

„Die gefährlichste Cancel Culture ist die von oben“, sagte der texanische Senatsbewerber James Talarico im Gespräch mit Moderator Stephen Colbert. Das Interview lief nicht wie üblich in dessen Sendung bei CBS, sondern bei Youtube. Colbert erklärte den Vorfall auf seinem regulären Sendeplatz. Das Interview fehle, weil die Anwälte des Senders ihr Veto eingelegt hätten. Colbert sagte, CBS wolle aber nicht, dass er darüber spreche. Deswegen tue er nun genau das: „Lasst es uns als das benennen, was es ist: Donald Trumps Regierung will jeden mundtot machen, der im Fernsehen etwas Schlechtes über Trump sagt.“
Hintergrund war eine Äußerung von Brendan Carr, dem Chef der Federal Communications Commission (FCC). Carr hatte angedeutet, dass die so genannte „Equal Time Rule“ geändert werden solle. Die Regel besagt, dass privat betriebene Sender mit öffentlicher Lizenz allen Kandidaten während laufender Wahlkämpfe gleich viel Sendezeit einräumen sollen. In Texas läuft die Vorwahlkampagne der Senatskandidaten. Bislang galt für Nachrichtensendungen und politische Talkshows aber eine Ausnahme.
Vorauseilender Gehorsam?
Etliche Kritiker wie Anna Gomez, Vertreterin der Demokraten in der FCC, werten Carrs Äußerung als Zensurdrohung. CBS, dessen Mutterkonzern Paramount kürzlich mit Trumps Segen von Skydance übernommen worden war, habe in vorauseilendem Gehorsam gehandelt. Inzwischen beteuerte der Sender in einer Pressemitteilung, man habe Colbert das Interview keineswegs verboten, sondern nur auf mögliche Konsequenzen hingewiesen. Der Moderator, dessen Show im Frühjahr eingestellt werden soll, hatte das Gespräch bei Youtube eingestellt und in seiner Sendung gesagt, er dürfe nicht einmal darauf verweisen. Inzwischen sahen mehr als zwei Millionen Menschen das Video.
Talarico ist ein 36 Jahre alter demokratischer Regionalabgeordneter aus Texas, der sich für die Senatskandidatur seiner Partei bewirbt. Auch, wenn er mit der Kongressabgeordneten Jasmine Crockett eine starke innerparteiliche Konkurrentin hat, sehen viele Beobachter in dem ehemaligen Lehrer einen besonders aussichtsreichen Bewerber. Talarico gilt als geeignet, auch konservative Wähler anzusprechen, weil er ein bekennender Christ ist, der den Weißen Christlichen Nationalismus eloquent zurückweist. Die FCC soll auch eine Überprüfung der Show „The View“ bei ABC gestartet haben, nachdem Talarico dort aufgetreten war. Die Republikaner hätten ein Interesse an der Zensur seiner nationalen Medienauftritte, weil sie Angst vor seinem Erfolg in Texas hätten, sagte Talarico. Die Partei, die gegen „Cancel Culture“ angetreten sei, wolle nun kontrollieren, „was wir sehen, was wir sagen und was wir lesen“.
Am selben Tag, an dem sich CBS gegen die Zensurvorwürfe wehrte, wurde auch bekannt, dass der Sender eines seiner prominentesten Gesichter verliert. Anderson Cooper erklärte nach fast zwanzig Jahren seinen Rücktritt als Reporter der Sendung „60 Minutes“. Cooper, einer der bekanntesten Fernsehjournalisten des Landes, begründete das mit veränderten Lebensumständen – als Vater müsse er seine Arbeit für CBS und CNN koordinieren. Dem Sender CNN will der 58-jährige als Moderator erhalten bleiben.
Cooper hat die neue CBS-Chefredakteurin Bari Weiss bislang nie öffentlich kritisiert. Medienjournalisten spekulieren aber darüber, dass sein Abschied mit den Veränderungen im Sender zusammenhängen könnte. Weiss hatte zuvor das inzwischen von CBS übernommene Magazin „The Free Press“ gegründet. Kritiker bemängeln, dass sie Trump-freundlichere Berichterstattung durchsetzen wolle. Eine Dokumentation über Trumps Abschiebungen nach El Salvador, die bei „60 Minutes“ laufen sollte, hatte der Sender vorübergehend zurückgehalten. Zuletzt warf Producerin Alicia Hastey Weiss vor, dass diese dafür gesorgt habe, dass journalistische Standards missachtet würden und Mitarbeiter „Selbstzensur“ üben müssten.
