

Des einen Freud ist des anderen Leid: Während der Irankrieg Öl- und Gaskonzernen eine Sonderkonjunktur beschert, stehen Luxusgüterhersteller mit dem Rücken zur Wand. Im französischen Aktienleitindex CAC 40 sind beide vertreten. Totalenergies (vormals Total) etwa profitiert in großem Stil von den gestiegenen Preisen für Öl und Gas. Sein bisheriges Allzeithoch hat der Aktienkurs schon in der ersten Märzhälfte hinter sich gelassen. Seither eilt er weiter von einem Rekord zum nächsten. Das Kursplus seit Anfang Januar beträgt mehr als 40 Prozent.
Der französische Konzern hat seine Aktivitäten in den vergangenen Jahren diversifiziert. In Märkten wie Deutschland setzt er stark auf erneuerbare Energien und Batterien und hat er sein Tankstellengeschäft verkauft. Rund 80 Prozent seiner globalen Investitionen fließen aber weiterhin in Öl und Gas. Dieser fossile Fokus gilt nicht zuletzt für die USA. Erst vergangene Woche haben die Franzosen mit der Regierung in Washington die Aufgabe zweier großer Wind-Offshore-Pachtgebiete vereinbart. Durch eine Reihe von Partnerschaften sind sie in den USA gar zum größten Exporteur von Flüssigerdgas (LNG) aufgestiegen.
Für Totalenergies stelle das aktuelle Umfeld einen erheblichen Rückenwind dar, schreiben die Analysten der Royal Bank of Canada. Die Erdgaspreise seien seit Beginn des Irankriegs um rund 62 Prozent gestiegen, und es gebe kaum Veränderungen am Henry Hub in Louisiana, dem zentralen Verteilungsknoten des US-Erdgasnetzes. Das bedeute, dass sich die Margen für LNG-Export von amerikanischem Boden ausgeweitet haben und zu höheren Gewinnen führen.
Anfang dieser Woche erreichte der Börsenwert von Totalenergies mehr als 175 Milliarden Euro. Geht die Rekordjagd so weiter, sind die 200 Milliarden Euro nicht mehr weit. Eine Mehrheit der Analysten ist überzeugt, dass der Aufwärtstrend anhält. In einer Umfrage des Finanzdienstleisters Bloomberg raten rund 53 Prozent der Befragten zum Kauf der Totalenergies-Aktie. 35 Prozent der Analysten plädieren für halten, nur zwölf Prozent für verkaufen. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 11,4 bleibt die Aktie relativ günstig.
Das lässt auch den kleinen Traditionshersteller nicht kalt
175 Milliarden Euro Börsenwert sind umso bemerkenswerter, als Totalenergies damit Hermès vom Podium der wertvollsten Unternehmen im CAC 40 gestoßen hat. Der auf Lederwaren spezialisierte Luxusgüterhersteller hat bei Anlegern schwer gelitten. Die Talfahrt seines Aktienkurses ist bemerkenswert. Noch im Februar 2025 war Hermès an der Börse fast 300 Milliarden Euro wert. Zeitweise war es gar das wertvollste Unternehmen im CAC 40.
Doch schon im vergangenen Jahr lastete das unsichere weltwirtschaftliche Umfeld auf Hermès. In vielen Teilen der Welt ist die Lust auf Luxus Sorgen um die steigenden Lebenshaltungskosten gewichen. Hinzu kamen steigende Einfuhrzölle in China und den USA. Sie treffen die französischen Luxusgüterhersteller besonders hart, da sie weit überwiegend mit Produkten „made in France“ werben und ihre Produktion deshalb, im Gegensatz zur Automobilindustrie, kaum verlagern können. Wahlweise drückt das die Marge oder verschrecken Zollaufschläge auf den Endpreis die Kunden.
Hermès gilt mit seinem Fokus auf extrem hochpreisige Lederwaren wie die ikonischen Birkin-Handtaschen zwar als Ausnahme im Luxusgütersektor, da sehr Vermögende Preissteigerungen besser verkraften können als Mittelschichtskunden. Doch kalt lässt das schwierige Marktumfeld auch den kleinen Traditionshersteller nicht – und der Irankrieg ist ein weiterer Rückschlag. Der Aktienkurs hat seit Jahresbeginn rund 25 Prozent verloren. Der Börsenwert notiert nun bei weniger als 170 Milliarden Euro.
Nach Schätzungen der Analysten von Bernstein steht der Nahe Osten für etwa sechs Prozent des Umsatzes im Luxusgütersektor. Das klingt überschaubar. Laut Bernstein ist die Region jedoch einer der wenigen Lichtblicke der Branche gewesen. Andere Beobachter verweisen auf die große Bedeutung von wohlhabenden Kunden aus dem Nahostraum für den Umsatz an Flughäfen sowie in europäischen Boutiquen. Auf Reisen nach Paris geben sie traditionell besonders viel Geld aus.
Irrtümlich totgesagt
Für LVMH ist die Lage vor diesem Hintergrund ähnlich schwierig wie für Hermès. Der Aktienkurs des französischen Mutterkonzerns von Marken wie Louis Vuitton, Moët & Chandon und Dior – als Weltmarktführer im Luxusgütersektor immer auch Barometer für den Zustand der Branche – hat in diesem Jahr gar 40 Prozent an Wert eingebüßt.
Mit einem Börsenwert von knapp 230 Milliarden Euro ist LVMH nur deshalb nach wie vor das wertvollste Unternehmen im CAC 40, da es der Konkurrenz kaum besser ergeht. Dazu zählt auch der Kosmetikkonzern L’Oréal, an der Börse aktuell rund 190 Milliarden Euro wert, mit seiner in den vergangenen Jahren stark gewachsenen Luxussparte. Kommentieren wollen Hermès, LVMH und L’Oréal die aktuelle Lage nicht.
Schenkt man den Analysten Glauben, sollte man den schon in früheren Krisenzeiten irrtümlich totgesagten Luxus jedoch nicht abschreiben – und möglicherweise ist jetzt der ideale Zeitpunkt zum Einstieg. Nach wie vor gibt es schließlich auf der ganzen Welt eine wachsende Mittelschicht mit dem Bedürfnis nach Distinktion. Dort haben die französischen Branchenschwergewichte eine enorme Preissetzungsmacht.
Im Fall des Gucci-Mutterhauses Kering raten in der Bloomberg-Umfrage zwar nur 23 Prozent der Analysten zum Kauf der Aktie. Bei L’Oréal sind es jedoch rund 57 Prozent, bei Hermès knapp 59 Prozent und bei LVMH 60 Prozent. Zum Kauf der Aktie des französisch-italienischen Luxusherstellers Essilor-Luxottica raten gar überwältigende 96 Prozent.
Das Umsatzwachstum in Europa, dem Nahen Osten und Afrika dürfte wegen des Irankriegs erst einmal verhalten bleiben, schrieben die Analysten der HSBC. Doch die Dynamik in den USA sei weiter „solide“, und China sei dabei, „wieder auf Kurs zu kommen“. Mit einem KGV von 19,5 erscheint insbesondere die LVMH-Aktie attraktiv. Bei L’Oréal und EssilorLuxottica beträgt er knapp 26, bei Kering 33 und bei Hermès 35.
