Es dauerte eine ganze Weile, bis die gefragteste Person dieses Abends in Dresden durch eine Lücke zwischen den Stellwänden hervorkam. Larissa Mühlhaus stellte sich ganz dicht vor den Raumtrenner in ihrem Rücken, hielt lieber etwas Abstand zu den Mikrofonen. Ob sie nicht vielleicht …? Also ging Mühlhaus zwei kleine Schritte nach vorn, lächelte schüchtern. Seit zweieinhalb Jahren spielt sie in der Bundesliga für den SV Werder Bremen, aber gerade hatte sie ihr Debüt für das deutsche Nationalteam gegeben – da fühlte sich das Frage-Antwort-Spiel anders an.
Die 23-Jährige wusste gar nicht so richtig, wie sie einordnen sollte, was sich im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion ereignet hatte. „Sehr, sehr viele Emotionen“, bescheinigte sich Mühlhaus: „Unglaublich, ich kann das gar nicht in Worte fassen. Ich muss erst mal alles verarbeiten.“ Sie versuchte trotzdem, Worte für ihr Länderspieldebüt zu finden: „Ich hatte schon die ganze Zeit auf der Bank beim Zuschauen Gänsehaut, weil ich das nur vom Fernsehen kenne, wenn die da spielen.“ Und jetzt hatte sie höchstselbst auf dem Platz gestanden beim 5:0 gegen Slowenien zum Auftakt in die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2027. „Bisschen unrealistisch“, fand Mühlhaus das alles: „Es fühlt sich an wie ein Traum, und der ist gerade in Erfüllung gegangen.“

:„Wir bringen die gleiche Qualität mit wie die Spanierinnen, nur auf andere Weise“
Christian Wück analysiert die Entwicklung des Nationalteams und wie es ihn verändert hat, Bundestrainer zu sein. Er spricht über die Kritik an seinem Kader, fehlende Effizienz und erklärt, wie der deutsche Frauenfußball stärker werden kann.
In der Pause sei sie aufgerufen worden, sie solle sich bereit machen. Mühlhaus war dann ziemlich schnell sehr bereit, arg viel besser hätte sie kaum spielen können bei ihrer Premiere. Sechs Minuten nach ihrer Einwechslung folgte ihr erstes Tor für die DFB-Frauen, schneller haben das nur die spätere Bundestrainerin Silvia Neid (nach einer Minute) und Mühlhaus’ aktuelle Mitspielerin Jule Brand (nach drei Minuten) geschafft. Es war ein Tor mit Wumms, das wirkte wie ein Ausrufezeichen für all jene, die womöglich noch daran gezweifelt hatten, ob sie nach vier Treffern in zehn Partien für die U23 auch das Zeug für die Großen haben würde. Mühlhaus rauschte in einen abprallenden Ball mit Wucht hinein, im Fallen jagte sie ihn mit rechts aus kurzer Distanz zum 4:0 unter die Latte. Eigentlich ein untypisches Tor für sie, meist schließt sie außerhalb des Strafraums ab. „Ich muss das noch mal nachgucken, das ging alles ziemlich schnell. Ich hab den Ball nur in der Luft gesehen“, sagte Mühlhaus. Dann war er schon drin.
„Sie ist eine Künstlerin, unglaublich begabt mit ganz besonderen Fähigkeiten“, sagte ihre Vereinstrainerin
Bundestrainer Christian Wück hatte im SZ-Interview vor der Partie gesagt, dass er Mühlhaus zutraue, die grassierende Abschlussschwäche seines Teams zu mildern. In der Saison 2023/2024 war sie mit 20 Treffern die Beste in der zweiten Bundesliga, damals für ihren Heimatverein Hamburger SV. Aktuell kommt sie auf zehn Tore in 17 Bundesligaspielen, wie Pernille Harder (Bayern München) und Alexandra Popp (VfL Wolfsburg). Nur Selina Cerci (12/15) und Vanessa Fudalla (12/18) treffen häufiger. Die von Wück gelobte Wirksamkeit im Strafraum stellte Mühlhaus gegen Slowenien unter Beweis, womöglich erhält sie am Samstag beim nächsten WM-Quali-Spiel in Norwegen (18 Uhr, ZDF) gleich die nächste Gelegenheit. „Ich war von ihr sehr, sehr angetan in der Trainingswoche, die wir jetzt hatten. Sie hat sich unheimlich gut eingefügt“, sagte Wück später. Bei manchen Aktionen sei Mühlhaus nicht so sauber gewesen, wie sie es könne, und sie müsse schon noch an manchen Themen arbeiten, befand Wück. Eine wichtige Erkenntnis lieferte ihr Einsatz trotzdem: Die Offensive der DFB-Frauen hat Verstärkung bekommen.
Die mangelnde Effizienz war und ist ein großes Thema, darüber können auch fünf Tore gegen eine kleine Fußballnation nicht hinwegtäuschen. „Wir sind für jedes Tor dankbar, das wir erzielen“, sagte Wück. Zwar lief das Spiel variabel, die Sloweninnen boten oft auch die passenden Lücken. Anstatt der verletzt fehlenden Selina Cerci und Klara Bühl spielten Jule Brand und Vivien Endemann (sie erzielte das 1:0) auf den Flügeln, Shekiera Martinez begann im Sturm anstelle von Nicole Anyomi. Später kamen Mühlhaus und Lea Schüller (5:0) dazu. Und auch Elisa Senß (2:0), Linda Dallmann (3:0) und Sjoeke Nüsken beteiligten sich rege. Nur: Sie alle vergaben am Dienstagabend Gelegenheiten, es fehlte an Präzision und bisweilen an Fokus. Zwei strittige Abseitsentscheidungen kamen hinzu.
„Wir hätten ruhiger und einen Tick erwachsener spielen können“, kritisierte Endemann angesichts schwacher Minuten vor der Halbzeit. Von Mühlhaus’ Leistung waren sie und ihre Mitspielerinnen hingegen ziemlich angetan. Dass die Debütantin Bälle gut halten und verteilen könne, „hat uns Sicherheit gegeben“, fand Dallmann: „Sie hat das Spiel in der zweiten Halbzeit noch mal richtig angetrieben.“ An ihrem Abschluss hatte Mühlhaus schon beim HSV gefeilt mit einem Individualtrainer, an ihrer Fitness arbeitete sie zuletzt mehr – was sie konsequenter gegen den Ball und dynamischer agieren lassen soll. Zwei Bereiche, die der Bundestrainer als ihre Baustellen ausgemacht hat.
Beim Tabellensechsten Bremen, dessen erste deutsche Nationalspielerin Mühlhaus jetzt ist, ist sie auf der Zehnerposition gesetzt. Was sie im Zentrum stark macht, war gegen Slowenien auch im Sturm zu erkennen: ihre Technik, ihr Gespür für Räume, ihre Kompromisslosigkeit. „Larissa bricht total gerne aus, sie spielt Harry-Kane-mäßig, kommt aus allen möglichen Positionen nach vorn. Sie will immer den Ball und gestalten“, sagte Werder-Trainerin Fritzy Kromp der SZ: „Sie ist eine Künstlerin, unglaublich begabt, mit ganz besonderen Fähigkeiten.“
So schüchtern die Person sein mag, so selbstbewusst ist die Fußballerin. Es benötigte zwar etwas Überzeugungsarbeit von Kromp, aber gemeinsam hatten sie sich für dieses Jahr das Ziel gesetzt, dass Mühlhaus den Sprung ins Nationalteam schafft. Das ging schneller, als Larissa Mühlhaus es erwartet hätte. Aber wie sagte sie dann noch in Dresden? „Ich bin ein Gewinnertyp.“ Solche kann das Nationalteam immer gebrauchen.
