Die große Bühne Old Trafford wusste Lea Schüller zu nutzen, um daran zu erinnern, welche Spielerin der FC Bayern diesen Winter ziehen gelassen hat. Erst preschte sie in den Strafraum, flankte und traf den ausgestreckten Arm ihrer früheren Kapitänin Glodis Viggosdottir. Was zum Elfmeter und Ausgleich durch ihre neue Kapitänin Maya Le Tissier führte. Dann versuchte Schüller es selbst mit dem Fuß und per Kopf. Sie haderte damit, gerade an diesem Abend beim 2:3 zwischen ihrem aktuellen und ihrem alten Verein nicht getan zu haben, was Stürmerinnen am liebsten tun. Ganz zufrieden sei sie natürlich nicht, aber: „Es ist ein Tor Unterschied – es ist noch möglich“, sagte Schüller zu den Aussichten, diesen Mittwoch (18.45 Uhr, Disney+) vor mehr als 20 000 Zuschauern in der Münchner Arena gegen den Favoriten das Halbfinale der Champions League zu erreichen.
Was auf zwei Ebenen eine Signalwirkung hätte. Es würde die Anstrengungen von United unterstreichen, zu einem der Topklubs aufsteigen zu wollen. Wobei schon die erstmalige Teilnahme am Viertelfinale die Entwicklung zeigt. Und für Schüller persönlich wäre es ein weiterer Beleg, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Fünfeinhalb Jahre war sie in München, bevor sie im Winter zu Manchester wechselte. Viermal gewann Schüller die Meisterschaft, einmal den DFB-Pokal und zweimal den Supercup. Sie war eines der bekanntesten Gesichter der Bundesliga – und zählt zu den besten Stürmerinnen. Allein für den FC Bayern schoss sie in 181 Partien 104 Tore. Auch als die 28-Jährige in der Hinrunde dieser Saison in 19 Einsätzen nur neunmal in der Startelf stand, traf sie achtmal. Doch die Zahlen überdecken die Schwierigkeiten, die ihr zuletzt zu schaffen machten.

:Warum Pernille Harder so wichtig für die Bayern ist
Die Dänin beweist ihre Klasse beim 3:2 der Münchnerinnen im Viertelfinal-Hinspiel bei ManUnited. Im Zusammenspiel mit Momoko Tanikawa hat sich eine dynamische Achse entwickelt, die das Team noch weit tragen könnte.
Am Mikrofon von Disney+ erzählte Schüller nach dem Hinspiel noch von ihren ersten Erfahrungen in England. Und die Symbolik hätte kaum passender sein können, als dass die Moderatorin das Gespräch mit dem Verweis abschloss, dass da nun eine andere Spielerin bereitstünde, die man nicht warten lassen wolle: Pernille Harder. Denn dass Schüller beim FC Bayern zunehmend in eine Nebenrolle rutschte, lag nicht zuletzt an der dänischen Nationalspielerin, die mit ihrer Spielintelligenz und Torgefährlichkeit enorm wichtig geworden ist für den FC Bayern und die ihr den Rang ablief.
Gegen Manchester traf Harder zweimal, in der Bundesliga führt sie die Schützinnenliste mit 14 Toren an. Während Schüller gerne im Strafraum lauert oder direkt Richtung Tor zieht, rotiert Harder während einer Partie auch auf die Zehn oder die Außenbahn, das macht das Angriffsspiel variabel und unberechenbar. Bei Jovana Damnjanovic ist es ähnlich. Schon in der Schlussphase unter Alexander Straus war es für Schüller nicht immer rund gelaufen. Ins ballbesitzorientierte System des neuen Münchner Trainers José Barcala schien sie auch nicht ganz zu passen. Am Ende erlebte Schüller zwei Partien bis zum Schlusspfiff als Zuschauerin.
Ich hoffe, dass sie wieder zu ihrer alten Form zurückfindet. Das würde uns allen guttun.
Bundestrainer Christian Wück
Ihr Frust über die fehlende Perspektive und die eigenen Leistungsschwankungen wirkten sich auch aufs deutsche Nationalteam aus. Statt nach dem Karriereende von Alexandra Popp unangefochten die Rolle als Torjägerin einzunehmen, muss Schüller sich mühen. Bei der EM in der Schweiz zeigte sie ihre Qualitäten und ihren Instinkt, doch Christian Wück war nicht zufrieden und bevorzugte nach den ersten Partien Giovanna Hoffmann, die kämpferischer wie variabler auftrat. Immerhin signalisierte er Rückhalt. „Wenn man von einer Spielerin überzeugt ist, die gerade eine sehr schwierige Phase hat, ist es auch die Aufgabe des Trainerteams, die Spielerin zu unterstützen“, sagte der Bundestrainer Anfang März nach der WM-Qualifikation gegen Slowenien, bei der Schüller ihr 55. Tor im 84. Länderspiel erzielt hatte. Ziel sei gewesen, dass sie wieder Selbstvertrauen sammle: „Ich hoffe, dass sie wieder zu ihrer alten Form zurückfindet. Das würde uns allen guttun. Ich denke, dass sie den richtigen Schritt durch den Wechsel vollzogen hat.“
In England hat sich Lea Schüller auf die Suche nach ihrer verlorenen Leichtigkeit gemacht. Der Schritt war begleitet von der Schwere, sich ein neues Umfeld aufzubauen und sich zurechtzufinden im Ausland sowie einzutauchen in eine andere Fußballkultur. Was für eine eher zurückhaltende Person wie Schüller herausfordernd sein kann. „Die letzten Monate waren nicht einfach. Ich war sehr unzufrieden und auf keinem guten fußballerischen Level“, erzählte Schüller neulich. Sie habe all ihre Freunde in München gelassen, aber „mir gefällt es sehr gut in England“. Manchester United sei wie der FC Bayern ein Topverein, „große Unterschiede gibt’s nicht“. Es ist das athletischere, intensivere Spiel, das sie auf die Insel zog. Schüller will fitter und dadurch besser werden: „Das war einfach noch nie so richtig meine Stärke, und ich glaube, dass ich mich da in kurzer Zeit schon weiterentwickeln konnte.“
Hinzu kommt, dass der Tabellenvierte der Women’s Super League sein Spiel auf schnelle Konter und lange Bälle auslegt – was Schüller weit mehr entgegenkommt als die Münchner Art. „Leas Torbilanz ist phänomenal, ihr Spielstil wird unserem Angriff eine aufregende neue Dimension verleihen“, hatte Sportdirektor Matt Johnson bei ihrer Verpflichtung geschwärmt. In 14 Spielen hat Schüller erst einmal getroffen. Aber sonderlich lange hat sie bisher nie gebraucht, um sich aufzuwärmen.
