. Nun treibt die Labour-Regierung von Keir Starmer den Bau neuer Kernkraftwerke voran. Auch die in Umfragen führende Reformpartei ist klar für Kernkraft, lediglich die Grünen wollen langfristig aussteigen. In der Bevölkerung ist die weit überwiegende Mehrheit pro AKWs. Nur eine kleine Bürgerinitiative „Stop Sizewell C“ hatte sich in Suffolk vergeblich gegen den Neubau gestellt.
Baukosten fallen höher aus als gedacht
Energieminister Miliband will den Ausbau der schwankungsanfälligen Wind- und Solarstromproduktion durch neue Kernkraftwerke absichern. Er spricht von einem „neuen goldenen Zeitalter der Nuklearenergie“. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Bau neuer Kernkraftwerke sind indes nicht glänzend. Hinkley Point C war seit mehr als zwei Jahrzehnten das erste neue AKW, das auf der Insel gebaut wird, an der Küste der westenglischen Grafschaft Somerset. Das Kraftwerk mit 3,2 Gigawatt Kapazität soll einmal sechs Millionen Haushalte mit Elektrizität versorgen. Doch das Kraftwerk mit Druckwasserreaktoren der dritten Generation – die gleiche Technik wie im französischen Flamanville – hat sich als sehr teuer und schwierig zu bauen herausgestellt. Flamanville am Ärmelkanal, vom französischen Staatskonzern EDF gebaut, wurde erst mit zwölf Jahren Verspätung fertig, und die Kosten gingen durch die Decke. Die Presse schrieb vom „Albtraum von Flamanville“.
Auch Hinkley Point C wird den Rahmen für Bauzeit und Baukosten weit sprengen. Statt ursprünglich prognostizierten 18 Milliarden Pfund werden die Kosten wohl 31 bis 35 Milliarden Pfund (in Preisen von 2015) betragen. Berücksichtigt man dazu den Inflationsschub der vergangenen Jahre, könnten die Kosten sogar auf rund 42 bis 48 Milliarden Pfund springen. Und EDF musste den Termin für die Fertigstellung mehrfach korrigieren.
„Fisch-Disco“ im Meer und viel Bürokratie
Jetzt soll Hinkley Point C in den Jahren 2029 bis 2031 – sechs Jahre später als anfangs erhofft – ans Netz gehen. Stuart Crooks, der Geschäftsführer des Kraftwerks, begründete die Verzögerungen und Kostensprünge mit erzwungenen Baupausen während der Coronazeit, mit Problemen bei der Lieferkette und allgemein der fehlenden Erfahrung der Briten beim Bau von Atomkraftwerken nach langer Abstinenz. „Es war schwierig, nach einer zwanzigjährigen Pause als Erster den Aufbau der Atomindustrie in Großbritannien wieder in Angriff zu nehmen“, schrieb Stuart in einer internen Mail. Von den in Somerset gemachten Erfahrungen würden Folgeprojekte profitieren.
Ein Bericht im Auftrag der Regierung monierte zudem die sehr kostspieligen Bauvorschriften und Umweltvorschriften. Für Hinkley Point muss beispielsweise im Meer eine akustische Fisch-Schutzanlage errichtet werden – die Presse nennt sie die „Fisch-Disco“. Zusammen mit anderen Auflagen hat das rund 700 Millionen Pfund gekostet. Hunderte solcher Auflagen und enorm viel Bürokratie gebe es. Großbritannien sei damit „der teuerste Standort in der Welt“ für den Bau von Kernkraftwerken, klagte Kommissionschef John Fingleton. Allerdings fragen manche, ob nicht grundsätzlich ein Problem mit AKW-Großprojekten vorliege.
Dessen ungeachtet hat die Londoner Regierung in Sizewell C den nächsten teuren Kernkraftwerksbau final genehmigt. Die Baukosten werden auf 38 Milliarden Pfund geschätzt. Es soll in den späten Dreißigerjahren fertig sein und für sechs Millionen Haushalte Strom produzieren. Wie Hinkley Point C ist auch hier ein Druckwasserreaktor geplant – von denen auf der Welt nur sehr wenige laufen, zwei in China, einer in Finnland (Olkiluoto 3) und eben Flamanville. Befürworter verweisen auf die hohe Sicherheit und Effizienz dieses Reaktortyps. Doch Kritiker haben große Bedenken, ob er kosteneffizient sein kann.
Kleine Kernreaktoren als schnellere und günstige Alternative
Der britische Staat beteiligt sich am Bau von Sizewell C mit anfangs knapp 45 Prozent, zu den weiteren Investoren zählen La Caisse, eine kanadische staatliche Anlagegesellschaft, die British-Gas-Muttergesellschaft Centrica und EDF aus Frankreich. Man habe die Investoren mit „sehr günstigen Konditionen“ gelockt, sagt die Ko-Geschäftsführerin von Sizewell C, Julia Pyke. Gleichzeitig hätten alle „starke Anreize, die Kosten unter Kontrolle zu halten“. Als die Regierung im Juli den Startschuss für die Arbeiten gab, jubelte Energieminister Miliband: „Es ist an der Zeit, wieder Großes zu leisten und große Projekte in diesem Land zu verwirklichen.“
Aber ob „das Große“ wirklich das Beste ist, daran zweifeln inzwischen viele angesichts der enormen Kosten. Und selbst die beiden neuen Groß-Kernkraftwerke werden nicht ausreichen, um die absehbare Lücke in der Stromproduktion zu füllen, die durch das Abschalten von immer mehr älteren Reaktoren gerissen wird. Der Atomstrom-Anteil im britischen Stromnetz ist ohnehin schon von mehr als 20 Prozent auf zuletzt 14 Prozent gesunken. In den kommenden Jahren werden die AKWs Hartlepool, Heysham 1, Heysham 2 und Torness aus Altersgründen vom Netz genommen. Sizewell B stünde dann vermutlich für eine Weile als letztes Kernkraftwerk der alten Garde da.
Seit einigen Jahren fördert London daher intensiv die Entwicklung neuartiger kleiner Kernreaktoren in Modulbauweise, sogenannte Small Modular Reactors (SMR). Die Modulbauweise bedeutet, dass die meisten Bauteile quasi in einer Fabrik in Serie gefertigt werden können. Damit sollen die SMR günstiger und sehr viel schneller zu bauen sein. Auf der ganzen Welt arbeiten mindestens ein Dutzend große und kleinere Unternehmen an der Entwicklung solcher SMR, darunter etablierte Kernkraftwerkskonzerne wie Westinghouse, das Konsortium GE Hitachi Nuclear Energy, jüngere US-Unternehmen wie X-energy und Nuscale Power sowie der britische Industriekonzern Rolls-Royce.
Ein SMR versorgt bis zu einer Million Haushalte
Die Londoner Regierung hat für die Entwicklung der Technik ein Förderprogramm beschlossen, das 2,5 Milliarden Pfund zur Verfügung stellt. Bei einem vom Energieministerium ausgeschriebenen Wettbewerb um das beste Modell für die kommende SMR-Generation setzte sich – vielleicht nicht ganz überraschend – das Rolls-Royce-Modell durch.
Großbritannien sieht sich als Pionier und will beim Bau der ersten SMR ganz vorne mit dabei sein. Vor Kurzem wurde der Standort Wylfa ausgewählt, auf einer kleinen Insel vor der Küste von Nordwales. Dort war früher schon ein Atomkraftwerk in Betrieb, das vor zehn Jahren geschlossen wurde. Nun soll Rolls-Royce hier zunächst drei SMR bauen, später bis zu acht. Mitte der Dreißigerjahre sollen die Kleinkraftwerke schon betriebsbereit sein und Strom ins Netz einspeisen – jedes Mini-AKW kann bis zu eine Million Haushalte versorgen.
Über die Kosten schweigt sich die Regierung noch aus. Rolls-Royce hatte für die Kleinkraftwerke mit jeweils 480 Megawatt Leistung anfangs knapp zwei Milliarden Pfund veranschlagt. In jüngerer Zeit hieß es, die Klein-AKWs kosteten jeweils zwischen zwei und drei Milliarden Pfund. Verglichen mit den enormen Kosten für das 3,2-Gigawatt-Kraftwerk Hinkley Point C oder Sizewell C wären sieben SMR indes deutlich günstiger. Vor kurzem hat zudem ein privates Konsortium von Centrica und X-energy Pläne zum Bau von bis zu zwölf Modul-Reaktoren in Hartlepool verkündet. Deren Stromproduktion soll Datenzentren versorgen.
Die britische Regierung meint auch, die SMR könnten ein Exportschlager werden. Dafür gibt es erste Anzeichen. Die Tschechische Republik hat konkrete Pläne für den Bau von Mini-AKWs. Dafür gründete der staatliche Energiekonzern ČEZ im Sommer mit Rolls-Royce eine Partnerschaft, die bis zu sechs SMR in der Tschechischen Republik errichten soll. Der damalige Ministerpräsident Petr Fiala und Premierminister Keir Starmer sprachen beide vom Zukunftspotential dieser Technologie. Auch Schweden plant, SMR zu bauen. Vattenfall wählte vor Kurzem für die Endauswahl seiner Ausschreibung die Modelle von Rolls-Royce und GE-Hitachi.
Die Internationale Energieagentur hat in einer Studie geschätzt, dass der Markt für Mini-AKWs stark wachsen werde. Laut IEA-Prognose könnten bis 2040 bis zu 80 Gigawatt Kapazität mit SMR installiert sein, das wäre ein Zehntel des globalen Kernkraftwerksbestands.
