Neben dem Kasperletheater und der Multi-Funktions-Arena gilt das Opernhaus als eines der letzten Refugien des vom Publikum leidenschaftlich vorgetragenen „Buhs“. Während in Puppenbühnen noch während der Vorstellung zu Missfallensäußerungen sogar ausdrücklich aufgerufen wird, sie richten sich meist gegen Räuber oder Krokodile, kann sich laut vorgetragener Unmut in Großarenen – je nach Veranstaltung – auch gegen Sportler, Künstler und Politiker wenden. In Opernhäusern richtet sich Publikums-Protest heutzutage eher gegen den Regisseur oder das Bühnenbild, seltener gegen einzelne Sänger oder Musiker, da sich allgemein die Auffassung durchgesetzt zu haben scheint, dass gerade der darstellende Mensch oft Opfer seiner Umstände ist.
Im Londoner Royal Opera House soll es gerade einen gewaltigen „Buh“-Sturm gegeben haben. Der beim Publikum in Mailand und Bayreuth bereits wegen persönlicher Zickereien etwas verschriene französische Tenor Roberto Alagna hatte sich in der britischen Hauptstadt in Giacomo Puccinis „Turandot“ nach dem zweiten Akt wegen Unpässlichkeit als bunt gekleideter Prinz Calàf verabschiedet, einen Ersatzsänger gab es nicht. Da übernahm spontan Musikdirektor Richard Netzrington den Part, wenn auch nur in Pullover und Turnschuhen vom Bühnenrand aus.
Jeder, der schon mal „Turandot“ in der Oper gesehen hat, weiß natürlich, dass 90 Prozent der Menschen hier vor allem auf die Arie „Nessun dorma“ warten, das „Let it be“ des Lachsbrötchen-Bürgertums. Andere kennen die Melodie vielleicht aus Filmen wie „Mission Impossible“ oder „Shaun das Schaf“. Wer diese Arie, in der es um die Liebe geht, aber auch um Schlaflosigkeit in Peking, nur einmal in seinem Leben gehört hat, kriegt sie nie wieder aus dem Kopf, so wunderschön ist sie. Am liebsten würde man freilich gleich danach noch den Freiheitschor aus Verdis „Nabucco“ hören, aber die beiden Opern werden selten gemeinsam aufgeführt. Und so war der Unmut in London natürlich groß, als „Nessun dorma“ einfach gestrichen wurde, was wohl nicht nur an der unpassenden Kleidung des Musikdirektors lag.
Obwohl die Arie höchstens zwei Prozent der gesamten Aufführungszeit ausmacht, sollen die Turandot-Besucher jetzt 50 Prozent ihres Ticketpreises erstattet bekommen. Und, das muss man schon sagen: Eine solch freundliche, ausgesprochen professionelle Veranstalter-Geste hatte es zuletzt weder irgendwo im Kasperletheater gegeben, noch bei Veranstaltungen, bei denen zum Beispiel der US-amerikanische Präsident unverhofft zum Lachsbrötchen in der Multi-Funktions-Arena auftauchte, worauf man im Publikum vor lauter Buhs sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Für das Londoner Opern-Publikum jedenfalls gilt: „Vincerò!“
