Lesung zum Biotop Fitnessstudio: Kraftsport am Wannsee

Selten hat man das Literarische Colloquium Berlin (LCB) so erlebt wie an diesem Abend. Fitnessutensilien verteilen sich in den knarzenden Räumen, im Treppenhaus wird ein großes Video projiziert, anonyme Körper trainieren darin selbstvergessen. Im großen Saal riecht es angenehm nach einer Duftmischung, man könnte sich auf eine der zahlreichen Yogamatten legen, kleben würde gewiss nichts.

Woanders hat man eine Armdrückbank aufgestellt, die mit schwarzem, genietetem Leder und dunklem Holz direkt Kafkas Strafkolonie entsprungen scheint. Be­su­che­r*in­nen lassen sich hier auf ironisch gebrochene Kraftspielchen ein. Das Publikum ist merklich jünger als sonst, der Abend hat Eventcharakter, was wohl auch mit Form und Inhalt zu tun hat.

Wäre das LCB ein Fitnessstudio, dann wäre es gewiss eines, an dem am Einlass kostenlos Obst gereicht wird, einen die Musik sanft zu neuen Wiederholungen antreibt, ohne nach Galeerentrommeln zu klingen und die Klientel auf beruhigende Weise der eigenen sozialen Sphäre entspricht, in der man sich im selben Soziolekt verständigen kann, ohne aufzufliegen.

In Wirklichkeit spielt Sport in der imposanten Gründerzeitvilla am Wannsee selten eine Rolle, macht Kuratorin Maria Liebl deutlich. Wer hier ein Stipendium erhält, arbeitet kaum an Bizeps und Latissimus, sondern vielleicht an einem Text, der das eigene Leben stärker zu verändern vermag als endlose Wiederholungen der immer gleichen Körperroutinen.

„Kraftsport. Ein Casino der guten Vorsätze“, so der Titel des Abends, zu dem sich Autor-innen und Filmemacher-innen wie Verena Keßler, Kay Matter oder Tim Holland einfanden, die sich jüngst dem vermeintlich unliterarischen Sujet der körperlichen Ertüchtigung gewidmet haben. Gemäß der mehrfach an diesem Abend zitierten amerikanischen Autorin Kathy Acker, formt das Soziotop Fitnessstudio nämlich keinen Raum der Sprache, sondern einen Raum der Körper. Es ist ein Ort der Dinge, der (Menschen)-maschinen, der solipsistischen Funktion.

Teil der transsexuellen Transformation

Das gewählte Casinoformat des Abends erweist sich dabei als eher anstrengend und wenig aktivierend. Auf mehrere Bühnen verteilt, haben die Lesenden nur 20 Minuten Zeit, um Auszüge aus ihren muskelbepackten Texten vorzulesen und darüber zu diskutieren. Am Ende gibt es eine Tombola mit Buchpreisen und Fitnessdevotionalien.

Kay Matter und Cécil Röski haben in ihrem Panel den vielleicht interessantesten Austausch, widmen sich in ihren Texten vor allem der Transformation des eigenen Körpers als Teil der transsexuellen Erfahrung und beschäftigen sich dadurch automatisch mit dem „Gym“ als Ort gesellschaftlicher Widersprüche. Doch auf anderen Bühnen im Haus geht es eher um das Fitnessstudio als Ort des Ich-Werdens, des An-sich-Scheiterns, als sinnstiftende Trotzbastion, dann wieder als offenes, alle Unterschiede nivellierendes Soziotop.

Dass man selbst bei den Billigketten inzwischen 30 Euro und mehr bezahlt, um schweißrostige Geräte benutzen zu können, scheint kaum einen der Au­to­r*in­nen zu stören. Zwar wird die Widersprüchlichkeit eines „Gyms“ vielfach erwähnt, benannt werden diese Widersprüche allerdings kaum und welche Widersprüche kapitalistischer Gesellschaften sich hier vielleicht sogar noch zuspitzen, wird gleich ins Private und Persönliche verschoben, wie bei Tim Holland oder Res Sigusch.

Dass es auch eine Klassenfrage ist, ob man dem Stemmen von Gewichten, der Einhaltung eines eiweißreichen Ernährungsplans einen nicht unerheblichen Teil der Lebenszeit widmen kann, dass man überhaupt von „guten“ und „schlechten“ Studios sprechen kann und damit eher die Klientel als die Ausstattung meint, bleibt an diesem Abend leider auf der Strecke. Und so hat man das Gefühl, eine engere thematische Eingrenzung und weniger Auseinandersetzung mit Oberflächen hätte dem Anspruch, einem in der Gegenwart wenig erzählten Ort literarisch auf die Schliche zu kommen, sehr gutgetan.