Markus Lanz: Norbert Röttgen, der Zerstörer aller Illusionen – Medien

Vielleicht lag es daran, dass in der Sendung von Markus Lanz im ZDF gestern Abend neben dem CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen nur Journalisten eingeladen waren. Aber als man schließlich den Fernseher ausstellte, um ins Bett zu gehen, ließ einem das Gefühl nicht los, dass man zwar kaum Menschen streiten gesehen, dafür aber umso mehr erfahren hatte. Über die Hintergründe der Verhandlungen von Russland und der Ukraine. Über Talkshows ohne Kontrahenten. Über klare Worte in einer unklaren Weltlage. Und ein bisschen auch über die Möglichkeit eines Remakes des Filmklassikers Being John Malkovich.

Die Journalisten neben Röttgen waren Mariam Lau von der Zeit und Bojan Pancevski vom Wall-Street-Journal. Zugeschaltet aus Abu Dhabi war ZDF-Russland-Korrespondent Armin Coerper und aus dem ukrainischen Donbass der WELT-Reporter Ibrahim Naber. Letztere waren sich einig, dass bei den aktuellen Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine in Abu Dhabi eine größere Ernsthaftigkeit zu spüren sei. Über einen möglichen Ausgang fand Coerper sogleich deutliche Worte: Putin sei mit zwei behauptenden Behauptungen in den Krieg gezogen: Die Nato stünde kurz davor, westliche Truppen in der Ukraine zu stationieren. Und: Er müsse den Donbass von vermeintlichen Nazis zu befreien. „Drunter kann er es nicht machen.“

Putin werde einem Friedensplan nicht zustimmen, in dem der Donbass ukrainisch bleibt und der es der Ukraine erlaubt, NATO-Truppen auf eigenem Staatsgebiet stationieren zu lassen. Zu hoch sei die Zahl der russischen Opfer und die Kosten dieses Krieges für Putin. Coerper berichtete dann, wie der Angriffskrieg gegen die Ukraine nun auch in Russland zu spüren sei. Es gebe flächendeckend im ganzen Land immer wieder Stromausfälle. Das Internet werde abgeschaltet. Die Flughäfen würden geschlossen. Und vor allem: „Die Preise steigen.“ Um den Krieg weiter zu finanzieren, hätte Putin zum Jahresanfang die Mehrwertsteuer erhöht. Die Menschen fragten sich jetzt: „Wofür das alles?“, so Coerper. Und Putin stehe unter Druck, den Donbass zu erobern.

Wenn der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij Frieden will, hatte der Journalist Bojan Pancevski vom Wall Street Journal davor schon eingeworfen, muss er den ganzen Donbass abgeben. „Die Ukraine muss den Russen schenken, was sie militärisch nicht gewinnen können.“ Als man diesen hervorragend informierten Gästen so zuhörte, erwischte man sich beim Eindruck, den man in politischen Talkshows zur Außenpolitik schon länger nicht mehr hatte: Dass nämlich hier eine völlig unordentlich gewordene Welt zumindest mit Worten aufgeräumt wurde. Natürlich war das eine Illusion. Und für ihre Zerstörung war an diesem Abend Norbert Röttgen zuständig.

Er hatte geduldig mindestens eine halbe Stunde schweigend gewartet, manchmal genickt, bis ihm Lanz die erste Frage stellte. Sie zielte auf die Sicherheitsgarantien für die Ukraine und darauf, ob Deutschland diese leisten könne. „Wir haben noch nicht mal das Potenzial dafür“, begann er seine Antwort und kurz man fragte sich, ob ihn die deutlichen Worte der Journalisten angesteckt hatten. Russland habe etwas mehr als eine Million Soldaten im Feld, so Röttgen weiter. Die Frage sei daher: „Was können wir überhaupt? Und, was wollen wir überhaupt?“

Röttgens unbequeme Wahrheit: „Die Regierung Trump will mit Russland Geschäfte machen.“

Er halte es für ausgeschlossen, dass die Trump-Regierung der Ukraine Sicherheitsgarantien zur Verfügung stelle, für den Fall, dass ein vereinbarter Waffenstillstand von Russland gebrochen wird. „Die Regierung Trump will mit Russland Geschäfte machen. Sie will nicht Krieg gegen Russland führen, sondern mit ihnen Ölgeschäfte machen.“ Es waren scheinbar unumstößliche Stanzen, die Röttgen da ins Mikrofon buchstabierte. Und bevor man schon wieder das Gefühl bekommen konnte, dass hier einer diskursiv eine globale Unordnung aufräumte, begann Röttgen über die europäischen Sicherheitsgarantien zu sprechen.

Oder das, was auf Basis von Versprechen Frankreichs und Großbritannien, manche dafür hielten: „Man redet da über ein paar Tausend Soldaten. Ein paar Tausend Soldaten. Die sollen jetzt eine Garantie für die Sicherheit der Ukraine übernehmen? Wie soll denn das funktionieren?“, so Röttgen. Ob denn überhaupt in Europa die Frage politisch schon erörtert worden sei, ob mit fünftausend Soldaten in einen Krieg gegen Russland ziehen will? Äh, ne, wollte man Röttgen vom Sofa aus antworten und fragte sich gleichzeitig: War der Norbert Röttgen hier im Fernseher wirklich der Norbert Röttgen von sonst? Oder war in einer Art politischem Reenactement des Filmes Being John Malkovich ein Anderer im Kopf des CDU-Politikers eingezogen, um diesen nun in aller Härte Verbündete wie Frankreich und Großbritannien kritisieren und ununterbrochen Klartext reden zu lassen?

Das Gleich schien sich Markus Lanz zu fragen, als er auf den Taurus-Marschflugkörper zu sprechen kam, den Merz als Oppositionspolitiker ständig für die Ukraine forderte, um ihn nun als Kanzler nicht zu liefern. Lanz: „Herr Röttgen, wären Sie immer noch für die Lieferung des Taurus?“ Röttgen: „Ich war dafür und ich bin immer noch dafür.“ Wie jetzt, fragte man sich kurz, lässt Norbert „John Malkovich“ Röttgen seine unumstößliche Stanzen nicht bloß auf Verbündete Länder sondern nun auch auf seinen Chef Friedrich Merz los?

Als Röttgen ausgeredet hatte, durfte man, zumindest was Merz betraf, beruhigt sein. Röttgen lobte ausgiebig Merz für seine „enorme Initiative“ im gescheiterten Versuch, 160 Milliarden Euro russisches Vermögen für die Ukraine zu mobilisieren. Die Verhinderer kamen dagegen schlecht weg: Der belgische Ministerpräsident, die italienische Ministerpräsidentin und der französische Staatspräsident hätten die existenzielle Dimension dieser Frage noch nicht begriffen und seien „an dieser historischen Stelle auf der falschen Seite“ gestanden.

Und der Taurus?, wollte Lanz nochmal wissen. Da gäbe es nun eine industrielle Kooperation zwischen Deutschland und der Ukraine, so Röttgen. Dass die Lieferung nun auch unter Merz bisher ausgeblieben sei, liege an Olaf Scholz. Dieser habe die Stimmung gegen die Auslieferung des Marschflugkörpers als Bundeskanzler so sehr geschürt, dass es dafür nun heute in der Bevölkerung keine Mehrheit mehr gäbe. Damit war klar: In Röttgens Kopf war niemand eingekehrt, der ihn unentwegt politische Wahrheiten aussprechen ließ. Zumindest was seinen Chef betraf, stand er ihm im Notfall auch mit einer sehr steilen Behauptung bei.