Er kannte seinen Faust, selbst der Tragödie zweiten Teil. Zitierte die Worte, mit denen Mephisto Faust ins Reich der Mütter und Göttinnen schickt, einfach mal eben so in einem Telegramm: „Versinke denn! Ich könnt auch sagen: steige!“ Dabei ging es ihm noch gar nicht um den Auftrag zu Goethes Werk, den vergab er erst später. Er wollte nur seiner Ansicht Ausdruck verleihen, dass dieses Reich der Mütter und Göttinnen doch auch Sehnsuchtsort eines Künstlers sein müsse.
Der Künstler und damit Adressat des Telegramms war Max Beckmann, er saß mit seiner Frau Quappi in Amsterdam im Exil. Aufgesetzt hatte die Nachricht ein mutiger und großartiger Mann aus Frankfurt: Georg Hartmann. Wollen wir eine Umfrage machen? Kein Mensch kennt Georg Hartmann. Was so natürlich nicht stimmt.
Beckmann hingegen, Frankfurts Malerstolz, kennt jeder. Seinen Stil auch, er wird unverkennbar. Achtzehn Jahre lang, von 1915 bis 1933, hat Beckmann in Frankfurt gelebt, wohnte in Sachsenhausen in der Schweizer Straße Nummer 3 bei seinem Künstlerfreund Ugi Battenberg und dessen Frau Fridel.
An der Städelschule leitet Beckmann die Meisterklasse für Malerei
Eigentlich war nur ein kurzer Besuch geplant. Es kam anders. Battenberg hatte Beckmann 1902 in Weimar auf der Kunstschule kennengelernt. Jetzt ließ er ihn sein Atelier benutzen. Praktischerweise lagen Wohnung und Atelier gleich ums Eck vom Städel. Beckmann leitete an der Städelschule, die damals aber noch nicht so hieß, die Meisterklasse für freie Malerei. Mit im Haus wohnte zunächst Walter Carl, der Bruder von Fridel Battenberg, ein Kunsthändler und Sammler alter Skulpturen.
Georg Hartmann tat es ihm gleich, er scharte auch mittelalterliche und barocke Skulpturen um sich. Beckmann trennte sich in seinen Frankfurter Jahren von seiner ersten Frau Minna und heiratete die Künstlertochter Mathilde von Kaulbach. Quappi eben. Er hat sie ungezählte Male mit Pinsel und Farbe verewigt. Beckmann wurde berühmt, alle Welt kannte ihn und er alle Welt, auch Georg Hartmann.
Mit den Nationalsozialisten änderten sich die Zeiten jedoch. Gut zwei Jahrzehnte später wurde Hartmann sein Förderer im Exil, ihm verdankte Beckmann zwei lukrative Aufträge, die für beide nicht ungefährlich waren. Der eine lautete: Illustriere mir die Apokalypse, die Offenbarung des Johannes. Der andere, illustriere mir Faust II: „Versinke denn! Ich könnte auch sagen: steige!“ Das Zitat aus dem Telegramm findet sich wieder im Titel einer Zeichnung aus dem Faust-Zyklus. Sie ist gerade im Städelmuseum in der Beckmann-Ausstellung zu sehen.
Aber gehen wir wieder zurück. Dass sich Beckmann und Hartmann kannten, ist nicht sehr verwunderlich, denn Hartmanns Vater Carl Gottlob wohnte im Nachbarhaus von Battenbergs, in der Schweizer Straße Nummer 5. Es war sein Altersruhesitz. Die Hartmanns und Battenbergs und Carls waren einander schon nachbarschaftlich verbunden, bevor Beckmann nach Frankfurt kam und in ihre Runde stieß.
Eine Leidenschaft für alte Skulpturen
Einmal sind sie damals zusammen durchs Liebieghaus gegangen, Beckmann und Georg Hartmann. Das war 1917. Beide hatten die Leidenschaft für alte Skulpturen, auf Beckmanns „Selbstbildnis beim Mittagsschlaf“ wacht eine spätromanische Madonna über ihn, wie er da auf dem Sofa schlummert. Es hängt ebenfalls in der Ausstellung. Hartmann kaufte wahrscheinlich bei Walter Carl Objekte, dieser hatte mittlerweile ein Antiquitätengeschäft aufgemacht. Sammlung Georg Hartmann: Dieser Hinweis bei dem einen und anderen wunderbaren Werk im Liebieghaus deutet darauf, aus wessen Besitz es stammt und wie prächtig diese Kollektion gewesen sein muss.
Vor einer traurig-schönen Pietà aus dem 14. Jahrhundert müssen sie ins Gespräch gekommen sein – über Gott und die Welt und den zerschundenen Leib Christi. Hartmann soll Beckmann gefragt haben, ob er ein ähnlich starkes Kunstwerk aus dem Geist seiner Zeit schaffen könne. So schildert es der Historiker Andreas Hansert in seiner kenntnisreichen Biographie über Georg Hartmann, auf die sich diese Ausführungen stützen.
Beckmann malte noch im selben Jahr für Hartmann die „Kreuzabnahme“. Das Grauen des Ersten Weltkrieges mit seinen blutigen Schlachten war noch nicht vorbei, Beckmann hatte sich als Sanitäter freiwillig gemeldet und einen Zusammenbruch erlitten. Danach kam er nach Frankfurt. Die „Kreuzabnahme“, zwischenzeitlich Teil der Städel-Sammlung, hängt heute im MoMA in New York.
Menschenfreund und Kunstliebhaber
Und er malte „Christus und die Sünderin“. Wohl auch für Hartmann. Oje, es war noch zu früh. Bei seiner Frau sollen die Bilder gar nicht gut angekommen sein. „Beckmann oder ich“, soll sie ausgerufen haben. Ihr Mann entschied sich für sie. Bis irgendwann Beckmann doch obsiegte und Hartmann Arbeiten von ihm erwarb.

Wer war aber dieser Georg Hartmann? Er war ein Menschenfreund und Kunstliebhaber, auch in Kriegszeiten ein erfolgreicher Unternehmer, also ein geschickter Stratege und Teil der Frankfurter Stadtgesellschaft. Jedenfalls stammte er aus einer alten Frankfurter Metzger- und Ratsherrenfamilie, kam im Juli 1870 in der Altstadt im Haus zur Stadt Nürnberg zur Welt. An der Altstadt hing er mit jeder Faser seines Herzens, davon zeugt schon, dass er Mitbegründer des Bunds tätiger Altstadtfreunde war.
Nach einer kaufmännischen Lehre, Stationen in England und Frankreich und vier Jahren in Karlsruhe als Direktor einer Linoleumfabrik kaufte er 1898 in Frankfurt die Bauersche Gießerei an der Bockenheimer Landstraße. Eine Filiale in Barcelona gab es da schon, in New York kam 1927 eine hinzu, zuvor hatte er auch noch die Frankfurter Schriftgießerei Flinsch übernommen, wenig später eine völlig artfremde Spezialfabrik für elektromedizinische und zahnärztliche Apparate gegründet und dazwischen ein neues Firmengebäude an der heutigen Hamburger Allee errichtet. Das Gebäude gibt es noch, hier residieren jetzt das Kino und Restaurant „Orfeos Erben“. Alles andere existiert nicht mehr.
Die Nazis sorgen für Beckmanns Rauswurf
Schriftgießereien hatten es um die Wende zum vergangenen Jahrhundert nicht gerade einfach, Setzmaschinen nahmen ihnen Arbeit weg. Aber sie wussten sich zu helfen, entwarfen neue Schriften wie der Typograph Paul Renner die „Futura“ für die Bauersche Gießerei, was ihren guten Ruf nur noch mehrte. Wobei wir bei der Buchkunst angelangt sind, bei der bibliophilen Seite des Unternehmers Georg Hartmann. Denn diese gab es auch. Sie war wunderbar.
Hartmann gab bibliophile Kleinodien heraus, in der Bauerschen Gießerei aufwendig gemachte, kunstvolle Bücher in kleiner Auflage, die er nicht verkaufte, sondern verschenkte, beispielsweise an die Mitglieder der Frankfurter Bibliophilen Gesellschaft oder an ausgesuchte Freunde, Kollegen, Bekannte. Er hat sich bei seiner Auswahl immer etwas gedacht. Vor allen Dingen, als die Zeiten düsterer wurden, die Nationalsozialisten das Ruder übernommen hatten.
Beckmann sah sich fortan hässlichen Feindseligkeiten ausgesetzt, wurde schließlich im April 1933 von den Nazis aus der Städelschule geworfen, ging nach Berlin. Seine Kunst galt als entartet, viele seiner Werke wurden beschlagnahmt, auch die „Kreuzabnahme“. Als im Juli 1937 in München Adolf Hitler „Die große Deutsche Kunstausstellung“ eröffnete, setzte sich das Ehepaar Beckmann mit Hilfe der Schwägerin nach Amsterdam ab, kehrte damit Deutschland für immer den Rücken. Nur, dass die Nationalsozialisten sie einholten. Die Wehrmacht besetzte die Niederlande im Mai 1940.

Kurz nach Beckmanns Entlassung wurde Hartmann, Mitglied in der Städeladministration, im Mai 1933 zum Vorsitzenden des Städelschen Museums-Vereins gewählt. Man vertraute dem Mann alter Schule und seiner Kennerschaft. Einfach kann das nicht gewesen sein. Auch wenn Hartmann schon immer engen Kontakt zum Städel und zu seinem Direktor Georg Swarzenski hatte.
Hartmann stand dem NS-Regime reserviert gegenüber
Hartmann hielt nicht viel vom NS-Regime, stand ihm reserviert gegenüber. Er setzte vielmehr alles daran, dass jüdische Mitglieder im Förderverein bleiben konnten. So wie er bedrohte Menschen in seinen Betrieben aufnahm. Die Lawine aufhalten konnte er nicht. Ob er nun mit dem NSDAP-Oberbürgermeister Friedrich Krebs zusammenarbeitete oder nicht. Er tat es, gehörte zu seinen Verteidigern nach dem Krieg bei der Entnazifizierung. Beckmann musste wegen seiner Kunst gehen, Beckmann-Förderer Swarzenski wegen seiner jüdischen Herkunft. So viele mussten gehen. So viele wurden umgebracht.
Nach seinem Besuch mit Beckmann im Liebieghaus, wo er ihn zur „Kreuzabnahme“ anregte, hatte Hartmann zu dem Maler lange keinen engen Kontakt. Aber er kannte und schätzte inzwischen seine Werke, dafür sorgte auch die Freundschaft zu Swarzenski und zu Battenbergs und zur Beckmann-Sammlerin Lilly von Schnitzler. Von wem er von der schwierigen Lage Beckmanns im Exil wusste?
Ein Geheimauftrag für den Exilkünstler
Jedenfalls sollte Städeldirektor Ernst Holzinger, der Nachfolger von Swarzenski, bei Beckmann in Amsterdam vorfühlen, ohne Namen zu nennen, ob er zur Illustration der Apokalypse bereit sei. Im Frühjahr 1941 schrieb Hartmann an Beckmann einen ersten Brief, in dem er sich zu erkennen gab: „Sehr verehrter Meister!“ Der Anonymus sei er. Der Geheimauftrag war erteilt, er richtete sich gegen das Regime. Der Krieg, das Leid, die Willkür der Nazis – Hartmann hatte sich mit dem Bibeltext beschäftigt und wollte ihn als eine seiner bibliophilen Kostbarkeiten herausbringen, als ein künstlerisch wertvolles Buch.
Beckmann nahm die Herausforderung an, machte 27 schwarz-weiße Zeichnungen, Ende Dezember 1941 war er fertig. Sein Sohn nahm sie sechs Wochen später nach Frankfurt mit. In der Bauerschen Gießerei wurden sie gedruckt. Wegen der geringen Auflage schlug Hartmann vor, sie mit Hand zu kolorieren. Beckmann übernahm das „Urexemplar“ und noch ein paar Serien, mehr als die Hälfte der Blätter bekam jedoch in der Bauerschen Gießerei nach dem Vorbild des „Urexemplares“ seine Farbe aus der Hand von fleißigen Kopisten.
Das „Urexemplar“ hatte Quappi zu einem Mittelsmann nach Den Haag gebracht, zu Erhard Göpel. Dieser war Kunsthistoriker und Journalist, begeistert von Beckmanns Arbeiten und stand ihm im Exil bei. Aber Göpel arbeitete auch für die Nationalsozialisten, war Teil der Adolf Hitler direkt unterstellten Organisation Sonderauftrag Linz. In der „Führerstadt Linz“ sollte nach dem Krieg ein „Führermuseum“ entstehen. Göpel sollte Kunstwerke dafür in Belgien und Frankreich beschaffen.
Aus der illustrierten Apokalypse wurden kunstvolle Bücher
Es ist verrückt. Beckmanns Zeichnungen und die Bilder für Hitler reisten mit Göpel im selben Zug. Noch verrückter wurde es im Spätsommer 1942, da wurde in der Bauerschen Gießerei gleichzeitig an Beckmanns Apokalypse, er nannte sie „Apo“, und an einem Auftrag für Hitler gearbeitet. Göpel hatte ihn Hartmann angetragen. Dieser hatte zugestimmt. Vielleicht dachte er, das könne ihn schützen.
Aus der illustrierten Apokalypse wurden kunstvolle Bücher, jedes ein Original, die Hartmann an Menschen verschenkte, denen er vertraute. Auf seine Leute im Betrieb konnte er sich auf jeden Fall verlassen, keiner hat ihn verraten. Im Jahr darauf ging Hartmann noch einmal ein bibliophiles Projekt an, und wieder fragte er Beckmann. Dieses Mal ging es um Faust, der Tragödie zweiter Teil. Es entstanden 143 Zeichnungen, ein paar wenige hängen in der Ausstellung im Städel, dort ist auch Georg Hartmann im letzten Kapitel auf einer Tafel erwähnt. Ihre Reproduktion gelang erst 1957, also weit nach dem Krieg. Weder Beckmann noch Hartmann lebten da noch.
Beckmann ging 1947 nach Amerika, starb an Weihnachten 1950. Hartmann, sowohl seinen Betrieb als auch sein Wohnhaus hatten Bomben zerstört, engagierte sich nach dem Krieg weiter für Frankfurt. Als Vorsitzender des Verwaltungsausschusses des Freien Deutschen Hochstiftes setzte er sich etwa mit anderen für einen schnellen Wiederaufbau des Goethe-Hauses ein, er machte noch in vielen anderen Stiftungen und Gremien mit, bedachte das Städel mit Schenkungen, wurde mit Auszeichnungen überhäuft und 1950 der erste Ehrenbürger Frankfurts nach dem Krieg. Das war vier Jahre vor seinem Tod.
Die 143 Faust-Zeichnungen wurden in den Siebzigerjahren von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Hessen gekauft. Sie gaben sie als Leihgabe weiter an das Freie Deutsche Hochstift. Georg Hartmann hätte das gefreut.
Hansert, Andreas (2009): Georg Hartmann (1870–1954). Biographie eines Frankfurter Schriftgießers, Bibliophilen und Kunstmäzens. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar.
