Malaika Mihambo bei der Leichtathletik-WM 2025: Rückkehr der Feinmechanikerin – Sport

Der Sprung, das Bangen, der Schrei. Drei Elemente, die untrennbar mit Malaika Mihambo verbunden sind. So hat die Öffentlichkeit sie im Kopf, ihren Triumph vom 3. August 2021: Wie sie im Stadion von Tokio mit drei Zentimetern Vorsprung im letzten Versuch plötzlich vorne liegt, es vom Bronze- noch auf den Goldrang schafft, aber noch warten muss auf mögliche Konter der Konkurrenz. Und schließlich: die Gewissheit, die Freude: Olympiasiegerin! Und doch sind es andere Aspekte, die Mihambo selbst als Erstes mit Tokio verbindet. „Für mich stehen die Wettkämpfe immer für den Prozess, den ich in dem Jahr gegangen bin“, sagt sie. Wege gehen und an ihnen wachsen, so versteht Malaika Mihambo ihren Sport.

Und nun, wo sie zur Weltmeisterschaft nach Tokio zurückkehrt, kann man mal fragen: Wie ist sie selbst gewachsen seitdem?

Schon seit Anfang September verweilt die 31-Jährige in Japan, im Trainingscamp des Deutschen Leichtathletik-Verbandes in Miyazaki, ganz im Süden des Landes. Ausgiebige Spaziergänge zum Strand hat sie dort unternommen, war reichlich Matcha Latte trinken im Café und besuchte einen Schrein. Kultur aufsaugen, das ist ihr Ding. Sportlich lag vor vier Jahren eine schwierige Saison hinter Mihambo, nach einem Trainerwechsel wurde ihr Anlauf angepasst. „Diese Wechsel habe ich nicht gut umgesetzt“, sagt sie, „aus den technischen Herausforderungen wurden dann auch mentale Probleme.“ Eine ganz andere Situation also als bei ihrem WM-Titel zwei Jahre zuvor in Doha: Da hatte sie zuvor etliche Wettkämpfe mit 20 Zentimetern Vorsprung oder mehr gewonnen. Alles lief wie von selbst. „Da ist es leicht, an sich zu glauben. Aber das auch zu schaffen, wenn man nicht jeden Wettkampf gewinnt und wenn man immer wieder Fehler macht, das ist die Kunst.“

Vier Jahre später ist Malaika Mihambo noch immer eine Feinmechanikerin in Sachen Sprinten, Springen und Fliegen. Und zwar auf einem Niveau wie kaum eine andere in ihrem Sport. Von den Olympia-Finalistinnen von 2021 hat nur ein Bruchteil ihre Klasse gehalten, viele sind gar nicht mehr dabei. Die einen zu alt, die anderen zu schwach, oder zu gedopt. Mihambo ist die Konstante im Frauenweitsprung. Ihre Bilanz in den vier Jahren seit Tokio: Einen weiteren WM- und EM-Titel konnte sie erringen, Olympiasilber noch dazu. Und sie hat ihre Bekanntheit genutzt, um sich auch politisch zu positionieren: für den Umweltschutz und gegen Rassismus. Letzteren hat sie als Kind selbst erlebt, der Sport zeigte ihr den Weg zu mehr Selbstwertgefühl.

Nun also wieder Tokio, „ich habe ein sehr gutes Gefühl“, sagt Mihambo im Hinblick auf die anstehende WM. Sie ist fit, fühlt sich gesund. Eine Erleichterung mit Blick auf die vergangenen Jahre.

Mihambo sagt: „Es gibt bei Post Covid keine klare Handlungsweise, wie man vorgehen darf oder sollte“

Immer wieder hatte sie da akzeptieren müssen, dass auch ihr Körper nur begrenzte Ressourcen hat. 2022 bei der EM in München trat sie nach einer Corona-Infektion geschwächt an, erlitt einen Zusammenbruch. 2023 in Budapest fehlte sie wegen einer Muskelverletzung. Und dann das Drama von Paris im vergangenen Jahr: Ein erneuter Olympia-Triumph missglückte, der Wettkampf brachte nur kurz eine vor Freude strahlende Mihambo hervor – und dann eine, die nach der Ehrenrunde um Atem rang und mit dem Rollstuhl aus dem Stade de France gefahren wurde. Wieder war es das Coronavirus, das ihren Körper lange ausgelaugt hatte, die Nachwirkungen schwächten sie. Und doch sprang Mihambo noch zu Silber. Ob es ein Fehler war, trotz der Vorbelastung anzutreten? „Ich glaube, dass das vollkommen in Ordnung war“, sagt Mihambo heute, „es gibt bei Post Covid keine klare Handlungsweise, wie man vorgehen darf oder sollte. Ich war immer im Gespräch mit den Ärzten, da war kein Risiko bleibender Schäden.“

In Tokio will sie nun wieder zur Künstlerin in puncto Selbstmotivation werden. Auch diesmal muss sie aber noch an ihrem Anlauf feilen. So viele ungültige Versuche wie noch nie habe sie dieses Jahr fabriziert, sagte Mihambo nach ihrem deutschen Meistertitel in Dresden, um gleich wieder zu beschwichtigen: Der Anlauf sei trotzdem so stabil wie nie, nur an den letzten drei Schritten müsse sie noch arbeiten. Und das ist dann tatsächlich filigrane Arbeit: Mit 36 Kilometern pro Stunde sauste Mihambo in Dresden auf den Absprungbalken zu, „einer der schnellsten Werte, die bei mir je gemessen wurden. Der Weitsprung lebt von der Geschwindigkeit“. Ende August änderte sie noch schnell ihre Anlauftaktik, nun erreicht sie nicht erst kurz vor dem Balken die Höchstgeschwindigkeit, sondern schon früher. Ein Risiko, so kurz vor der WM? „Lieber den richtigen Schritt spät machen als gar nicht“, sagt sie.

Die Gejagte wird Mihambo in diesem Jahr nicht sein, sondern Paris-Olympiasiegerin Taris Davis-Woodhall aus den USA, die erst Ende Juli 7,12 Meter in die Grube setzte. Mihambos Jahresbestwert liegt mit 7,07 Metern schon sieben Monate zurück – aber wenn es jemand beherrscht, im entscheidenden Moment die beste Leistung abzurufen, dann ist es die Deutsche.

Und sie weiß schon jetzt, dass sie die Zeit in Tokio vor allem genießen will. Vor vier Jahren konnten die Sportler unter den Corona-Bedingungen kaum etwas anderes als das Stadion und Teamhotel entdecken, nun hat Mihambo schon ein paar Reiseziele im Kopf und den Rucksack im Gepäck. „Ich werde nach der WM noch ein paar Wochen in Japan rumreisen und Land und Leute kennenlernen, da freue ich mich schon drauf. Ich habe noch keinen Rückflug gebucht“, sagt sie. Situationen annehmen, wie sie kommen. Ein Motto, das die Olympiasiegerin nicht nur in ihrem Sport verfolgt.