Maischberger: Die „Ratio“ hinter Trumps Grönland-Plänen

Der Nachteil, wenn Minister früh aus ihrem Amt scheiden, liegt darin, dass sie noch sehr viel Zeit haben, ihren Nachfolgern Ratschläge zu geben. Karl-Theodor zu Guttenberg ist mit 39 Jahren als Verteidigungsminister ausgeschieden. Nach einigen Jahren in Amerika, die er zum Teil zum Lobbyismus für zweifelhafte Unternehmen nutzte, ist er mit 54 Jahren wieder präsent auf der Bühne wie früher und erklärt die Welt.

Das macht er inhaltlich akzentuiert und belesen. Trotzdem riecht es immer ein bisschen nach Renaissance eines Politikers, der einst auch für seine Trittsicherheit auf dem Parkett gefeiert wurde, und nach Rehabilitation eines Mannes, dessen aktive politische Karriere an einem ausführlich beschriebenen wissenschaftlichen Plagiat scheiterte.

Wenn er von Sandra Maischberger, wie am Dienstagabend, zu Trumps Absichten in Grönland befragt wird, spricht also nicht nur der Amerika-Kenner, Wirtschaftsversteher und Transatlantiker, sondern auch der Vor-Vor-Vor-Vor-Vorgänger des aktuellen Ministers Boris Pistorius – immer noch ein Jahrzehnt jünger als dieser, der frech dem amerikanischen Präsidenten ein „unfassliches Ego“ nachsagen kann. Alles legitim, aber der Disclaimer „hat sich für Wirecard ins Zeug gelegt“ oder „nutzte Kontakte zur ehemaligen Chefin, um Augustus Intelligence bekannt zu machen“ ist nicht zu lesen, wenn er spricht.

Einladung des Trump-Unterstützers Langer überrascht

Entspricht die Besetzung Guttenbergs dem klassischen Beuteschema öffentlich-rechtlicher Talkshowsendungen, so ist die Konfrontation mit Andrew Langer eine Überraschung. Der amerikanische Politikberater ist bekennender Trump-Unterstützer und versucht, die Ratio hinter Trumps Grönland-Plänen darzulegen. So können deutsche Fernsehzuschauer in den Worten eines Freundes der MAGA-Bewegung hören, was dahinter stecken könnte. Viel ist es nicht. Und damit konfrontiert ihn die Moderatorin Maischberger gekonnt, ohne den ohnehin sehr kontrollierten Langer zum Gesprächsabbruch zu treiben.

Langer rät den Europäern, sie müssten das Gespräch mit Trump suchen und sie sollten anerkennen, dass dieser immer Veränderungen anstrebe, die Amerika in der besten Position belasse. „Er will immer einen Deal“, sagte Langer. „Amerika hat die Interessen anderer zu lang vor die eigenen gestellt.“ In der zweiten Amtszeit Trumps breche die US-Regierung mit dieser vermeintlichen Logik, was ausklammert, dass die USA von jahrzehntelangen Interventionen in Süd- und Mittelamerika, im Nahen Osten und in Afrika, vom langjährigen Zurückdrängen kommunistischer Regime bis zum Ausfechten von Stellvertreterkriegen und zur zielgerichteten Entwicklungszusammenarbeit seit jeher eine sehr aktive Interessenpolitik betreiben.

Doch nun müsse sich Amerika territorial zurückgesetzt fühlen, findet Langer. „Manchmal reicht es, sich die Landkarte anzusehen und man weiß, was geostrategisch los ist“, sagte er. Deshalb liege Trump so viel daran, Gegendruck aufzubauen. „Trump will den besten Deal, damit Amerika die größte Macht bleibt.“ Ob er dabei seine engsten Partner angreift oder nicht, erscheint in dieser Logik egal. Einen 51. Bundesstaat Grönland erwarte er nicht, aber ganz enge Beziehungen.

Militärische Eskalation wird zum Rubicon erklärt

Eine militärische Eskalation erwartet der Trump-Unterstützer nicht. Niemand nehme die Idee ernst, dass Trump Truppen entsenden werde. „Das wäre ein Rubicon“, sagte er. Der Präsident wolle Verhandlungen nicht vorweggreifen. „Er ist ein Disruptor, der Dinge anders machen will. Das verwirrt viele.“ Er verwende keine diplomatische Sprache, was diplomatische Profis vor den Kopf stoße.

Guttenberg hat seinen starken Moment, in dem er Langer aktiv widerspricht und klarstellt, Grönland erlaube den USA schon mit einem 1951 geschlossenen Vertrag, mehrere Militärbasen aufzubauen. Das Argument, die Sicherheit der USA gegenüber China und Russland hänge auch von einer starken Position in Grönland ab, sei valide. Aber schon heutige Bedingungen erlaubten, dieses Bedürfnis ausreichend zu bedienen.

Dann wird er, wie ein anderer Gast in der Sendung es zuvor genannt hat: „küchenpsychologisch“. Trump wolle das Eigentum von Grönland aus psychologischen Gründen. Er sähe sich gern in einer Reihe mit Präsidenten, die das amerikanische Territorium erweitert hätten. „Er ist ein Immobilientycoon, der sich zum Präsidenten hochgerungen hat“, sagte Guttenberg.

Ideenwettbewerb zwischen Publizisten macht Spaß

Das alles ist unterhaltsam, dauert nur so lang, dass keine Langeweile aufkommt. Hinterher kommt Rocksänger Peter Maffay und erzählt nachdenklich, wie er die Wertverschiebungen auf der Welt aufnimmt. Dass die Aufwärm- und Abklingrunde mit den Publizisten Jagoda Marinic, Nikolaus Blome und Theo Koll sehr viel von dem erfüllt, was öffentlich-rechtliches Fernsehen an Aufklärung bieten soll, geht angesichts der Promis etwas unter.

Eine kurze Bilanz des ersten Trump-Jahrs der zweiten Amtszeit, Analysen der europäischen Reaktion auf den Grönland-Vorstoß und der politischen Bedeutung der im November anstehenden Midterm-Wahlen werden geliefert. Die drei lassen sich auf einen Wettbewerb um die besten Gedanken ein, dem man gern zuhört.

Im Fernsehen wird zu attraktiven Sendezeiten viel ermittelt, geredet und gesungen. Dokumentiert wird vergleichsweise wenig. Die Zeit, die dafür fehlt, geht in den Talkshowstudios verloren, denen angesichts der erheblichen Konkurrenz hinsichtlich der Besetzung und der Themen wenig Überraschendes einfällt. Dass die Moderatoren politikinteressierte Vollprofis sind und immer wieder im gegebenen Korsett brauchbare Sendungen gestalten, ändert nichts daran, dass dem Fernsehen vor Mitternacht Rausgehjournalismus und die Vermittlung von Realität gut täte.