„Ich bin gar nicht so klein“, stellt Leonard Graven klar. 1,80 Meter immerhin. Normales Männer-Maß. 1,79 Meter misst der Durchschnitts-Deutsche, ermittelte das statistischem Bundesamt 2024. Bei Leonard Graven, genannt Lenny, fällt es nur so auf, „weil die anderen so groß sind“. Um ihn herum agieren Männer wie Georg Grozer, 2,01 Meter, Anton Brehme, 2,09 und Tobias Krick 2,11.
Lenny Graven ist Volleyball-Nationalspieler und tritt derzeit mit der deutschen Auswahl bei der Weltmeisterschaft in Manila an. Nach dem enttäuschenden 0:3 gegen Bulgarien und einem erwarteten 3:0 über Chile trifft das deutsche Team an diesem Mittwoch (15 Uhr) im Gruppenendspiel auf Slowenien. Die Ausgangslage ist klar: bei einem Sieg geht es im Achtelfinale weiter, bei einer Niederlage fliegen die ambitionierten Deutschen frühzeitig nach Hause.
Egal wie es ausgeht, nach dem Spiel werden stets die Topscorer genannt, die Männer im Fokus, die die meisten Punkte erzielt haben – meistens Grozer, oft Krick. Graven wird dann nicht erwähnt. Nie. Er darf gar nicht punkten. Graven agiert als Libero, er ist ein hoch spezialisierter Defensivkünstler, der ausschließlich für Annahme und Abwehr zuständig ist. Zum Anforderungsprofil eines Liberos gehört, sich zurücknehmen zu können – er darf nicht aufschlagen, nicht blocken und nicht angreifen. Sein Habitat sind die drei hinteren Positionen. Sein Alleinstellungsmerkmal spiegelt sich sogar in der Farbe seines Trikots wider. Spielen seine Mitspieler in weiß, trägt der Libero schwarz – und umgekehrt. Sein Job ist es, Bälle daran zu hindern, den Boden zu berühren. Er muss sie „retten“ und dann möglichst zielsicher zum Zuspieler bringen, Jan Zimmermann beim Nationalteam, der den folgenden Angriff einleitet.
„Das beste ist, wenn man nicht auffällt“
Persönlich liegt ihm dieses Anforderungsprofil, sagt Graven: Er „brauche nicht die spektakulären Blocks oder Angriffe“ für sein Selbstbewusstsein, sagt er. Dass er von außen „nicht gehighlightet wird“, weiß er, doch er genießt die interne Wertschätzung der Riesen um ihn herum. „Ich hätte auch einen soliden Außenangreifer abgegeben“, sagt er in der Retrospektive, allerdings „nur auf Spaßniveau“. Doch „der Kleine“ wollte auf hohem Niveau agieren. Und nahm die Position, die sich anbot.
„Ich kann selten glänzen“, beschreibt Graven seine Aufgabe, aber viel falsch machen. Es sei ein bisschen „wie beim Torwart im Fußball: Das beste ist, wenn man nicht auffällt“. Was als Understatement zu bezeichnen ist – denn natürlich fällt der Libero auf, wenn er nach spektakulären Hechtflügen den Ball vom Boden kratzt, wozu nicht nur schnelles Reaktionsvermögen gehört, sondern auch exzellente Technik.

Der Münchner Graven lernte in Dachau das Volleyballspielen, er gab schon mit 16 für Unterhaching sein Debüt in der Bundesliga, ehe er nach Herrsching wechselte, wo er zum Nationalspieler reifte. Mittlerweile tritt er für den VfB Friedrichshafen an.
Mit gerade mal 21 Jahren hat er es auf die verantwortungsvolle Position im Nationalteam geschafft – und es gibt nicht mal eine Alternative für ihn. In den vergangenen Jahren organisierte stets Julian Zenger, 28 Jahre alt, 1,90 Meter groß, hauptverantwortlich Annahme und Abwehr. Doch bei Zenger wurde eine Verengung an einem Herzkranzgefäß festgestellt, er musste sich einer Operation unterziehen und fällt für längere Zeit aus. Nun ist der Mann mit der Rückennummer zwei der Abwehrspieler Nummer eins.
Graven wirkt auf dem Feld bisweilen wie Gulliver in Brobdingnag, dem Land der Riesen. „Man hat sich dran gewöhnt“, meint er über die Größenverhältnisse. Graven hat sich angewöhnt, stets das Gute zu sehen. „Es bringt nichts, schlecht drauf zu sein“, sagte er nach der unerwarteten Niederlage gegen Bulgarien, die das deutsche Team bei der WM in Zugzwang brachte. Lieber nutzte er die Erfahrungen des ersten Matches, um sein Positionsspiel in Sonderschichten bei der Videoanalyse nachzujustieren. „Es kommt manchmal auf Zentimeter an“, sagt er zu seiner Position im Schatten des Blocks – die ihm ermöglicht, gegnerische Angriffsschläge noch zu entschärfen, oder eben nicht.
Seine Position jenseits des Rampenlichts weiß er mittlerweile auch nach den Spielen zu schätzen, „wenn Georg und Tobi dabei sind“. Fans und Medien zerren an Grozer und Krick, „da kann ich ganz entspannt rausgehen“.
