

Alles begann im Kinderzimmer. Jessica Teitz blickte auf die Gardinen am Fenster. Sie lagen schwer über der Heizung – ein vertrauter Anblick, den sie nie hinterfragt hatte. Doch eines Tages schob sich ein Gedanke in ihren Kopf, fremd und beharrlich wie ein ungebetener Gast: Was, wenn die Gardinen durch die Heizung Feuer fangen? Der Gedanke an eine brennende Heizung traf sie wie ein Blitz – heiß und kalt zugleich. Die Angst kam schlagartig.
Ihre Mutter bemerkte die aufkommende Unruhe und versuchte, die damals Elfjährige zu beruhigen. Sie versicherte Jessica, sie müsse sich keine Sorgen machen – es könne nichts passieren. Doch Jessica fand keinen Frieden. Immer wieder legte sie die Gardinen auf die Fensterbank, überzeugt, sie dort in Sicherheit zu bringen, damit sie die Heizung nicht mehr berührten.
„Das war meine erste Zwangshandlung“, sagt Jessica heute rückblickend. Einen Auslöser habe es dafür nicht gegeben. Wie eine Zwangsstörung entsteht, ist bis heute nicht abschließend erforscht. Genetische Faktoren, Umwelteinflüsse oder Prozesse im Gehirn können dabei eine Rolle spielen.
Die Krankheit kehrte zurück
Mit den Jahren kamen neue Ängste hinzu. Der Herd in der Küche wurde zur nächsten Bedrohung. Jessica kontrollierte ihn immer wieder – auch wenn sie gar nicht gekocht hatte. Vor dem Schlafengehen musste sie sicher sein, dass alle Haushaltsgeräte ausgeschaltet waren. Jede Kontrolle brachte nur kurz Erleichterung, dann kamen die Zweifel zurück. Mit 18 Jahren verschwanden die Zwänge; damals wusste sie nicht, dass ihr Verhalten einen Namen hatte.
Doch mit Mitte 20 kehrte die Krankheit zurück – diesmal besonders ausgeprägt. Im Englischen heißt sie OCD, Obsessive Compulsive Disorder. Die Zwänge bestimmten plötzlich wieder Jessicas Alltag, diesmal stärker als je zuvor. Morgens war der Druck für Jessica noch schwerer zu ertragen als abends. Musste sie um neun Uhr im Büro sein, wurde es zu einer zunehmend größeren Herausforderung, die Wohnung rechtzeitig zu verlassen. Immer neue Kontrollen: Herd, Wasserkocher, Kaffeemaschine, Bügeleisen – selbst wenn sie keines der Geräte benutzt hatte, musste Jessica sichergehen, dass es ausgeschaltet war. War die Haustür wirklich geschlossen? Sie musste nachsehen.
Auf dem Weg ins Büro quälte sie der Gedanke, sie könnte jemanden angefahren haben, ohne es zu merken. Also fuhr sie oft zurück, um nachzusehen. Heute weiß sie: Das nennt sich Fahrerflucht-OCD, auch bekannt als Hit-and-Run-OCD. Am Ziel angekommen, kontrollierte sie mehrmals, ob das Auto abgeschlossen war – und kam häufig zu spät. Einmal fuhr sie sogar aus dem Büro zurück, aus Angst, das Bügeleisen angelassen zu haben. „Nie war eines der Geräte an. Kein einziges Mal.“
„Nichts in meinem Leben blieb davon unberührt“
Ein neuer Feind kam hinzu: der Hygienezwang. Jessica ekelte sich vor öffentlichen Toiletten, fürchtete, mit der Hose den Mülleimer zu berühren. Tagsüber wusch sie sich die Hände immer wieder, bis sie rissig und trocken waren. Abends duschte sie lange, um sich vor dem Schlafengehen wirklich sauber zu fühlen. Im Bett las sie oft die letzten Seiten ihres Buches abermals – aus Sorge, sie nicht richtig gelesen zu haben. „Es heißt, ein Zwang beginnt, wenn man eine Stunde am Tag damit verbringt und der Leidensdruck immens ist. Bei mir hat er irgendwann so viel Raum eingenommen, dass nichts in meinem Leben mehr davon unberührt blieb. Ich war gefangen in einer Endlosschleife“
Jessica weiß heute: „Auch Menschen ohne Zwangsstörung kennen solche Gedanken – aber bei ihnen verschwinden sie wieder.“ Sie konnte nicht mehr aufhören, daran zu denken. „Um die Last loszuwerden, habe ich die Zwangshandlung ausgeführt oder die Situation vermieden, indem ich zum Beispiel stundenlang nicht zur Toilette gegangen und irgendwann auch so gut wie gar nicht mehr meine Wohnung verlassen habe.“ Doch dadurch wurde es nur noch schlimmer. Die Zwänge bestimmten ihren Alltag. „Man nennt Zwangsstörungen auch die Krankheit des Zweifels. Betroffene zweifeln an allem, aber besonders an sich selbst.“
Vor ihrem Umfeld hielt sie alles geheim. Aus Scham, seltsam zu wirken, aber auch aus Angst vor Viren und HIV. „Ich habe Verabredungen so lange vermieden, bis meine Freunde irgendwann auch nicht mehr gefragt haben.“ Mit der Zeit hatte sie etwa 100 verschiedene Zwänge, wenn man deren Unterkategorien mitzählt, am schlimmsten war die Angst vor HIV. Wenn sie sich beim Bäcker ein Brötchen kaufte und die Verkäuferin ein Pflaster am Finger hatte, wollte sie es nicht mehr essen.
Nicht auf andere verlassen
Erst eine kognitive Verhaltenstherapie half der heute Sechsundvierzigjährigen. Dabei lernte sie, sich ihren Ängsten zu stellen – etwa, sich nach dem Toilettengang bewusst nicht die Hände zu waschen. Sie hielt die Anspannung aus, bis sie nachließ, und widmete sich dann dem nächsten Zwang. Mehr als ein halbes Jahr lang ging Jessica zweimal je Woche zur Therapie und bekam Antidepressiva verschrieben. Es kostete Disziplin, aber sie lernte, damit umzugehen.
Ihr damaliger Partner, heute ihr Ehemann, unterstützte sie – indem er ihr keine Kontrolle abnahm. „Genau das hilft nämlich nicht.“ Auch wenn es Freunde und Bekannte nur gut meinten, werde der Zwang nicht geringer dadurch, dass jemand versichere, es könne nichts passieren, oder indem er nachsehe, ob der Herd wirklich abgestellt sei. „In dem Moment geben wir bloß die Verantwortung ab“, sagt Jessica. „Wir müssen selbst spüren, dass wir uns auf uns verlassen können. Die beste Hilfe von außen ist, einfach nur für den anderen da zu sein.“
Als Belohnung erfüllte sie sich einen Traum: eine Reise nach New York – früher undenkbar. Während Corona kam der Rückfall. „Ich habe zu viel im Home Office gearbeitet, Sport vernachlässigt, bin nicht unter Leute gegangen und hatte plötzlich wieder Angst vor Viren.“ Das und weitere Faktoren hätten Zwangsgedanken von früher hochgeholt. Nachts konnte sie nicht schlafen, aber nach zwei Wochen wurde es besser.
Um anderen Mut zu machen, begann Jessica 2020, ihre Geschichte öffentlich zu teilen und einen Blog über das Leben mit Zwängen zu schreiben. Damit will sie anderen zeigen, wie schön das Leben trotz allem sein kann. Auch auf Instagram – unter „freiheitundvertrauen“ – macht sie anderen Mut. Seit vier Jahren engagiert sie sich bei der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ), ist heute deren stellvertretende Vorsitzende. „Die Krankheit ist nicht heilbar, aber der Umgang mit ihr ist lässt sich sehr gut lernen.“
Der Zwang als Warnsignal
Zwangsstörungen sind in Deutschland häufiger als lange angenommen: Laut der DGZ leiden 3,4 Prozent der Bevölkerung – das entspricht etwa 2,3 Millionen Menschen – im Laufe ihres Lebens an ausgeprägten Zwängen. Während Frauen statistisch gesehen häufiger unter sogenannten Waschzwängen leiden, zeigen Männer öfter Kontrollzwänge. Die Erkrankung beginnt meist im frühen Erwachsenenalter. Bei 85 Prozent der Betroffenen treten die Symptome nach Angaben der DGZ bereits vor dem 35. Lebensjahr voll ausgeprägt auf. Viele zeigen schon in der Kindheit zwanghaftes Verhalten.
Inzwischen betrachtet Jessica den Zwang als eine Art Warnsignal. „Wenn die Zwangsgedanken wieder stärker werden, weiß ich, dass ich gerade etwas mache, was mir nicht guttut – etwa, wenn ich zu viel arbeite und mir zu wenige Pausen gönne.“ Jessica hat wieder Freunde, verabredet sich, plant Unternehmungen und macht Yoga. Sie ist inzwischen Yogalehrerin, bietet online unter www.yocd.de Kurse für Betroffene an. „Das ersetzt keine Therapie, beruhigt aber das Nervensystem und unterstützt in Kombination.“
Bevor Jessica heute ihr Haus in Friedrichsdorf im Taunus verlässt, schaut sie oft noch einmal, ob der Herd aus ist. Aber dabei bleibt es dann. „Einmal ist okay“, sagt sie und zwinkert. Jessica hat wieder Selbstvertrauen, geht Herausforderungen resilienter an. Manchmal, wenn sie besonders gute Laune hat, sucht sie auf Reisen bewusst heruntergekommene Raststätten-Toiletten auf oder wäscht sich vor dem Essen absichtlich nicht die Hände, um sich selbst herauszufordern. „Humor hilft mir dabei sehr.“
Jessica wünscht sich, dass offener über Zwangsstörungen gesprochen und die Krankheit enttabuisiert wird. Es fehle an Vorbildern, die öffentlich dazu stünden. David Beckham, Charlize Theron und Leonardo DiCaprio haben eine Zwangsstörung – im deutschsprachigen Raum sind keine prominenten Vertreter bekannt. Über Depressionen sprächen mehr Menschen öffentlich, Zwangsstörungen seien besonders schambesetzt. „Es ist, als würde man bei vollem Verstand verrückt werden. Wir wissen, dass es unsinnig ist, was wir tun – aber wir müssen es trotzdem machen.“ Ihr Rat: Wer betroffen ist, sollte sich Hilfe suchen. „Je schneller, desto besser.“ Jessica wünscht sich, dass Menschen mit Zwängen nicht mehr schweigen müssen. Sie träumt von einer Welt, in der niemand sich schämen muss für Gedanken, die nicht verschwinden.
