Marokko stolz nach Afrika Cup trotz Finaldrama gegen Senegal

Buchstäblich in letzter Minute fiel ein Schatten auf das Fußballfest. Senegal schlug Marokko in einem dramatischen Endspiel, das von einem Eklat um einen umstrittenen Elfmeter geprägt war. Mit dem erhofften Heimsieg konnten die „Atlaslöwen“ den Afrika-Cup nicht krönen. Aber schon vor dem Finale hatten sich viele Marokkaner als Sieger gefühlt. Denn das kleine nordafrikanische Land sieht sich nicht nur sportlich immer mehr als regionale Großmacht.

Als „historisch“ bejubelten marokkanische Medien den Afrika-Cup, bevor ihre Auswahl es ins Finale geschafft hatte. Marokko habe bewiesen, dass es ein „kontinentales Großereignis meistern kann“, schreibt stolz das Portal „Hespress“. Laut einer Umfrage sind mehr als 70 Prozent der Ansicht, dass das Turnier das Ansehen des Maghrebstaats steigern werde. Sie erwarten vor allem, dass noch mehr Touristen kommen werden: Mit 19,8 Millionen Besuchern hat Marokko 2025 abermals Ägypten überholt.

Afrika-Cup als Probelauf für Fußball-WM 2030

Zwischen 2023 und 2025 wurden nach offiziellen Angaben rund 880 Millionen Euro für die Modernisierung von sechs Stadien bereitgestellt. Dazu kommt eine Budgeterhöhung von bis zu 560 Millionen Euro für Anpassungen an FIFA-Standards. In der Nähe von Casablanca wird zudem bis ins Jahr 2028 das „Stade Hassan II“ fertig sein. Für knapp eine halbe Milliarde Euro soll es mit 115.000 Plätzen nach marokkanischen Angaben die größte Arena der Welt werden.

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Doch diese Investitionen stießen im vergangenen Jahr bei jungen Marokkanern auf Widerstand. „Krankenhäuser statt Fußballstadien“ lautete der Schlachtruf der „GenZ212“. So nennt sich die unzufriedene Generation Z in dem nordafrikanischen Land, „212“ ist die internationale Vorwahl.

Es kam zu den größten landesweiten Demonstrationen seit dem Arabischen Frühling 2011. Die Proteste ebbten nach einem harten Durchgreifen der Sicherheitskräfte mit mehreren Toten bald ab und flammten auch während des Turniers nicht wieder auf. Zeitweise hatte es Boykottaufrufe gegeben, aber es blieb ruhig.

Klage über ein „Marokko der zwei Geschwindigkeiten“

Fußball dürfe nicht von den wirklichen Problemen Marokkos ablenken, fordern Aktivisten. Hunderte von ihnen wurden inhaftiert, einige zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. Nicht nur sie beklagen ein „Marokko der zwei Geschwindigkeiten“. Auch Politiker sprechen von den großen Ungleichheiten in dem Königreich, die besonders die unterentwickelten ländlichen Gebiete und die junge Bevölkerung betreffen.

Mehr als 40 Prozent aller Marokkaner sind jünger als 25 Jahre. Nach offiziellen Angaben hatten demnach 2025 fast 36 Prozent keine Arbeit. 2,5 Millionen Menschen leben in extremer Armut. Auf die Proteste reagierte die Regierung mit der Ankündigung, zusätzlich 13 Milliarden Euro für Gesundheit und Bildung auszugeben.

Qatar und Saudi-Arabien dienen als Vorbild

Fast so viel Geld fließt in die Wüste. In der früheren spanischen Westsaharakolonie schafft Marokko mit Großprojekten Tatsachen, um seinen Anspruch auf das umstrittene Gebiet zu untermauern. Mit „Diplomatie in Stollenschuhen“ beschreibt das Magazin „Maroc Hebdo“, wie Marokko nach dem Vorbild Qatars und Saudi-Arabiens den Fußball zu nutzen versucht, um seinen internationalen Einfluss zu stärken und diesem Ziel näher zu kommen.

Fußballerisch ist das bereits gelungen. Marokko schlug beim Cup den regionalen Rivalen Algerien. Die Regierung des Nachbarlandes ist Schutzmacht der Polisario-Befreiungsfront, die für die Unabhängigkeit der Westsahara kämpft.

König Mohammed VI. plagen Rückenprobleme

Treibende Kraft hinter all diesen Plänen ist König Mohammed. Aber er trat bei dem Turnier bis Sonntag nicht in Erscheinung. Nach den überraschenden Erfolgen bei der WM 2022 ließ er sich in einem Trikot des Nationalteams durch die Straßen fahren. Seit November hält er sich angeblich am Golf auf; zuletzt machten ihm nach offiziellen Angaben akute Rückenprobleme zu schaffen.

Schon in der Vergangenheit war er oft monatelang abgetaucht und hielt sich in seinen Residenzen in Paris oder Westafrika auf. Das gab Spekulationen neue Nahrung, wonach es aus gesundheitlichen Gründen früher als erwartet einen Wechsel auf dem Alawidenthron geben könnte.

Beim Afrika-Cup wurde Kronprinz Moulay Hassan zu einem umjubelten Star. Bisher zeigte sich der 22 Jahre alte Thronfolger distanziert. Jetzt begrüßte er beim Eröffnungsspiel lächelnd beide Mannschaften mit Handschlag, dann übernahm er selbst den zeremoniellen Kick-off im strömenden Regen; bei vielen Spielen waren er und seine Schwester dabei. Auch das war eine Botschaft: Marokko feiert seine Beziehungen zu Afrika, wo nicht nur die „Atlaslöwen“ eine Führungsrolle anstreben.