Martin von Arndt, 1968 in Ludwigsburg geboren, wurde mit einer Arbeit über tiefenpsychologische Bibelexegese promoviert. Er schrieb in der Folge Erzählungen, Sachbücher, Theatertexte und Gedichte, übersetzte Lyrik aus dem Französischen, Englischen, Spanischen und Ungarischen, legte acht Romane vor, von denen einige im Grenzgebiet zwischen Zeitgeschichte und Politthriller angesiedelt sind – mit Themen wie dem Völkermord an den Armeniern, dem ungarischen Volksaufstand (Arndts Eltern stammen aus Ungarn) und den „Rattenlinien“, den Fluchtrouten von NS-Verbrechern am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Philippe Sands in seinem Sachbuch-Klassiker aufgeschlüsselt hat.
In seinem neuen Politthriller mit dem sonderbar pathetischen Titel „Der Wortschatz des Todes“ kommt eine neue weibliche Hauptfigur ins Spiel: Irina Starilenko. Aus Russland stammend, machte sie als Ermittlerin im Kriminalvollzugsdienst beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden Karriere, Abteilung politisch motivierte Kriminalität. Als der Roman einsetzt, ist sie, ein wenig zögerlich noch, Privatermittlerin. Der erste Auftrag kommt ausgerechnet von ihrem opaken Bruder Konstantin, der in einer unterirdischen Wohngemeinschaft lebt und sich politisch radikalisiert hat.
Sie muss immer die Stärkste sein
Er fürchtet um seinen Freund Oleksandr Kowaltschuk, der vor den Russen aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet ist und nun in U-Haft sitzt, weil er des Mordes an einem polnischen Geschäftsmann verdächtigt wird. Tatsächlich gesteht Kowaltschuk den Mord, allerdings aus einer Zwangslage heraus. Denn just zur Tatzeit hat er zusammen mit Konstantin in Mecklenburg-Vorpommern ein Haus der Identitären abgefackelt. Umgekehrt kann Konstantin nicht für seinen Freund aussagen, weil er auf Bewährung draußen ist und eine Haftstrafe riskieren würde.

Dass ihr Bruder der Grund war, warum Irina ihren erfüllenden Job als Kriminalhauptkommissarin beim BKA aufgab, verkompliziert die Ausgangslage weiter: Über kurz oder lang wäre Konstantin nebst seiner anarchistischen Zelle als linksextremistischer Beobachtungsfall eingestuft worden, und das wäre Irina auf die Füße gefallen. Ausgerechnet aus dieser Zwickmühle soll sie nun einen Ausweg finden. Das Zeug dazu hat sie, aber wie nahe kommt sie sich dabei selbst, und welche verschütteten Erinnerungen legt sie damit frei? Denn Irina schleppt ein Trauma mit sich herum, das ursächlich am Krebstod des Vaters hängt, eines Strahlenmediziners, der in Tschernobyl im Einsatz war. Jahrzehnte später träumt sie, wenn sie denn schlafen kann, vom Vater und dem Auftrag, den er ihr gegeben hat: Sie solle für die Familie sorgen, weil sie die Stärkste sei.
Ohne Hackerin kommt heute keiner mehr aus
Eins achtzig groß, dunkle Stimme, kampfsporttrainierter Körper, schwarz gefärbter Kurzhaarschnitt, beeindruckende Erscheinung und rätselhaft, weil intergeschlechtlich geboren, ist Irina hauptsächlich verliebt in ihren Hund Shun, einen armenischen Gampr. Zuneigung verspürt sie auch gegenüber Xenia, der Tochter ihrer depressiven Schwester, die sie frech „Tantchen“ nennt. Gerade eben im Backfischalter, hat sie bereits erstaunliche Fähigkeiten als Hackerin; die Versuche, sie in Internaten zu parken, wollen nicht gelingen.
Von Arndt hat intensiv recherchiert im Umfeld von BKA und BND, und er hat den Mut, sich auf ein Thema einzulassen, das seit vier Jahren die Nachrichten dominiert – den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, Putins Drohgebärden gegen den Westen und das Narrativ, wir befänden uns in einer Vorkriegszeit. Manchmal greift der Autor ins Bildungssprachliche („Im prononciert von der Seite einfallenden Licht“), aber das kann den soliden Eindruck nicht schmälern. Von Arndt ist ein kompakter, durchgehend auf Zug geschriebener, sehr heutiger Thriller gelungen.
Der sogar Elemente von Humor enthält. Preisfrage: Wer ist üblicherweise der Täter im „Tatort“? „Immer der bekannte Schauspieler, der am Anfang nur einmal zu sehen ist“, das verrät Irina dem Pflichtverteidiger Kowaltschuks, bevor der Roman auf das im Genre unverzichtbare, ausgedehnte Action-Finale zusteuert. Weil Irina nach einem Informations-Tauschhandel mit ihrem alten Arbeitgeber dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB in die Quere kommt, schickt Moskau einen Likvidator. So viel Spoiler darf sein: Der zweite Band mit Irina Starilenko ist in Arbeit.
Martin von Arndt: „Der Wortschatz des Todes“. Kriminalroman. Ars Vivendi Verlag, Cadolzburg 2025. 288 S., br., 18,– €.
