Maybrit Illner zum Iran-Krieg: Nicht mal sein Ex-Berater kann sich Trumps Handeln erklären – Medien

Den meisten Wumms in den Abend bringt ein Gast, der gar nicht anwesend ist. Zumindest nicht physisch. Maybrit Illner hat sich die denkbar naheliegende Aufgabe gesetzt, über Iran zu sprechen. Nicht zu streiten, als ginge es hier um die Rente oder Haushaltslücken. Nein, sondern zu sprechen, dieses komplexe Thema zu durchdringen. Und noch bevor es losgeht, gibt die Moderatorin lobende Worte aus: „Wir sind sehr dankbar für diese Gäste.“ Sind wir, also die Zuschauer, das auch?

Der Star dieser Talkshow jedenfalls ist hochkarätig. Es ist John Bolton, den Illner eine Viertelstunde vor Sendungsbeginn per Videoübertragung in die USA interviewte. Bolton war für etwas weniger als anderthalb Jahre der Nationale Sicherheitsberater des US-Präsidenten Donald Trump, allerdings in dessen erster und in der Rückschau weitaus harmloseren Präsidentschaft. Bolton war schon damals ein Falke hinsichtlich Iran, ein Anti-Mullah-Hardliner, der auf einen regime change schielte. Trump hörte nicht auf ihn, Bolton trat zurück. Seitdem analysiert dieser öffentlich und in fast regelmäßigen Abständen die Irrungen und Wirrungen seines ehemaligen Chefs.

Ein großes Problem derzeit sei, sagt Bolton, dass nicht ganz klar werde, was Trump da in Iran eigentlich tue. Er irrlichtere herum und erkläre sich nicht. Woher Trumps Begeisterung für Militäraktionen im Ausland stamme, könne er sich nicht erklären. „Um den Grund festzustellen, dafür braucht man vermutlich einen Psychiater“, sagt Bolton. Er schiebt noch hinterher, dass er fürchte, dass Material zum Bau von Nuklearwaffen in den Händen von Terroristen oder der iranischen Revolutionsgarde lande. Und dass er sich vor einem Deal zwischen Trump und dem russischen Machthaber Wladimir Putin fürchte, einem Freund des iranischen Regimes. Einem Deal zulasten der iranischen Bevölkerung und der Ukraine.

Wer mag da widersprechen? Auftritt Armin Laschet: Der CDU-Mann und Vorsitzende des Auswärtigen Ausschuss im Bundestag ist der einzige Politiker im Raum, was der Runde guttut bei einem Thema, das man als Zuschauer gerne durchanalysiert und nicht vor Kameras zerstritten hätte. Laschet liefert dann Gedanken, auf denen es sich lohnt, herumzuhirnen. Etwa, dass die Achse Russland/Iran vielleicht loser sei, als es hier im Westen viele sehen. Oder dass sich in Europa alle oder zumindest fast alle über einen von den USA eingeleiteten Regimewechsel freuen würden. Da verzeiht man ihm auch das Fettnäpfchen auf, an einer Stelle aus Iran plötzlich Irak zu machen.

Die vermutlich spannendste Vorstellung des Donnerstagabends bleibt Hans-Jakob Schindler vorbehalten. Der Sicherheitsexperte wird von Illner erstmals angeredet, indem sie die Hände auf ihn richtet und mit beiden ganz dezent die Form von Pistolen andeutet. Schindler gibt jedenfalls den kühlen Beobachter: Das jetzige Regime müsse weg, schon weil es unglaubliche Rache an den Iranern ausüben werde, wenn es an der Macht bleibe. Nur mit einem neuen oder einem extrem geschwächten Regime sei die Region sicher vor der nuklearen Bewaffnung Irans. Dafür dürfe es kein „Krieg im Tiktok-Format“ bleiben: Dass Trump sich schon jetzt und augenscheinlich aufgrund der Aufmerksamkeitslogik aus dem Konflikt zurückzuziehen drohe, sei gefährlich.

Die Kaffeesatzleserei über Trump ist einer der großen Schwachpunkte der Show

Das Kaffeesatzlesen dessen, was genau Trump nun tut, lässt, denkt und nicht denkt, ist ohnehin der große Schwachpunkt dieser Talkshow. Die Denkfabrik-Chefin Stormy-Annika Mildner und die ZDF-Journalistin Katrin Eigendorf verwenden beide jeweils einen Großteil ihrer Redeanteile darauf, den US-Präsidenten zu rationalisieren. Er sei getrieben durch Wahlumfragen, Börsenkurse, die Allianz mit Israel, und so weiter. Was de facto stimmt. Aber ob es das ist, was ihn wirklich antreibt, weiß vermutlich nur Trump selbst. Mildner jedenfalls sagt noch einen Satz, der unterstreicht, wie sehr real- und machtpolitisch die Zeiten geworden sind. Sie denke, man sei sich hier in der Runde doch einig, dass man den regime change in Iran wolle. Stille im Raum, und ja wirklich: Einstimmigkeit bei den Stichworten regime change und USA, die in Kombination und in nicht allzu langer Vergangenheit noch zu weitaus mehr Streit geführt hätten.

Wer in all der Geopolitik kaum Erwähnung findet, ist das iranische Volk. Insofern füllt der in Iran geborene Journalist Michel Abdollahi eine Lücke. In jeder seiner Antworten geht es um die Iranerinnen und Iraner, die unter dem Mullah-Regime leiden. Um deren Wünsche, Hoffnungen und Widerstandsfähigkeit. Die Menschen in Iran sagten ihm: „Wir wollen atmen. Wir wollen leben.“ Und erst recht, wenn der nächste Gast oder die nächste Gästin wieder über Geopolitik, US-amerikanische Innenpolitik, die Wirtschaft oder den neuesten Wucher an der Zapfsäule redet, weiß man, was man als Zuschauer an solchen Antworten hat. Wir sind, um Illner zu zitieren, sehr dankbar für diesen Gast.