Drei Jahre ist es her, dass der französische Schriftsteller Michel Houellebecq zuletzt aufgetreten ist, und man hat ihn, ehrlich gesagt, nicht vermisst. Sein letztes Buch, „Einige Monate in meinem Leben“, eine Art Jammerprosa mit pornographischen Elementen, markierte 2023 einen deutlichen Tiefpunkt in seinem Werk. Plötzlich tat ihm alles leid – vor allem er sich selbst. Die von ihm ausgesprochenen Beleidigungen? Ein Missverständnis.
Die Medien, mit denen er sonst so gern spielt? Hätten alle etwas gegen ihn. Das Interview mit dem Philosophen Michel Onfray, in dem beide das rechtsextreme Narrativ vom „großen Bevölkerungsaustausch“ bedienten? Habe er vor der Veröffentlichung nicht gegengelesen. Michel Houellebecq als Opfer, das war die vielleicht erbärmlichste Rolle, die er sich für sich ausgedacht hatte.
Jetzt singt er. Und hat dem französischen Nachrichtensender BFM über den ersten Song eines neuen Albums, der in dieser Woche veröffentlicht wurde, ein Interview gegeben. „Ich habe ihn wiedererkannt! Ich bin nicht schockiert!“, sagte nach seinem Auftritt eine Moderatorin des Senders erleichtert, da der sich in der Vergangenheit oft im verwahrlosten Look inszenierende Schriftsteller in guter Verfassung zu sein schien.
„Ils chevauchaient le vent“ heißt das Lied, das in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Frédéric Lo entstanden ist, der schon mit Pete Doherty gearbeitet hat. Das ganze Album, „Souvenez-vous de l’homme“ („Erinnert euch an den Menschen“), soll Anfang März erscheinen, zeitgleich mit einem neuen Gedichtband von Houellebecq: „Combat toujours perdant“, „Stets verlorener Kampf“. Es sind auch eine ganze Reihe von Konzerten geplant, im April und Mai in Paris.
Und wie ist es nun, dieses erste Lied? Es ist ein Sprechgesang vor Klavierklängen und hellen Refrainchören, den Houellebecq vorträgt. Er singt nicht, er spricht ihn melodiös. Tatsächlich handelt es sich bei dem Songtext um das Gedicht „Die Algebristen“, das in seinem Gedichtband „Suche nach Glück“ im Jahr 1997 erschienen ist und von der Wehmut, der Sehnsucht des Unwiederbringlichen erzählt, die man auch in Houellebecqs Romanen findet und die ihn immer schon zum Romantiker und eben nicht zum Zyniker gemacht haben. Houellebecq hat schon früh CDs von seinen Gedichten aufgenommen und Konzerte gegeben.
Hier werden sie zum Soundtrack: „Sie hatten keine wirkliche Vorstellung von der Zukunft / Sie sahen, wie Qual, Entbehrung und Begehren sich auf Erden niederließen / Inmitten der Lebenden / Sie kannten den Krieg, sie ritten auf dem Wind“.
Zurück zur Romantik
Er sei sehr neunzehntes Jahrhundert, hat er einmal gesagt, als seine Gedichte erschienen. Mallarmé und Lautréamont, Verlaine und Apollinaire, er liebe die Poesie all dieser Dichter sehr, auch die von André Breton, obwohl er sicher sei, dass er Letzteren, hätte er ihn kennengelernt, gehasst hätte. So kommt es beim Lesen seiner Gedichte, etwa in „Gestalt des letzten Ufers“, vor, dass man glaubt, Baudelaire oder lautmalerische Arthur-Rimbaud-Verse zu hören: „Der Abend senkt sich, bringt Frieden und Verbitterung; das Blut pocht in den Adern im verlangsamten Takt“, steht da bei Houellebecq.
Man muss das laut lesen, um den Rhythmus des pochenden Bluts in den Adern zu hören. So wie man Schüsse zu hören glaubt in der letzten Zeile von Rimbauds berühmtem Gedicht „Der Schläfer im Tal“, das dieser sechzehnjährig im Oktober 1870 schrieb, als er noch in seinem Geburtsort Charleville wohnte, wo nur einige Kilometer entfernt, bei Sedan, im September 1870 die Entscheidungsschlacht des Deutsch-Französischen Kriegs stattfand.
Am Ende seines neuen Songs hört man Michel Houellebecqs Stimme auch den Vers sagen, nach dem das neue Album benannt ist: „Erinnert euch, Freunde, der grundlegenden Formen / Erinnert euch an den Menschen. Erinnert euch lang.“ Und weil hier die Melancholie zurück ist und das selbstgefällige Houellebecq-Gejammer ein Ende hat, mag man ihn als Romantiker endlich wieder feiern – und das Lied mit dem lautmalerischen Titel gleich wieder von vorne hören: Sie ritten auf dem Wind, „Ils chevauchaient le vent“. Schschsch . . .
