Was ist das: „der Epstein-Skandal“? Es ist schwer, die ungeheuerliche Melange aus Sexualverbrechen, Steuerhinterziehung, Gefälligkeiten und Kontaktpflege wirklich zu verstehen, die durch die neuesten Aktenveröffentlichungen ans Licht getreten ist. Diplomaten, Banker, Politiker, Wissenschaftler, Künstler, Unternehmer und Adelige aus beinahe allen westlichen Ländern beteiligten sich jahrelang oder wussten zumindest von einem verbrecherischen System, das mit hohem finanziellen und logistischem Aufwand operierte. Doch was hielt das Netzwerk im Innersten zusammen? Wie lässt sich die moralische Verdorbenheit jener Elite erklären, die hier unfreiwillig ans Tageslicht gekommen ist?
Am Donnerstagabend wich Maybrit Illner von den sonst üblichen innen- und außenpolitischen Themen ab, um sich dieser Ungeheuerlichkeit anzunähern. Ihre Leitfrage, „Epsteins Netzwerk – Skandal mit System?“, zielte ausnahmsweise ins Herz der Angelegenheit. Zu sehr hat sich die internationale Medienlandschaft darauf eingeschossen, einzelne Mitwisser oder Kontaktpersonen aufzuspüren, zu skandalisieren und von ihren Posten zu verjagen. Die eigentliche Arbeit, das gigantische Konvolut zu sichten, um den Systemcharakter des Epstein-Netzwerks zu begreifen, also das zu verstehen, was über Einzelpersonen hinausragt, steht noch weitgehend aus.
„Epstein klebt an Donald Trumps Schuh wie ein Kaugummi“
Was Illner mit ihren Gästen diskutierte, blieb dennoch zunächst auf der Ebene von Einzelfragen stecken. Der Investigativjournalist Daniel Laufer gab zu Protokoll, was erst am Tage der Sendung die Runde machte: Es gebe starke Hinweise darauf, dass das US-Justizministerium wichtige Teile des Dokumentenbestands nicht veröffentlicht hat – darunter Vernehmungsprotokolle, die zeigten, dass eine Frau Donald Trump wegen Sexualverbrechen beschuldigt habe.

Die Journalistin Annett Meiritz beteuerte, noch würden in den veröffentlichten Akten keine Beweise dafür vorliegen, dass Trump in die von Epstein organisierten Missbräuche verwickelt war. Allein: „Die wichtige Frage ist, was wir noch nicht wissen“, was sich noch finden lässt. Trotzdem zeigte sie sich angesichts der vielen Indizien sicher: „Epstein klebt an Donald Trumps Schuh wie ein Kaugummi.“
Es dauerte lange, bis sich die Moderatorin wieder der eigentlichen Leitfrage zuwandte. Bis es so weit war, wollte sie etwa von der FDP-Europaabgeordneten Marie-Agnes Strack-Zimmermann noch wissen, wie sie es sich erkläre, dass Hillary Clinton sich immer noch so vor ihren Mann stelle, obwohl er mehrmals an verdächtigen Stellen in den Akten auftauche. Ob das wirklich eine sinnvolle Frage ist?
Die Spur des Epstein-Geldes führt auch nach Deutschland
Franziska Brantner, Parteivorsitzende der Grünen, forderte unterdessen, auch in Deutschland strafrechtliche Ermittlungen einzuleiten. Das sei schon deswegen wichtig, um die Erpressbarkeit von Amtsträgern auszuschließen. Man könne ja nicht wissen, was gegen deutsche Politiker oder Beamte vorliege, wer wirklich seine Meinung kundgebe – und wer nur die Meinung derjenigen, die etwas Kompromittierendes über ihn wüssten.
Schließlich drehte die insgesamt wild umherspringende Runde weitere Schleifen: thematisierte die Frage des Opferschutzes, die Beteiligung speziell adliger, norwegischer oder deutscher Eliten. Strack-Zimmermann empfahl, der Spur des Geldes zu folgen, die gerade in Deutschland zunächst zur Deutschen Bank führe, wo Epstein vierzig Konten hielt. Auch der von Illner angestrengte Vergleich mit dem Missbrauchsskandal der Kirchen führte mehr oder weniger ins Nichts, auch wenn er im Nachhinein immerhin die Anwesenheit von Margot Käßmann erklärte, die ehemals dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland vorsaß.
Spät, aber immerhin wandte sich der Blick der Gäste und der Moderatorin wieder aufs Grundsätzliche: Wie ist das erklärbar, dieses „System Epstein“, bei dem die einzelnen Namen der Involvierten – so wichtig es ist, sie zu ermitteln und zu nennen – beinahe austauschbar sind?
Großer Reichtum verschafft Macht – und Straffreiheit
Die von Illner aufgeworfene Theorie, der gemeinsame Nenner sei das Frauenbild der männlichen Täter, beantwortete die Frage nur teilweise. Daniel Laufer, der sich durch gigantische Mengen der Dokumente gewühlt hat, sprach bestätigend davon, dass die Beteiligten von Frauen und Mädchen redeten, „als wären sie Waren“. Das Ganze habe einen „transaktionalen Charakter“ gehabt.
Doch Strack-Zimmermann wandte richtigerweise dagegen ein, dass auch Frauen am System Epstein mitgearbeitet haben. Nicht nur auf der dritten und vierten Ebene: Ghislaine Maxwell, Epsteins langjährige Partnerin, war wesentlich an der Organisation beteiligt. Sie wurde inzwischen in mehreren Anklagepunkten wegen Zuhälterei verurteilt.
Plausibler klang eine Einlassung Käßmanns, die eher trotz als dank der Fragerei der Moderatorin zustande kam: „Die ganz Mächtigen glauben, sie seien unantastbar und könnten straffrei kriminelle Taten begehen.“ Weil sie in allen wichtigen Kreisen gut vernetzt sind – Epstein war wie ein Türöffner –, glaubten sie, ihnen sei nichts anzuhaben. Weder von der Öffentlichkeit noch von der Staatsanwaltschaft. Auch Brantner und – gegen die politische Farbenlehre – sogar Strack-Zimmermann stimmten hier zu.
Das Vertrauen in die Elite ist nachhaltig erschüttert
Großer Reichtum in den Händen weniger, so die gemeinsam gefundene Antwort, verschaffe nicht nur Macht – er lege auch das Gefühl nahe, über dem Gesetz zu stehen, das nur für Normalsterbliche gelte. Man glaube, man komme mit allem durch und dürfe sich nehmen, was immer man wolle. Hier etwas mehr Geld von der Steuer behalten, dort ein Insidergeschäft, hier eine kleine Gefälligkeit im Finanzministerium einfordern, dort einen guten Kontakt zur Staatsanwaltschaft pflegen; schließlich: hier die Herbeischaffung von Minderjährigen zu einer obszönen Party, dort der handfeste Missbrauch, der anschließend vertuscht wird.
Natürlich ist das Beschriebene kein Automatismus: Wer reich ist, wird nicht automatisch zum Täter, unzählige Beispiele echten Mäzenatentums und echter Philanthropie belegen das. Dennoch führt kaum ein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass die Epstein-Akten enthüllen, wie stark großer Reichtum zur strafrechtlichen und moralischen Korruption verführen kann. Die „Epstein-Klasse“, von der Illner gegen Ende sprach, ist glücklicherweise nicht deckungsgleich mit den Funktionseliten in Wirtschaft, Staat, Kultur und Gesellschaft. Aber sie ist groß genug, um das Vertrauen in sie nachhaltig zu erschüttern.
