Lars Klingbeil: Der Mann, an dem jetzt alles hängt

Vielleicht ist der Konferenzraum eines Forschungsinstituts nicht der richtige Raum für eine Grundsatzrede des Finanzministers und Vizekanzlers, ein paar Dutzend Leute sind hier, vierhundert schauen per Video zu. Eigentlich hatten die Wissenschaftler im Dezember schon einen geräumigen Saal dafür gemietet, aber Lars Klingbeil musste damals absagen, „aus ein paar Gründen“. Der Raum ist klein, die Worte sind umso größer, um mehr „europäischen Patriotismus“ geht es, in den globalen Auseinandersetzungen dieser Zeit.

„Wohlstand sichern in Zeiten des geoökonomischen Wandels“ lautet sein Thema, und die These lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Die Lage ist schlimm, allgemein- wie wirtschaftspolitisch, aber „die Probleme sind lösbar“, wenn die Regierung nur hart genug daran arbeitet. „Das ist meine feste Überzeugung“, fügt er jenen Passagen hinzu, wo vielleicht ein größerer Zweifel angebracht ist, häufig streut er auch ein „Ich bin fest davon überzeugt“ ein, mindestens ein Dutzend Mal in knapp 60 Minuten.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Es ist ja auch wahr, 2026 wird ein entscheidendes Jahr, das glauben viele, und das ist nicht nur dahingesagt. Und im Zentrum der Herausforderungen, die dem Land bevorstehen, steht der Vizekanzler, Finanzminister, SPD-Vorsitzende, dieser 196 Zentimeter große Mann, den seine schulterbetonten Sakkos noch ein bisschen breiter wirken lassen, der aber mit seinem strubbeligen Haar und dem stets freundlichen Lächeln mit seinen bald 48 Jahren immer noch ein bisschen jungenhaft wirkt. Harmlos fast, hätte man nicht schon länger, spätestens aber im vorigen Jahr, gelernt, dass er auch die härtere Tour beherrscht.

Vom Jahr der Reformen spricht der Bundeskanzler, jetzt aber wirklich: Rente, Gesundheit, Steuern, Bürokratie: Überall gibt es ordentlich zu tun, überall lauern Konflikte zwischen den Koalitionspartnern. Ganz nebenbei wird der Finanzminister noch zig Milliarden Euro in seinem Haushalt fürs nächste Jahr einsparen müssen. Und dazwischen gilt es noch ein paar Landtagswahlen zu bestehen, die auch die Bundespolitik kräftig durchschütteln könnten.

Der freundliche Herr Klingbeil

Der freundliche Herr Klingbeil wird allen etwas zumuten müssen, den Bürgern, dem Koalitionspartner, den eigenen Parteifreunden. An ihm liegt es, ob die Koalition das Jahr übersteht. Dazu muss er Reformen anschieben und zugleich die SPD bei Laune halten. Leicht wird das nicht. Es gibt unter Sozialdemokraten schon jetzt einiges Grummeln über Zumutungen, die das Bündnis mit der Merz-CDU bereithält.

An seinem persönlichen Willen liegt es nicht. Fragt man ihn dieser Tage am Telefon, wird er sogar noch etwas deutlicher als bei den Wirtschaftsforschern. „Alle spüren, dass sich gerade etwas sehr Grundsätzliches verändert“, sagt er da. „Unser altes Wirtschaftsmodell funktioniert nicht mehr, wir müssen eine neue Grundlage schaffen für wirtschaftlichen Erfolg. Wir brauchen ein neues Geschäftsmodell.“

Er weiß, dass die SPD vielen nicht gerade wie ein Treiber des Wandels erscheint, „manchmal entsteht der falsche Eindruck, wir würden bremsen“. Das will er ändern. „Für mich ist wichtig, dass die SPD dieses Jahr deutlich macht: Wir wollen der Treiber von Veränderung sein.“ Die SPD sei immer dann stark gewesen, wenn sie an der Spitze der Veränderung stand. „Ich will und werde diese Debatte von vorne führen.“

Ärger wegen Bärbel Bas

Zum gegenteiligen Bild hatte zuletzt seine Kollegin in Kabinett und Parteispitze beigetragen, Arbeitsministerin Bärbel Bas. Jetzt wisse sie wieder, gegen wen die Sozialdemokraten gemeinsam kämpfen müssten, hatte Bas gesagt, nachdem sie auf dem Arbeitgebertag ausgelacht worden war. Natürlich hat Klingbeil sie tapfer verteidigt, man dürfe eine Ministerin nicht so respektlos behandeln, ihre Reaktion sei „nachvollziehbar“. Aber der Vorfall passte auch überhaupt nicht in Klingbeils Konzept, die SPD wieder zu einer Partei zu machen, die Politik für die Arbeitnehmer vor allem auch als Politik für eine starke Wirtschaft und für gute Jobs versteht.

Dass diese Botschaft nicht so ganz ankommt, dazu hat vor einiger Zeit ungewollt auch der Kanzler beigetragen. Auf einer Sitzung der Unionsfraktion mahnte er, die Abgeordneten sollten sich zurückhalten mit Kritik am SPD-Vorsitzenden, der sei „sehr sensibel“. Damit hat Friedrich Merz selbst noch mal den Eindruck seiner ärgsten Feinde bekräftigt, der früheren „Merz-Ultras“, er habe sein angebliches CDU-pur-Programm aus Oppositionszeiten beiseitegelegt und lese den Sozialdemokraten jetzt jeden Wunsch von den Lippen ab. Das hat die Sache für Merz selbst, aber auch für Klingbeil nicht leichter gemacht.

Sensibel ist vor allem die Lage, in der Klingbeil jetzt steckt. Er muss sich zunächst mal mit der Union auf Reformen einigen, die das Land voranbringen und trotzdem die eigene Klientel nicht verschrecken. Das wird am Ende anders aussehen, als es sich manche in der Union jetzt vorstellen. „Bei manchen gibt es die Einschätzung: Wir gehen jetzt mal richtig an den Sozialstaat ran, dann entsteht wirtschaftliches Wachstum“, warnt Klingbeil. „Der Ansicht bin ich nicht.“ Klar, enormen Reformbedarf gebe es, bei den 500 Sozialleistungen etwa, und beim Bürgergeld seien Sozialleistungen in einigen Fällen auch ausgenutzt worden. „Aber bei der Rente geht es um Menschen, die ein Leben lang hart dafür gearbeitet haben. Das müssen wir bedenken, wenn wir über nötige Veränderungen sprechen.“

Ein neues Bündnis für Arbeit

Möglichst viel Konsens, das ist sein Mantra, und er hat dafür auch schon eine Idee. „Wir brauchen ein Bündnis für Arbeit und Innovation“, sagt er. „Wir können dieses Land nur verändern, wenn Union und SPD, Arbeitgeber und Arbeitnehmer allesamt bereit sind, zum Wohle des Landes gemeinsame Lösungen zu finden.“ Alle Seiten müssten sich bewegen. „Öffentliche Schlachten über Veränderungen von ein paar Millimetern, das wird nicht funktionieren und wäre kontraproduktiv.“ Einen Vorgeschmack, dass das nicht immer funktionieren wird, liefert die Debatte um die Erbschaftsteuer. Spätestens wenn das Verfassungsgericht dazu geurteilt hat, wird der Streit wieder aufkommen.

Und dann wäre da noch die Kleinigkeit, in den nächsten beiden Haushalten jeweils 50 bis 60 Milliarden Euro einzusparen. Für viele erscheint das unverständlich, nachdem die Regierung sich gerade erst neuen Spielraum für Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung verschafft hat. Aber sie hat eben auch eine ganze Reihe neuer Ausgaben beschlossen, neben der Rentengarantie auch einige Subventionen für geringere Strompreise. Frühere Koalitionen taten sich schon mit weit geringeren Sparsummen schwer.

Mit welchen Methoden Klingbeil dabei vorgehen könnte, dafür gibt es Vorbilder in seiner noch recht kurzen Karriere, während der er sich nicht nur viel länger in Führungspositionen hielt als die meisten anderen, sondern auch rasch aufstieg.

Die Nerven behalten

Das Schlüsselerlebnis liegt gerade mal sechs Jahre zurück, und wer ihn in jenem Winter 2019/20 aus der Nähe beobachtete, der konnte über seine Chuzpe nur staunen – und jetzt vielleicht ahnen, wie er es wieder machen wird. Die Partei war nach dem Sturz der Partei- und Fraktionsvorsitzenden Andrea Nahles ins Chaos gestürzt, Klingbeil war als Generalsekretär vielleicht auch nicht ganz unschuldig an dem recht wild verlaufenen Urwahlprozess. Es gewannen schließlich Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, gestützt durch eine Juso-Kampagne zum Ausstieg aus der großen Koalition. Das war nun überhaupt nicht Klingbeils Sache, viele rechneten damit, dass er hinschmeißen würde, kurz hat er es wohl auch überlegt.

Sehr bald aber erlebte man ihn in kleinen Runden als einen Mann, der so tat, als sei überhaupt nichts gewesen. Er machte einfach weiter, mit der Koalition ebenso wie mit den neuen Vorsitzenden, gemeinsam erhoben sie Olaf Scholz zum Spitzenkandidaten. Nach 16 Jahren Pause zog wieder ein Sozialdemokrat ins Kanzleramt ein – auch dank eines Wahlkampfs, den Klingbeil organisiert hatte. In die Röhre schaute nur Juso-Chef Kevin Kühnert, der in der Kanzlerfrage nicht konsultiert worden war. Aber nachdem Klingbeil wenig später zum Parteichef aufstieg, machte er Kühnert zum eigenen Nachfolger, die beiden präsentierten sich als dickste Freunde.

Machtpolitische Chuzpe

Denn eines unterscheidet den Niedersachsen Klingbeil dann doch von seinem Landsmann und langjährigen politischen Vorbild Gerhard Schröder, in dessen Wahlkreisbüro er in jungen Jahren arbeitete: Die Basta-Attitüde, mit der sich Schröder über Parteifreunde hinwegsetzte und die SPD auf Jahre hinaus traumatisierte, ist seine Sache nicht. Größtmögliche Geschlossenheit sieht er als Voraussetzung für politischen Erfolg. Die machtpolitische Chuzpe, mit der er voriges Jahr die Kabinettsmannschaft austauschte und seine Ko-Vorsitzende ins Leere laufen ließ, hat seinem Rückhalt in der Partei dann aber doch geschadet.

Nach dieser Vorgeschichte glaubt er, dass er den überraschenden Wahlerfolg von 2021 wiederholen kann. Gegen den Rat auch mancher Parteifreunde hat er sich auf den Posten gesetzt, mit dem sich auch Olaf Scholz auf die Kanzlerkandidatur vorbereitete, den des Vizekanzlers und Finanzministers; Parteivorsitzender wäre Scholz nach dem Nahles-Aus notgedrungen auch gerne geworden, hatte es zu seinem Glück aber nicht geschafft: Zwei als links geltende Parteichefs außerhalb der Regierung, die dem Kanzlerkandidaten den Rücken frei halten: Das hat damals sehr geholfen.

Vor allem aber kam damals hinzu, dass Scholz wie das perfekte Abziehbild einer populären Kanzlerin wirkte, die nicht mehr antrat, also letztlich mit einem Merkel-Bonus die Wahl gewann. Klingbeil hat das Problem, dass Friedrich Merz nach jetzigem Stand als wenig beliebt gilt – und mit ihm die ganze Regierung. Als Vizekanzler einer unbeliebten Konstellation in den Wahlkampf zu ziehen, das wäre eine deutlich schlechtere Ausgangslage.

Jeder sechste kennt ihn nicht

Hinzu kommt, dass Klingbeil in den öffentlichen Debatten wenig vorkommt. Das liegt nicht an ihm. Er geht in Talkshows, hält Reden, präsentiert Gesetzentwürfe, reist nach China oder in die USA, tritt dieser Tage in den Wahlkämpfen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg auf.

Trotzdem dringt er wenig durch, jedenfalls nicht so, dass die Leute morgens am Frühstückstisch oder abends beim Bier über ihn reden würden. Das mag auch daran liegen, dass er weniger Fehler macht als andere. Über Frühstartrente oder Haushaltsentwürfe regt sich kaum jemand so sehr auf wie über Stadtbilddebatten, Brasilien-Bashing oder die Qualität afrikanischen Brots – Kontroversen, die allesamt Friedrich Merz ausgelöst hat.

Ein Problem bleibt es trotzdem, dass laut ARD-Deutschlandtrend immerhin jeder sechste Bundesbürger den Namen des mutmaßlich nächsten SPD-Kanzlerkandidaten noch nie gehört hat. Unter denen, die ihn kennen, ist er immerhin der beliebteste Sozialdemokrat nach dem Bundespräsidenten und dem Verteidigungsminister, in den meisten Umfragen ungefähr gleichauf mit seiner Ko-Vorsitzenden Bas, populärer als der amtierende Kanzler.

Daran, dass er für die nächste Wahl auf dessen Posten schielt, zweifeln die wenigsten – erst recht nicht, seit sie Ende des vorigen Jahres die Illustrierte „Bunte“ gelesen haben. Aus scheinbar heiterem Himmel sprach Klingbeil dort recht detailliert über eine überstandene Krebserkrankung vor elf Jahren. Man konnte das durchaus so verstehen, als wolle er rechtzeitig darüber reden, bevor im Wahlkampf irgendjemand über seine Gesundheit spekulieren könnte.

„Vielleicht bin ich deshalb auch gelassener als manche andere in den täglichen Aufgeregtheiten“, fügte er mit Blick auf die überstandene Bedrohung noch hinzu. Das wären jedenfalls Eigenschaften, die er dieses Jahr gut gebrauchen kann.