Leverkusens 1:0 in Heidenheim: Ein Sieg der grausamen Sorte – Sport

Konnte das sein? Der Ball kam im Mittelfeld zu Granit Xhaka, es war ein Pass über eine geschätzte Entfernung von 1,63 Meter. Der Ball erreichte sein Ziel, es war ein ordentliches Zuspiel, für das man sich gewiss nicht schämen musste. Aber Grund zum Jubeln? Bei einem x-beliebigen Allerweltspass? Das war dann doch etwas zu viel des Guten.

Man stutzte kurz, als die Fans des 1. FC Heidenheim nach knapp einer Viertelstunde auf einmal einen Schrei ausstießen. Es war zwar ein Anflug von Schadenfreude, und das vertrug sich auf keinen Fall mit dem, was man von anständigen und rechtschaffenen Schwaben erwarten würde, aber was blieb ihnen übrig? Der VfL Bochum, einer der Heidenheimer Mitstreiter im Abstiegskampf der Bundesliga, hatte ein Gegentor kassiert – und diese Nachricht erreichte die Ostalb über die Anzeigetafel, just in dem Moment, als Xhaka im Mittelfeld den 1,63-Meter-Pass empfing.

Das Bochumer Gegentor war eine gute Nachricht für die Heidenheimer Mannschaft und ihren Anhang, der es für die frohe Kunde aus der Ferne sogar in Kauf nahm, für den VfB Stuttgart jubeln zu müssen. Am Ende aber, als das Spiel gespielt war, war die Freude verflogen. In der Nachspielzeit hatte Emiliano Buendia die Gäste aus Leverkusen mit dem einzigen Tor des Nachmittags zu einem Sieg geschossen, den selbst Bayer-Torwart Lukas Hradecky später „total unverdient“ nannte.

Und so gab es für den deutschen Meister nach den 90 Minuten von Heidenheim zwei Lesarten dieses eigenartigen Fußballspiels. Wer es gut mit den Leverkusenern meinte, konnte behaupten, dass es doch gerade das ist, was Spitzenmannschaften auszeichnet: Spiele selbst dann zu gewinnen, wenn man einen schlechten Tag hat. Wer das Geschehen aber nüchtern betrachtete, konnte auch zu dem Schluss kommen, dass ein solcher Auftritt wie am Samstagnachmittag in Heidenheim einer Spitzenmannschaft schlichtweg nicht würdig war. „Es war sicher nicht unsere schönste Leistung“, räumte auch Leverkusens Trainer Xabi Alonso nach dem Spiel ein, betonte dann aber: „Es ist nicht der Moment, um zu fragen: wie? Es ist der Moment, um zu fragen: was?“ Und gewonnen hatte seine Mannschaft ja – auch wenn sie dabei zumindest ein blaues Auge davontrug.

Der FC Bayern spielt zwischen den beiden Inter-Spielen gegen Dortmund

Erst das 1:2 unter der Woche im DFB-Pokalhalbfinale bei Drittligist Arminia Bielefeld und jetzt dieses äußerst glückliche 1:0 in Heidenheim: Beinahe hätten 180 Minuten genügt, um die Leverkusener Saison zu ruinieren und die Deutung der bisherigen Spielzeit vollkommen auf den Kopf zu stellen. Um ein Haar wäre aus einem Klub, der beste Aussichten auf das zweite Pokalfinale binnen eines Jahres hat und in der Bundesliga die zweitbeste Saison seiner Geschichte spielt, ein Verein geworden, der vor den Trümmern des Spieljahres 2024/25 steht.

So aber sind es nach wie vor sechs Punkte, die Leverkusen vom FC Bayern trennen. Und weil die Münchner nun vor zehrenden Champions-League-Duellen mit Inter Mailand und einem anspruchsvollen Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund stehen, hegen sie in Leverkusen immer noch leise Hoffnungen auf die Titelverteidigung.

Heidenheims Trainer Frank Schmidt beklagt die Grausamkeit des Fußballs

„Wenn sie es meistern, meistern sie es“, sagte Hradecky am Samstag über die Bayern, „dann müssen wir den Hut ziehen und uns geschlagen geben, wenn es mathematisch nicht mehr machbar ist. Aber solange die Hoffnung da ist, machen wir weiter.“ Hätte Buendia seinen überlegten Schuss von der Strafraumgrenze nicht an den Innenpfosten und von dort ins Netz des Heidenheimer Tores gesetzt, gäbe es für Leverkusen schon jetzt nichts mehr zu gewinnen. Doch Buendias Kunstschuss überstrahlte die lange Liste an Mängeln, die der Leverkusener Auftritt auf der Ostalb offenbart hatte.

Er habe „viele Parallelen“ zum Bielefeld-Spiel gesehen, gestand Hradecky. Das Pokal-Aus sei noch „ein bisschen im Hinterköpfchen“ gewesen, und so fehlte Bayer ohne den verletzten Florian Wirtz all das, was es bedarf, um höchsten Ansprüchen zu genügen: Resistenz, Dominanz, Rhythmus, eine gewisse Selbstverständlichkeit in den Passfolgen und Esprit im Spiel nach vorne.

Ganze 85 Minuten vergingen, bis Heidenheims Torwart Kevin Müller mal einen Ball halten musste. Gerade die erste Hälfte war sogar dazu angetan, tatsächlich die Frage zu stellen, wer hier eigentlich der deutsche Meister ist und für wen gerade die Bundesliga-Existenz auf dem Spiel steht.

„Irgendwann ab der 80., 85. Minute hatte ich den Gedanken: Selbst der Punkt ist zu wenig. Wir müssen das Spiel gewinnen, die Mannschaft hat es verdient“, sagte Heidenheims Trainer Frank Schmidt und klang dabei nicht einmal verwegen, „aber dann hat man gesehen, wie grausam der Fußball sein kann.“ Buendia traf und sorgte dafür, dass die Anzeigetafel des Heidenheimer Stadions keine frohe Kunde mehr brachte. Als Schiedsrichter Tobias Stieler dem Spiel wenig später ein Ende setzte, stand dort: „0:1“.