Schon in den ersten Sekunden des Films von Melania Trump über sich selbst ist klar: Niemand, der an diesem Werk beteiligt war, kennt große Filmsatiren oder hat verstanden, was Satire ist. Vermutlich mögen die produzierende Präsidentengattin und Regisseur Brett Ratner das Tempo und die atmosphärische Spannung des Rolling-Stones-Hits „Gimme Shelter“ zu gern, um ihn nicht auf die erste Kamerafahrt vom Meer auf Mar-a-Lago zu legen – immerhin größtenteils instrumental. Das wirkt wie das Intro zu einer Immobilienmakler-Dokusoap – nur eben mit dem Song unterlegt, der zur Zeit des Vietnamkrieges das Unbehagen herausschrie: „Krieg, Kinder, das ist nur einen Schuss entfernt“.
Sei es drum, vom Meer aus der Vogelperspektive gleiten wir also auf den Präsidentensitz in Florida zu. Dann erscheint unsere Hauptperson, die in den nächsten Minuten damit beschäftigt ist, in Limousinen und Privatjets ihre Riesensonnenbrille auf- und abzusetzen und bedeutungsvoll in die Gegend zu schauen. Die Ästhetik der „Real Housewives of…“ wird gnadenlos durchgehalten, und Melania erzählt die zwanzig Tage vor der zweiten Vereidigung ihres Mannes in einem Monolog, in einem Ernst, der eigentlich gebrochen, eigentlich Satire sein müsste. Jeder, sagt Melania, wolle wissen, wie ihr Leben sei, also: „Hier ist es.“
Goldene Leere
Unfreiwillig komisch ist das vor allem deswegen, weil der First Lady jeder Sinn für Selbstreflektion fehlt, sie aber fortwährend bedeutungsschwangere Formulierungen wählt, die die Leere und Oberflächlichkeit noch betonen. In Mar-a-Lago, im goldstrotzenden New Yorker Trump Tower und schließlich zurück im Weißen Haus, inszeniert Melania ihre Welt als eine, in der „beauty“ und „purpose“ zählten, eine Art Sendung und Sinn also. In diesem Universum dreht sich alles um Dekoration, welche Tischgedecke, welche Nähte gehören wo ans Kleid. Und all diese Details dienten einem höheren Zweck, Melania nennt es eine „kreative Vision“, die im Dienst Amerikas stehe.
Traditionell sind all das tatsächlich wichtige Aufgaben von First Ladies und einer großen Mannschaft von Innenausstattern, Designern, Zeremonienmeistern. Und man hätte die 75 Millionen Dollar, die dieser Film inklusive Marketing gekostet hat, sicher für einen spannenden Blick hinter die Kulissen des Lebens und der Logistik um die Präsidentenfamilie verwenden können. Aber dann wäre wohl nicht Trump Präsident und Melania Trump First Lady. Dementsprechend hatte niemand eine erhellende Dokumentation erwartet, als bekannt wurde, dass Amazon MGM das Werk produziert.
Die Frage war eigentlich nur, wie schlimm die Gefälligkeitsproduktion aus dem Hause des Trump inzwischen ergebenen Milliardärs Jeff Bezos werden würde. Das Magazin „Rolling Stone“ berichtete gerade erst, dass mehrere Mitwirkende an dem Film nicht mehr im Abspann genannt werden wollten, weil sie mit einem hohlen Propagandafilm doch nicht identifiziert werden wollten. Auch vom mehr als schleppenden Ticketverkauf dürften weder Melania Trump noch Amazon begeistert sein. Das knappe Dutzend Zuschauer jedenfalls, das – zugegeben an einem Freitagmorgen – verstreut im Multiplex-Kino am New Yorker Union Square sitzt, ist beruflich da. „Auch Reporter?“ begrüßen ein paar einander lachend. Dann wandelt Melania auf der Leinwand von Szenerie zu Szenerie wie eine bürgerliche Prinzessin. So will sie wohl gesehen werden: All das Gold, die opulent-kitschigen Kulissen in Mar-a-Lago und im Trump Tower – und bitte, können wir das Präsidentensiegel auf Kristallgläser aus der slowenischen Heimat gravieren?
Alles ist incredible
Die Diskussionen über Säume und Schultern, Servietten und Sitzordnungen werden mal zu pathetisch tragender, mal zu heiterer Klavier-Caféhausmusik inszeniert. Wir erfahren so wichtige Dinge wie Melanias Liebslings-Popstar, Michael Jackson, dessen „Billy Jean“ sie in ihrer Limousine singt. Als die Trumps an der Beerdigung von Präsident Jimmy Carter teilnehmen, ist das der erste Jahrestag des Todes von Melanias Mutter. Verständlich, dass sie daran denkt und es erzählt – gruselig, dass sie gleich die gesamte Bilderstrecke von der Beerdigung ausschließlich mit dem Monolog über sich und ihre Trauer unterlegt.
Und Trump? Er darf ab und zu nuscheln, wie schön Melania und wie großartig er selbst und der Tag der Vereidigung sei. Beide halten viel Händchen in diesem Film, die Kamera fängt das immer wieder ein, so viele Reporter schrieben schließlich Gemeines über die Präsidenten-Ehe. Nach der Vereidigung allerdings, nachts um zwei im Weißen Haus, da sagt Trump, Melania sei eine „incredible“ First Lady. Dann wendet er sich ab, läuft alleine den Flur entlang von ihr weg und sagt: „See you guys in the morning.“ Dass Melania selbst glaubt, sie biete damit Einblicke in ein gutes Leben, macht ratlos.
So viele Elemente einer guten Satire sind hier vorhanden. Lachen könnte man darüber aber nur, wenn die Realität nicht wäre. Denn Melania Trump erzählt ihre Parallelwelt in leeren Worten, die im Gegensatz zu dem stehen, was die Regierung von Donald Trump zeitgleich tut. So spricht sie aus dem Off mehrmals davon, wie sie als Einwanderin in dieses Land kam, wie unverbrüchlich sie an dessen Freiheitsversprechen, gleiche Rechte und Chancen für alle glaube. Währenddessen streicht die Regierung Sozialprogramme en masse und macht in den Straßen Jagd auf undokumentierte Einwanderer. Am Tag der Premiere von Melanias Film erschossen von Trump geschickte Beamte in Minneapolis den Krankenpfleger Alex Pretti.
