Martin Schmitt: Der erste Popstar des Skispringens

In einer Randsportart steigt ein Deutscher zum absoluten Star auf: Martin Schmitt. Der Skispringer wird in den 1990er-Jahren zum Idol. Doch die Popularität hat auch ihren Preis. „Wenn ich mit dem Auto zum Training fuhr, kam es vor, dass ich verfolgt wurde“, sagt er.

Es waren die verrückten Zeiten des Skispringens. Die Fans kamen schon am frühen Morgen zu den Schanzen, in Windeln gepackt, um für einen Toilettenbesuch ihren Platz in der ersten Reihe nicht aufgeben zu müssen. Die Zuschauerränge – ein Meer von lilafarbenen Schirmmützen. Vor den Hotels lauerten Hunderte Autogrammjäger, um einen Blick auf ihr Idol zu erhaschen. Die Groupies hielten Schilder in die Höhe, auf denen sie sich ein Kind von ihrem Herzensspringer wünschten. An den Fernsehgeräten fieberten mehr als zehn Millionen Fans mit. RTL schickte Günther Jauch an die Schanzen und pushte die „Formel 1 des Winters“. Und mittendrin: Martin Schmitt, der erste Popstar des Skispringens.

„Wenn ich mit dem Auto zum Training fuhr, kam es vor, dass ich verfolgt wurde“, erzählt der heute 48-Jährige. „Auch rote Ampeln schreckten die Fans nicht ab.“ Manche kletterten sogar in den Garten und schauten von außen ins Wohnzimmer der Familie Schmitt im Schwarzwald-Ort Tannheim. Einige klingelten einfach, um ihrem Idol einmal die Hand zu schütteln. Die Fanpost kam kistenweise und füllte erst einen ganzen Raum in der Einliegerwohnung, dann auch noch den Flur. „Heiratsanträge, Plüschtiere, aus Gummibärchen gebastelte Sprungschanzen oder Trophäen aus Marzipan – es war alles dabei“, sagt Schmitt, der in diesem Winter auch zu Gast im WELT-Podcast WELTMeister war.

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Dabei kam der Villinger eher zufällig zum Skispringen. Mit sechs begleitete er seinen rund zweieinhalb Jahre älteren Bruder Thorsten zu einem Skisprung-Wettkampf nach Menzenschwand im Schwarzwald. Er hatte Alpin-Ski dabei und wollte mit seiner Mutter auf der Piste neben der Schanze ein paar Abfahrten machen. Zum Spaß wagte er – mit halbem Anlauf – einen Sprung von der 20-Meter-Schanze. Das Fliegen gefiel ihm so gut, dass er sofort am Kinderwettbewerb teilnahm – und mit der Weite von elf Metern Zweiter wurde. „Ab da war ich Skispringer“, sagt Schmitt. Sein großes Vorbild: der Finne Matti Nykänen († 55), der zu der Zeit in Sarajevo 1984 seinen ersten von vier Olympiasiegen holte.

Mit 18 schaffte es Schmitt, Internatsschüler am Ski-Gymnasium Furtwangen, in den Weltcupkader. Bundestrainer Reinhard Hess († 62) war zunächst skeptisch, doch Schmitts Heimtrainer Wolfgang Steiert († 61) überredete ihn. „Ich habe auf der 120-Meter-Schanze keinen einzigen Sprung über 100 Meter geschafft“, erinnert sich Schmitt exemplarisch an sein schwieriges Debüt in Harrachov (Tschechien).

Doch dann hob er ab. Mit 19 gewann er bei der WM 1997 in Trondheim (Norwegen) Team-Bronze. „Zu Beginn hat sich Dieter Thoma sehr um mich gekümmert“, sagt Schmitt. „Ich habe als Jugendlicher sogar einen Sprunganzug von ihm bekommen, worauf ich megastolz war. Damals wurde die Passform ja noch nicht kontrolliert. Ich musste auch keine Neulingspflichten übernehmen, anders als bei den Japanern – da musste Funaki die Ski-Säcke von Harada und Kasai tragen.“

„Der reine Wahnsinn“

Bei den Olympischen Spielen 1998 in Nagano (Japan) gewann Schmitt mit den „Schwarzwald-Adlern“ Dieter Thoma, Sven Hannawald und Hansjörg Jäkle Mannschafts-Silber. „Die Atmosphäre in Nagano war der reine Wahnsinn. Das war eines der lautesten Springen, das ich in meiner Karriere erlebt habe – lauter sogar als bei der Vierschanzen-Tournee in Oberstdorf“, sagt Schmitt.

Im folgenden Winter begann die goldene Schmitt-Ära. „Die Team-Medaillen waren ein guter Start, aber ich wollte mehr“, sagt er. „Nach der Saison trainierte ich durch und wechselte die Skimarke von Elan zu Rossignol, was sich positiv auswirkte.“

Schmitt gewann 28 Einzel-Weltcupspringen – nur Jens Weißflog mit 33 Siegen war von den deutschen Springern noch erfolgreicher –, holte sich 1998/99 und 1999/2000 die große Glaskugel für den Gesamtweltcupsieg. „Auf diese beiden Trophäen bin ich besonders stolz, weil sie die ehrlichste Auszeichnung sind und belegen, dass ich zwei Winter lang der beste Skispringer der Welt war“, sagt Schmitt. Noch dazu gewann er bei den Weltmeisterschaften 1999 in Ramsau (Österreich) und 2001 in Lahti (Finnland) zweimal Einzel-Gold von der Großschanze und zweimal Team-Gold.

Schmitt, Deutschlands Sportler des Jahres 1999, stieg auf zum Topstar und Teenie-Idol. An den Schanzen dominierte die Farbe Lila von seinem Kopfsponsor, der ihm zwischenzeitlich pro Jahr inklusive der Erfolgsprämien geschätzt eine halbe Million Euro zahlte. Es gab Martin-Schmitt-Käppis, -Tassen, -Shirts und -Bettwäsche, in der u. a. der spätere Olympiasieger Andreas Wellinger als kleiner Junge schlief. In Furtwangen wurde eine Straße nach ihm benannt.

„Die Deutschland-Fahne von der Eröffnungsfeier hing über unserem Bett“

Doch im Winter 2001/02 bekam Schmitt Konkurrenz um die Gunst der Fans. Er selbst hatte mit einer hartnäckigen Patellasehnenentzündung in den Knien zu kämpfen und lieferte nicht wie vorher die Siege in Serie. Sven Hannawald dagegen gewann als erster Skispringer der Geschichte alle vier Springen der Vierschanzen-Tournee und lief Schmitt den Rang ab. „Ich habe ihm das von Herzen gegönnt, wir hatten immer ein gutes Verhältnis“, sagt Schmitt. Dennoch veränderte sich der Umgang im Laufe der Jahre. Aus Freunden wurden auch Konkurrenten.

Als beide im Nachwuchskader waren und zusammen am Stützpunkt Hinterzarten trainierten, zogen sie gemeinsam um die Häuser. „Wir waren oft zu dritt zusammen mit meinem Bruder unterwegs und sind in Freiburg, Singen oder Donau­eschingen in die Disco gegangen“, sagt Schmitt. „Wenn wir dann spät nach Hause kamen, hat Sven das eine oder andere Mal bei uns übernachtet. Später, als wir bekannter wurden, war es nicht mehr so einfach auszugehen. Da sind wir lieber zu Hause geblieben. Außerdem waren wir sehr professionell und haben uns auf den Sport konzentriert.“

Im Training spornten sich Schmitt und Hannawald gegenseitig an. „Der eine hat vom anderen profitiert“, sagt Schmitt. „Auch abseits der Schanze haben wir uns viel ausgetauscht, weil wir durch ähnliche Situationen gegangen sind. Das betraf das Sportliche, aber auch das ganze Drumherum mit der großen Popularität.“

Bei der WM 1999 schliefen Schmitt und Hannawald in einem Zimmer – dem fliegenden Doppelzimmer. Schmitt gewann Gold, Hannawald Silber. „Das war eine Riesensache für uns“, sagt Schmitt. „Wir hatten uns von Anfang an eine Menge vorgenommen. Die Deutschland-Fahne von der Eröffnungsfeier hing über unserem Bett.“

Auch bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City (USA) feierten Schmitt und Hannawald einen gemeinsamen Triumph, als sie zusammen mit Stephan Hocke und Michael Uhrmann Mannschafts-Gold gewannen. Schmitt sprang am weitesten im deutschen Quartett und sicherte den minimalen Vorsprung von 0,1 Punkten, umgerechnet weniger als zehn Zentimeter, auf die Finnen.

Die Vierschanzen-Tournee konnte Schmitt auch in seiner besten Zeit nicht gewinnen. „Es sollte nicht sein“, sagt er. „In drei Jahren hatte ich eine realistische Chance, habe auch dreimal das Auftaktspringen in Oberstdorf gewonnen. Aber dann kam immer etwas dazwischen – sei es ein Sturz, falsch geschliffene Ski oder ein Magen-Darm-Infekt. Man war damals auch abhängig von den äußeren Bedingungen, da es noch keine Windkompensation gab.“

Entwicklung verschlafen

Als 2003 die Materialvorschriften geändert und die Anzüge enger wurden, tat sich Schmitt schwer. Noch dazu nutzten die Österreicher ein Schlupfloch im Regelwerk und erschienen mit extrem tiefem Schritt bei ihren Anzügen an den Schanzen, was ihnen zusätzliche Auftriebsfläche in der Luft gab. „Den Trend haben wir damals im Team verschlafen. Uns fehlte es in der Anzugsentwicklung an Know-how“, sagt Schmitt, den auch noch eine Knie-OP zurückwarf. Sein Weltcupsieg am 1. März 2002 in Lahti sollte sein letzter bleiben.

Doch Schmitt gab nicht auf, suchte den Anschluss an die Weltspitze und sprang bis ins Alter von 36 Jahren weiter. „Die Fragen nach meinem Rücktritt kamen immer öfter, aber es gab immer wieder Momente, wo ich das Gefühl hatte, für mich ist noch etwas drin“, sagt er. „Ich wollte niemandem etwas beweisen – außer mir selbst. WM-Silber 2009 war dann eine tolle Bestätigung. Außerdem hatte ich immer ein großes Interesse an der Trainingswissenschaft und Biomechanik und wollte mich weiterentwickeln, neue Methoden ausprobieren.“ Beim Neujahrsspringen 2014 in ­Garmisch-Partenkirchen sprang Schmitt das letzte Mal.

Das Thema Gewicht begleitete ihn während seiner ganzen Karriere. „Es war nicht leicht, auf mein Wettkampfgewicht von 64 Kilo zu kommen und das in der Saison zu halten“, sagt der 1,81 Meter große Schmitt „Aber ich hatte keine andere Wahl. Über 65 Kilo war ich nicht konkurrenzfähig.“ 2010 gelang der Balanceakt in der Trainingssteuerung nicht, was ein Erschöpfungssyndrom nach sich zog.

Heute arbeitet er als TV-Experte bei Eurosport, betreibt mit seinem langjährigen Manager Hubert Schiffmann eine Sportmarketing-Agentur und ist Talentscout beim Deutschen Ski-Verband (DSV). Ist ein neuer Schmitt in Sicht? „Wir haben einige vielversprechende Talente“, sagt der Olympiasieger. „Aber die Breite ist sicher nicht so groß wie zum Beispiel in Österreich.“

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.