
Der Mann, der am 28. Juli 1894 an einem Herzschlag starb, war ein „großer, schlanker wohlgebauter Mann“. Er wurde, so wird in den überlieferten Notizen zu seiner Person gemutmaßt, 28 Jahre alt. Die handschriftlichen Anmerkungen über den Mann, der vermutlich auf einer Plantage in Neuguinea arbeitete, hat wahrscheinlich Bernhard Hagen (1853–1919) verfasst, der das 1904 eröffnete Frankfurter Weltkulturen Museum gründete, das damals Städtisches Völkerkundemuseum hieß. Seine Notizen befinden sich noch immer am Schädel des jung Gestorbenen.
Dessen Schädel lagert mit 13 weiteren Schädeln im Depot des Frankfurter Museums der Weltkulturen, in der Fachwelt „unbearbeitete menschliche Überreste“ genannt. Im Weltkulturen Museum befinden sich verhältnismäßig wenige Überreste dieser Art, sagt die dortige Provenienzforscherin Josefine Neef: Knochen von insgesamt 17 Personen. Neben den Schädeln werden dort noch menschliche Wirbelknochen, zwei Oberschenkelknochen und ein Handknochen aufbewahrt.

Doch den Großteil der sogenannten „human remains“ in dem ethnologischen Museum machen die in kulturelle Artefakte eingearbeiteten Überreste aus, sagt Neef. So gibt es beispielsweise menschliches Haar in Ritualobjekten oder zu kulturellen Artefakten umgearbeitete Menschenreste wie eine tibetanische Knochentrompete.
Wie gelangten die Überreste in europäische Sammlungen?
Mit diesen Überresten steht das Frankfurter Museum nicht allein vor der Aufgabe einer gebotenen Aufarbeitung. Menschliche Überreste werden in vielen deutschen Museen und Sammlungen bewahrt. Eine deutschlandweite Umfrage hatte 2023 ergeben, dass sich in mehr als 30 Einrichtungen, die relevante Bestände menschlicher Überreste in ihren Sammlungen verwahren, rund 17.000 menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten befinden.
Wie mit dem sensiblen Sammlungsgut umzugehen sei, hat der Deutsche Museumsbund in einem Leitfaden erstmals 2013 publiziert. Zentral war von Anfang an die Überlegung, durch welche Umstände sie „in Zeiten, als die Körperspende noch nicht existierte, überhaupt so zahlreich in europäische Sammlungs- und Forschungsinstitutionen gelangt waren“. Zu klären sei auch, „wie Gewaltanwendung im Zuge historischen Unrechts diese ‚Verfügbarkeit‘ begünstigt hatte“.

Für eine Aufarbeitung dieser Fragen setzt sich am Weltkulturen Museum dessen Direktorin Larissa Förster ein: „Wir wollen diesen besonders sensiblen Teil unserer Geschichte nicht nur wissenschaftlich aufarbeiten, sondern Verantwortung übernehmen.“ Perspektiven für einen respektvollen Umgang mit den sterblichen Überresten sollten erörtert werden. In einem ersten Schritt soll dazu in einem sechsmonatigen Projekt, das Josefine Neef leitet und das durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert wird, die Provenienz der vermutlich von elf Menschen stammenden Überreste erforscht werden, die von der Insel Sumatra und dem Osten Neuguineas nach Frankfurt gebracht wurden.
Bis Ende April ist deshalb der Ethnologe und Provenienzforscher Godwin Kornes am Haus. Ziel seiner Forschungsarbeit sei es, die Verstorbenen und ihre verschleppten Gebeine zu „rehumanisieren“, sagt Kornes: „Wir wollen diese Menschen wieder zu Menschen machen, nachdem sie bloß Material waren. Etwas über ihr Leben und ihre Person erfahren.“ Zudem soll, falls möglich und gewünscht, eine Rückführung an die Nachfahren angeboten werden.
Eine umfangreiche Aufarbeitung steht aus
Für das Museum von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, dass drei der von Kornes untersuchten menschlichen Schädel vom Gründer des Hauses, Bernhard Hagen, nach Frankfurt gebracht wurden. „Hagen übereignete ‚seinem‘ Museum menschliche Gebeine, an die er vermutlich im Rahmen seiner Tätigkeit als Tropenarzt gelangt war, von Menschen, die vermutlich seine Patienten waren“, so Direktorin Larissa Förster. Eine umfangreiche Aufarbeitung seiner ethnographischen und anthropologischen Forschungen, seiner Aneignungsmethoden und seiner Netzwerke in Frankfurt stehe noch aus.
1853 in Germersheim geboren, studierte Hagen in München Medizin und arbeitete als Arzt von 1879 bis 1892 auf Sumatra, damals Teil des niederländischen Kolonialreichs, und von 1893 an zwei Jahre in Deutsch-Neuguinea, wo er im Dienst der Astrolabe-Compagnie, einer Tochtergesellschaft der Neuguinea-Compagnie, für die medizinische Versorgung der „Kulis“ auf Tabakplantagen zuständig war.
In Frankfurt, wohin er 1895 zog, gründete Hagen 1900 die Anthropologische Gesellschaft, war Mitglied der Senckenbergischen naturforschenden Gesellschaft sowie Vorsitzender des Vereins für Geographie und Statistik.
Andere menschliche Überreste aus dem Norden Sumatras hatte der Geograph Wilhelm Volz (1870–1958) bei Forschungsreisen mitgenommen und 1911 an das Museum verkauft. Darunter seien Überreste von Menschen gewesen, die aus Häusern und Gräbern geraubt wurden, sagt Kornes. Ein weiterer Sammler, über den menschliche Überreste ins Museum gelangten, war Friedrich Wandres (1870–1932): Ende des 19. Jahrhunderts arbeitete er als Plantagenaufseher in Neuguinea. Zwei weitere Schädel wurden 1904 der Handelsfirma J.F.G. Umlauff abgekauft und stammen wahrscheinlich aus Deutsch-Neuguinea.
Die Arbeit in den Plantagen habe, auch wenn die Sklaverei abgeschafft war, einer Zwangsarbeit geglichen: Unter welchen Bedingungen die Menschen angestellt waren, hat Monique Ligtenberg, Historikerin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich mit Schwerpunkt Kolonial- und Wissenschaftsgeschichte, jüngst bei ihrem Vortrag im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt beschrieben, zu dem das Weltkulturen Museum sie eingeladen hatte.
Die Arbeiter auf den Plantagen in Sumatra und Neuguinea wurden meistens aus Java und China rekrutiert. Ligtenberg zufolge unterschrieben sie Verträge, die sie nicht verstanden, wenn sie nicht lesen konnten. Sie waren angewiesen auf die Arbeit aus der Not heraus. Auf den Plantagen habe eine Willkürjustiz geherrscht, die Todesstrafe eingeschlossen. Auspeitschen war gängige Praxis, da die Strafen von den Besitzern selbst festgelegt werden konnten.
Ihr Frankfurter Vortrag „Vom Tropenmediziner zum Rassenforscher – Eine Verflechtungsgeschichte zwischen Sumatra, Neuguinea und Frankfurt“ beleuchtete aber vor allem das Vorgehen Hagens, der das heutige Weltkulturen Museum gründete. „Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen über die Physiognomie der verschiedenen ‚Rassen‘ des Malaiischen Archipels und wurde zu einer einflussreichen Figur im aufstrebenden Fachgebiet der physischen Anthropologie.“ Sie habe, berichtet Ligtenberg, für ihre Dissertation zu deutschsprachigen Ärzten im niederländischen Kolonialreich zu Hagen geforscht.

Das verbindet sie mit Godwin Kornes. Auch er arbeitet nun mit dem Nachlass von Bernhard Hagen, der in den Neunzigerjahren als Familiennachlass an das Stadtarchiv Frankfurt kam – mit fast 300 Akten, darin Tagebucheinträge, Briefe und Hunderte von Karteikarten zu Patienten. Auf den Plantagen war Hagen für Tausende von Arbeitern zuständig.
Er beschrieb die Verletzungen der Arbeiter durch die dort herrschende Gewalt, so Kornes. Das nachzulesen, sei teilweise sehr belastend. „Man bekommt viel von der Brutalität mit.“ Außerdem litten Hagens Patienten an Tropenkrankheiten. Hagen war schließlich dort, um deren Arbeitsfähigkeit zu sichern. „Die Arbeit war sehr hart. Bis zu 25 Prozent der Menschen sind gestorben“, sagt Kornes. „Wie brutal und menschenverachtend der Kolonialismus im Alltag war, ist den wenigsten bewusst.“
Zugleich nutzte Hagen seine Stellung, um Rassenforschung zu betreiben. Auf Hunderten seiner Karteikarten sind Angaben zu Vermessungen seiner Patienten zu finden, die auf Plantagen arbeiteten, dazu Fotografien der nackten Menschen, deren Unbehagen zu sehen sei. „Mit menschlicher Empathie ist das unvereinbar“, sagt Kornes.
Es sei Hagen auch darum gegangen, konkrete Empfehlungen für die Rekrutierungen neuer Plantagenarbeiter zu geben, so Ligtenberg. Als er das Völkerkundemuseum gründete, habe er es explizit in den Dienst von Kaufleuten gestellt, sagt Ligtenberg. Mit der „neuen Wissenschaft der Völkerkunde“ wollte er sie auf ihre Tätigkeit in den Kolonien vorbereiten.
Nicht nur in der Sammlung des Weltkulturen Museums befinden sich Überreste von Menschen, die Hagen aus den Kolonien mitbrachte. Das Rijksmuseum voor Volkenkunde in Leiden, heute Wereldmuseum, erhielt von Hagen 1884/85 eine Schenkung mit Überresten von mehr als hundert Menschen. „Das brachte ihm Prestige und Anerkennung“, sagt Kornes. Er wird noch ein paar Wochen forschen, um mehr über einige derjenigen herauszufinden, deren Überreste damals nach Europa gebracht wurden.
