Erstmals seit 1990 hat sich ein Deutscher für ein WM-Kandidatenturnier qualifiziert – und es ist nicht Vincent Keymer. Mit dem deutschen Spitzenspieler hätte man noch rechnen können beim „Grand Swiss“ im usbekischen Samarkand, wo zwei Startplätze ausgespielt wurden. Doch Keymer teilte zwar am Ende Platz zwei hinter dem niederländischen Turniersieger Anish Giri.
Nach Zweitwertung war er letztlich aber nur Vierter, nachdem er am Ende zwei mühsam erarbeitete Gewinnstellungen verspielt hatte. Vergleichsweise banal war sein zweizügiger Einsteller, als er am Sonntag seinen Gegner ins Remis entwischen ließ. Dessen Name: Matthias Blübaum, der nun völlig überraschend einen der acht Startplätze beim Kandidatenturnier ergattert hat.
Diesen für sein eigenes Resultat entscheidenden Moment hatte sich Blübaum nach eigenen Worten zufolge nicht erspielt, denn der von Keymer übersehene Trick ergab sich zufällig. Es sei Glück, unverdient gewesen, sagte Blübaum: „Ich war seit eineinhalb Stunden sicher, dass ich verlieren werde, und hasste mein Leben, weil es dann für mich um nichts mehr gegangen wäre.“
Nach dem Remis gegen Keymer konnte er entspannt in die letzte Runde gehen und solide spielen, denn sein Gegner, Alireza Firouzja, aktuell Nummer acht der Welt, brauchte einen Sieg. Diese Ausgangslage lag Blübaum. In früheren Runden hatten die Inder Praggnanandhaa und Arjun, Nummer vier und fünf der Weltrangliste, gegen ihn mehr riskiert, als ihre Stellung hergab. Nie zuvor hatte er so starke Gegner geschlagen. Gegen Firouzja reichte ein Remis für Platz zwei und den Sprung ins Kandidatenturnier, wo 202 der Herausforderer für Weltmeister Gukesh aus Indien ermittelt wird.

Vor dem Turnier habe er sich keine Chance ausgemalt, sagt der 28 Jahre alte Westfale. Seit seiner Jugend hat er keinen festen Trainer mehr. Bundestrainer Jan Gustafsson stehe für Fragen zur Verfügung, doch er habe sich in Samarkand allein vorbereitet. Während Keymer seit Jahren vom früheren Weltklassespieler Péter Lékó gecoacht wird und zwei Sponsoren hat, ist Blübaum darauf angewiesen, was er an Preisgeldern und Honoraren für seine Ligaeinsätze einnimmt.
Seit 2017 spielt er für den Bundesligisten Deizisau mit Ausnahme einer Saison an einem der ersten Bretter. Dabei sammelt er bisher am meisten Erfahrung gegen nominell stärkere Gegner. Gegen schwächere Gegner, wie er sie bei offenen Turnieren vorgesetzt bekommt, punktet Blübaum nicht so erfolgreich, weil er ungern Risiken eingeht. Dafür gewann er 2022 und wieder im März als Außenseiter die Europameisterschaft, einmal als Nummer 20, einmal als Nummer 17 der Setzliste. Wegen der geringen Dotierung ist die Weltklasse bei Europameisterschaften nicht vertreten. Sein Preisgeld in Samarkand, 62.133 Dollar, ist sein bisher bester höchstes. In der Weltrangliste rückt er auf 2693 Elopunkte vor und wird erstmals unter den besten Vierzig geführt.
Dass Deutschland unterhalb der Weltklasse breit aufgestellt ist, geht auf das bei der Schacholympiade 2008 in Dresden aufgelegte „Prinzen“-Förderprogramm zurück. Für Blübaum bedeutete es Trainings mit verschiedenen Großmeistern. Nach dem Abitur mit 17 konnte er ein Schachjahr einlegen. Außer ihm haben es Alexander Donchenko und Rasmus Svane ins Nationalteam gebracht. Dennis Wagner besitzt sportlich nahezu das gleiche Niveau, ist aber Programmierer statt Profi geworden. Blübaum hat vor drei Jahren ein Mathematikstudium in Bielefeld abgeschlossen und setzt seitdem voll auf Schach.
