Mit seiner komisch-melancholischen Volksmusik und seinen hintergründig wortwitzigen Texten hat sich Maxi Pongratz, der Schlaks aus Oberammergau, zu einem Solitär in der Szene entwickelt. Nun hat er nicht nur sein viertes Soloalbum „rum & num“ herausgebracht, sondern auch noch ein neues künstlerisches Etikett erhalten, seit er im Dezember beim renommierten Kabarettwettbewerb in Passau das Große Scharfrichterbeil gewann.
AZ: Glückwunsch, Herr Pongratz, zum Sieg beim Scharfrichterwettbewerb. Wie kamen Sie überhaupt dahin?
MAXI PONGRATZ: Meine neue Booking-Agentur hat mich da eingereicht, ohne mir zunächst davon zu erzählen. Als ich das später meiner Frau gesagt habe, hat die bloß gesagt: „Du spinnst ja“ (lacht). Ich habe schon oft im Scharfrichterhaus gespielt, solo und mit Kofelgschroa. Ich kenne die Leute dort und die hatten mich vorher schon ermuntert, es mal im Wettbewerb zu versuchen. Aber ich habe dann immer die Anmeldung verpasst.
Also gab Ihnen die vertraute Bühne schon einen Heimvorteil?
Das leider nicht. Ich war eher besorgt, weil ich nur eine Viertelstunde Zeit hatte. Ich bin bei Auftritten am Anfang immer ein wenig gschamig und unsicher und brauche normalerweise drei Nummern, bis ich mich eingegroovt habe und merke, dass auch das Publikum mitgeht. Vorher plagt mich eher das Gefühl, es gäbe so eine Unsicherheit auf beiden Seiten. Deswegen hatte ich die Befürchtung, eine Viertelstunde sei zu knapp für mich.

© dpa/Scharfrichterhaus Passau
von dpa/Scharfrichterhaus Passau
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Die Sorge war offensichtlich unbegründet, „hochmusikalisch, mit existenzieller poetischer Tiefe“, charakterisierte die Jury ihren Auftritt.
Ich finde es sehr seltsam, so unterschiedliche Künstler zu vergleichen. Gegenüber der Zweitplatzierten AnnPhie Fritz hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, weil die so saugut war.
Sie haben den Kritikerpreis gewonnen, aber auch den Publikumspreis, das ist doch ein eindeutiges Urteil.
Ich war total geflasht, obwohl es mir gesundheitlich gar nicht so gut gegangen ist. Mein Handy ist dann auch noch ausgefallen und ich konnte niemandem von meiner Trophäe erzählen. Ich hatte vorher davon geträumt, das kleine Beil, also den dritten Platz zu gewinnen. Schon das wäre ja schön gewesen – ein Beweis, dass ich mich nicht blamiert habe.
„Kabarettist? Das kann ich gar nicht!“
Und wo ist das Beil jetzt?
Das hat einen Ehrenplatz in Oberammergau.
Werden Sie jetzt Kabarettist?
Nein, das ist nur ein Label, das von außen kommt. Ich kann das ja gar nicht. Ich habe in Passau mein normales Programm gezeigt: Ich spiele meine Lieder und dazwischen erzähle ich Geschichten, die über die Jahre entstanden sind. Den Wortteil kann ich nicht ausbauen. Ich stottere und deswegen sind die Geschichten mal länger und mal kürzer. Aber ich kann nicht einen langen Text lernen und den bei jedem Auftritt gleich vortragen. Manchmal stockt ein Wort und dann muss ich sprachlich einen Umweg nehmen. Ich kann nicht einmal auf die Bühne gehen und sagen, „Guten Abend, ich bin der Maxi Pongratz.“
Warum nicht?
Weil das P so schwierig ist für mich. Ich muss mich immer so reinschleichen ins Konzert und nach ein paar Nummern ist es dann besser. Kofelgschroa war auch so ein schwieriges Wort für mich.
Nicht nur für Sie. Letztes Jahr sind Sie mit Kofelgschroa in der Olympiahalle aufgetreten als Gast beim zehnjährigen Jubiläum von dicht & ergreifend, vor über zehntausend Leuten.
Das war sehr emotional, wobei ich gar nicht das Gefühl hatte, vor so vielen Leuten zu spielen. Die Bühne war in der Mitte der Halle und ich habe viele Menschen gesehen, die ich schon kannte. In der Erinnerung ist das fast ein intimer Rahmen gewesen.

© Jana Margarete Schuler
von Jana Margarete Schuler
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Kam da nicht die Entscheidung auf, Kofelgschroa wiederzubeleben?
Die Idee kam schon auf, ist aber sofort wieder ins Stolpern geraten, weil einer von uns jetzt eine Berufsschullehrer-Ausbildung macht. Also, wenn wir vier Auftritte im Jahr zusammenbringen, ist das für uns richtig viel. Denn eigentlich sind wir aufgelöst, wir haben ja auch die ganze Infrastruktur nicht mehr, um die vier Musiker regelmäßig unter einen Hut zu bekommen.
Sie könnten ja eine Band gründen mit den Musikern, die auf dem Album mitgewirkt haben?
Ich trete viel im Duo auf mit Simon Ackermann am Kontrabass oder Juri Kannheiser am Cello. Und wenn ich solo unterwegs bin, habe ich mein Akkordeon als Schutzschild.
Wann merken Sie, dass Sie genug Material haben, um ins Studio zu gehen?
Ich komplementiere so nach und nach meine Stücke. Auf dem neuen Album sind einige Ideen schon sehr alt. Für mich ist die Stückeauswahl so wie Memory oder manchmal auch Schwammerlsuchen. Der Song „Schlafstörung“ ist textlich aus dem Jahr 2021.
„Wir haben als Kinder Kreuzigung gespielt“
Ich hoffe, der Text ist nicht autobiografisch?
Zur Zeit geht es besser, aber damals war ja die Corona-Zeit und da wusste man als freier Künstler lange nicht, wie es weitergehen soll und hat sich nachts „rum & num“ gedreht. Es war schlimm, aber ich habe diese Zeit größtenteils verdrängt.
Wie kam es zum „Stotterlied“?
Ich wollte früher mal ein Stotterer-Buch machen, also Stotter-Lyrik. Daraus ist aber nichts geworden. Aber den Liedtext habe ich 2016 dann doch geschrieben. Er hat nur nie auf meine Musik gepasst. Und dann habe ich mir jetzt endlich die Gitarre genommen und für den Text eine Musik komponiert.

© Jana Margarete Schuler
von Jana Margarete Schuler
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Das Passionslied „Früher als Kind“ ist ein Höhepunkt des Albums.
Es ist halt so, wenn die Großen an der Passion teilnehmen, dann kopieren das auch die Jungen in Eigenregie, das ist eine Art unausgesprochene Tradition. Wir haben uns als Kinder vorm Garagentor gegeißelt, Kreuzigungen nachgespielt. Und Judas hat sich im Apfelbaum „erhängt“. Aber in meinem Lied geht es gar nicht so um die große Sache, sondern um das autodidaktische, kindliche Nachspielen der Passion mit slapstickhaften Elementen. Ich habe damals, so glaube ich, schon zum ersten Mal realisiert, wie nahe Ernsthaftigkeit und Komik miteinander verbunden sein können.
„Christian Stückl ist ein Riesensegen für Oberammergau“
Sie haben aber auch bei den richtigen Passionen teilgenommen?
Ja, schon drei Mal. Nur beim letzten Mal habe ich geschwänzt. Aber 2030 muss ich eigentlich wieder mitmachen, es könnte ja sein, dass die Passion das letzte Mal unter der Leitung von Christian Stückl stattfindet. Der war und ist ein Riesensegen für Oberammergau. Aber eine tragende Rolle auf der Bühne hat er für mich nicht. Dafür bin ich ihm zu lustig.
Sie gelten manchen als moderner Valentin, ihre Texte haben bisweilen einen dadaistischen Charakter. Können Sie ein Vorbild benennen?
Nein, einen richtigen Einfluss kann ich jetzt nicht sagen, ich kenne natürlich einiges von Valentin, Achternbusch, ein manischer Leser bin ich aber nicht. Ich versuche auch nicht, unbedingt lustig zu sein.
Aber es kommt bei vielen so an.
Mag sein, aber ich kann nicht kabarettistisch arbeiten, einfach so einen Text schreiben. Es muss immer etwas rauswollen, finde ich. Meine Geschichten sind auch nie erfunden, sondern eins zu eins aus meinem Leben. Manchmal habe ich auch ein komisches Gefühl, das so auszustellen oder gar auszuschlachten. Bei der Musik ist das anders, da kann ich mich einfach hinsetzen und spielen.
Das merkt man. Die Hälfte der Stücke auf dem Album sind instrumental.
Ganz ehrlich: Bevor ich einen halbgaren Text mache, lass’ ich es lieber ganz sein. Und bei manchen Stücken haben die Worte einfach nicht draufgepasst.
Wieso haben Sie eigentlich ein Stress-Lied verfasst, Sie sind doch ein wahnsinnig entspannter Typ.
Offenbar nicht immer. Der Hintergrund ist ein medizinischer. Ich hatte eine Autoimmun-Erkrankung und bin damit von einem Arzt zum anderen gegangen. Die haben gesagt, das käme vom Stress. Aber was heißt das eigentlich? Ich habe dann alle beruflichen Termine abgesagt und mich darauf konzentriert, dass ich keinen Stress habe. Dann habe ich gemerkt, der Stress sitzt in einem drin, der kommt nicht unbedingt von außen. Und keine Konzertanfrage stresst einen Künstler wahrscheinlich mehr als viele Konzertmöglichkeiten. Das alles habe ich dann überspitzt in meinem Song verarbeitet.
Sind mit dem Sieg beim Scharfrichterbeil für das Jahr 2026 einige Buchungen dazugekommen?
Es gibt so kleine Bühnen, wo ich immer schon gespielt habe, da hat sich nichts verändert. Aber es gab auch Veranstalter, wo ich ein paar Mal angeklopft habe, die mich davor aber nicht so ernst genommen haben. Und da öffnet das Beil jetzt schon so manche Tür.
Maxi Pongratz stellt sein neues, beim Münchner Label Trikont erschienenes Album „rum & num“ am 13. und 14. Januar 2026 im Volkstheater vor (ausverkauft), der nächste Münchner Auftritt ist am 22. Februar im Theater im Fraunhofer
