Maçanet de la Selva

Schon oft bin ich auf meinem Weg an die Küste an Maçanet vorbeigefahren, einem Dorf im Hinterland der Costa Brava, keine 40 km von mir zu Hause entfernt. Und doch besuche ich den kleinen Ort heute zum ersten Mal. Das Auto stelle ich in einer ruhigen Seitenstraße ab und bummle los, Richtung Kirchturm. Weit muss ich nicht laufen, um den kleinen Platz vor der Kirche zu erreichen. Die Església Sant Llorenç de Maçanet ist eine überraschend hübsche Kirche aus romanischer Zeit. Vor ihr auf dem Platz hat eine kleine Bar Tische und Stühle aufgestellt. Dort treffe ich mich mit meinem Guide vom  „Taller d’Història“, einer Geschichtswerkstatt, der mir heute Maçanets Schätze zeigen wird.

Dorfkirche Maçanet

 

Dorfkirche Sant Llorenç

Pou de Glaç

Etwas außerhalb von Maçanet liegt die erste Sehenswürdigkeit, die ich mir heute ansehe, der Pou de glaç, ein sogenannter Eisbrunnen. In einer Zeit ohne Kühlschränke, als man Eis nur aus gefrorenem Schnee oder Wasser gewinnen konnte, dienten solche Erdgruben als Aufbewahrungsstätte für die wertvollen Eisblöcke. Es geht etwas steil bergan zum Eingang, von dem aus ich einen Blick in die beeindruckende Tiefe dieses „Brunnens“ werfen kann.

Weg zur Eisgrube Buscatell bei Maçanet

Schon in der Antike nutzten Menschen Eis zum Kühlen von Lebensmitteln. Auf der Iberischen Halbinsel erfreuten sich diese Kältevorräte ab dem 16. Jahrhundert immer größerer Beliebtheit. Nicht nur als Luxusgenuss, sondern auch in der Heilkunde fanden sich bald immer mehr nützliche Anwendungen, sodass der Bedarf an Eis beständig stieg und Produktion und Handel der eiskalten Blöcke sich zu einem florierenden Wirtschaftszweig entwickelten.

Allein in der Gegend des Montseny gab es im 18. Jahrhundert 15 solcher Eisgruben. Auch der Pou de glaç bei Maçanet stammt aus dieser Zeit, als der Eisboom einen regelrechten Höhepunkt erlebte. Nur wer über eine entsprechende Genehmigung verfügte, durfte damals Eis gewinnen und verkaufen. Denn in den Wintermonaten musste man in harter Arbeit das heißbegehrte Gut erst einmal herstellen und dann möglichst lange aufbewahren.

Maçanet Pou de gel

Maçanet Pou de gel

Da Maçanet nicht besonders hoch liegt (nur rund 100 m ü.M.) und auch nicht sonderlich viel Schnee fällt, gewannen die Menschen das Eis aus der gefrorenen Wasseroberfläche flacher Seen und Flüsse. Mit Ochsen oder Maultieren zog man ganze Karren voller Eis bis hierher und füllte es durch eine Tür am oberen Rand in die Eisgrube. Tief unten war es dunkel und kühl, sodass as Eis bei guten Bedingungen bis zum Sommer gelagert werden konnte. Zwischen die einzelnen Schichten füllte man Zweige und Blätter, damit das Gefrorene nicht zu einer einzigen Masse zusammenfloss. So konnten je nach Bedarf kleinere Mengen entfernt und nach Girona transportiert werden.

Maçanet Pou de gel

Innen Eisgrube Pou de gel Maçanet

Als im 19. Jahrhundert die Erfindung des elektrischen Stroms und der modernen Kühlschränke die Eisgruben bald überflüssig machten, gab man die Produktion auf. Der Pou de glaç wurde eine Zeit lang noch zum Züchten von Champions genutzt, bis er irgendwann leer stand. Erst Ende der 90er Jahre begann die Geschichtswerkstatt mit der Restaurierung des Eisbrunnens und machte sie für Besucher zugänglich.

Castell Torcafelló 
Ein anderes Projekt dieser Geschichtswerkstatt ist eine alte Burg der Herren von Cabrera denen im Mittelalter fast die gesamte Gegend gehörte (auch die Burg Monsoriu). Auf einem kleinen Hügel kurz vor Maçanet erhebt sich das Castell Torcafelló.

Castell Torcafello Maçanet

capilla Sant Jordi Maçanet

Archäologen vermuten, dass die Ursprünge dieser Burg ins 11. Jahrhundert zurückgehen. Von den mächtigen Außenmauern und den Räumen der Burg ist nichts erhalten geblieben. Nur ein paar Reste der Grundmauern zeichnen heute den möglichen Grundriss der kleinen Festung nach. Schon als man im 15. Jahrhundert eine kleine Kapelle errichtet, sind von der Burg nur noch Ruinen übrig.

 Maçanet Castell Torcafello

Die vergangenen Jahrhunderte brachten zahlreiche Schlachten und kriegerische Auseinandersetzungen wie die Karlistenkriegen (innerspanische Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der progressiv-liberalen Königin Isabella II und Carlos, dem Bruder des verstorbenen Königs, der von konservativ-monarchischen Kräften unterstützt, seiner Schwägerin den Thron streitig machte) in diese Gegend.

Glocke

Wegen der günstigen Lage auf dem Hügel nutzte man im 19. Jahrhundert die Sichtverbindung des ehemaligen Castells zu den benachbarten Hügeln zur optischen Nachrichtenübermittlung. Den einstigen Wachturm baute man zur militärischen Telegrafenstation Nr. 66 um und Maçanet wurde zu einem strategisch wichtigen Punkt der Kommunikation, an dem Informationen von Barcelona aus Richtung Norden weitergeleitet wurden.

Glocke bei Maçanet
Der katalanische Ingenieur und Utopist Ildefons Cerdà, von dem der Entwurf der Eixample in Barcelona stammt, war im 19. Jahrhundert für die Planung und Errichtung eines zivilen Telegrafennetzes das auf katalanischem Gebiet von Sant Carles de la Ràpità im Ebrodelta bis nach La Jonquera an der französischen Grenze reichte, mitverantwortlich. Ganz in der Nähe des Castells zählte die Torre de Puigmarí als Nr. 212 zu dieser Linie.

Da diese Art der Telegrafie weder des Nachts noch bei schlechter Sicht funktionierte, wurde die optische Nachrichtenübermittlung jedoch bald von der elektrischen Telegrafie abgelöst.

Ausblick vom Hügel bei Maçanet
Nach der Erfindung der elektrischen Nachrichtenübermittlung verließ das Militär den Turm im vergangenen Jahrhundert, die Kapelle verfiel und wurde nur als provisorisches Wohngebäude genutzt. Erst Ende des 20. Jahrhunderts begann eine umfassende Restaurierung und die archäologischen Ausgrabungen bei denen Teile des Burggrundrisses freigelegt wurden.

Maçanet castell Torcafello

Maçanet zum Nachreisen

„Taller d’Història de Maçanet de la Selva“ Die Geschichtswerkstatt kümmert sich um den Erhalt historischer Bauten, veröffentlicht Arbeiten zur Geschichte Maçanets und organisiert Führungen: tallerhistoriamassanet.cat

Pou de Glaç de Buscastell : liegt an der Landstraße C-35, Pou heißt auf Deutsch Brunnen, glaç oder gel bedeutet Eis/ Gefrorenes.

Maçanet de la Selva – Offizielle Website

Hinweis: Bereist im Oktober 2025. Besuch auf Presseeinladung – Danke an La Selva Turisme