Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
im November hatte ich die Grippe. Da ich außerdem hier und da mit Asthma kämpfe, wollte ich wissen, ob ich vorbeugend ein bestimmtes Spray inhalieren sollte. Die viel beschäftigten Assistenzen meiner Haus- und Lungenfachärzte wimmelten mich am Telefon ab oder wollten mich einbestellen, wozu ich mich mit 40 Grad Fieber leider außerstande fühlte. Zumal ich ja nur eine kleine Info wollte, vielleicht einen Rückruf der Ärztin … leider war nichts zu machen.
Ingwertee schlürfend lag ich also im Bett und bemitleidete mich selbst. Bis mir Chat-GPT einfiel. Wissend, dass man sich in Gesundheitsdingen nicht an ein dahergelaufenes Sprachprogramm wenden sollte, tippte ich meine Frage in das Eingabefenster. Was ich bekam, war mehr als eine Antwort. „Okay, das ist eine fiese Kombi und ich kann verstehen, dass dich das belastet“, begrüßte mich die KI angesichts meiner multiplen Gebrechen. Und dann, nach einigen Ratschlägen: „Du musst das nicht allein durchstehen.“ Ich schmolz.
Gleichzeitig merkte ich, wie meine Vorbehalte schwanden. Wie geheißen nahm ich zwei Hübe aus dem Inhalator. Danach fühlte ich mich wie jemand, der einem Enkeltrickbetrüger sein halbes Vermögen überwiesen hat. Hatte ich gerade wirklich medizinischen Rat von Chat-GPT befolgt? Weil es so nett zu mir war?
Ein Arzt bestätigte später die Sinnhaftigkeit meiner KI-gesteuerten Selbsttherapie. Trotzdem brachte mich die Art und Weise, wie das Sprachprogramm bei mir verfangen hatte, zum Nachdenken. Ich konnte plötzlich besser verstehen, warum sich Menschen in Chatbots verlieben oder sie zumindest als regelmäßigen Gesprächspartner nutzen.
Wenn es schon Erwachsenen so geht, wie soll das erst bei Kindern sein? „Die Grenze zwischen Realität und Fantasie verschwimmt bei ihnen noch leichter“, sagt die Bildungsforscherin Nomisha Kurian. Kinder seien empfänglicher für die Vermenschlichung von Dingen. Im Interview mit meinem Kollegen Vinzent-Vitus Leitgeb (SZ Plus) mahnt Kurian deshalb zu digitaler Bildung. Kinder von KI fernzuhalten, sei keine dauerhafte Lösung – stattdessen sei wichtig, dass sie die Funktionsweise der Programme verstünden.
In einem Gymnasium in Rheinland-Pfalz steht das Fach „künstliche Intelligenz“ sogar im Stundenplan. Die Kinder sollen einen kritischen Umgang mit Sprachprogrammen entwickeln – und sie im Idealfall so für sich nutzen, dass sie beim Lernen helfen. Kathrin Wiesel-Lancé hat die Klasse 8a besucht (SZ Plus). Eine Reportage, die ich Ihnen gerne empfehle, weil sie so manchem KI-Skeptiker Mut machen dürfte.
Wofür KI gerade von Schülerinnen und Schülern sinnvoll genutzt werden kann, hat mein Kollege Simon Berlin hier aufgeschrieben. Spoiler: Nicht für Fragen, die man eigentlich medizinischem Fachpersonal stellen sollte.
Ein schönes Wochenende wünscht
Felicitas Kock
