Minu Barati, 49, ist deutsch-iranische Filmproduzentin und Autorin. Sie lebt in Berlin.
Bei den seit Wochen andauernden Protesten im
Iran sind sofort ikonische Szenen entstanden: eine weißhaarige Dame, die mit
blutigem Gesicht schreit: „Ich habe keine Angst, ich bin seit 47 Jahren tot!“, ein
junger Mann im Schneidersitz vor Motorrädern einer bewaffneten Einheit, ein
hübsches Mädchen, das verhaftet wurde und aus dem Milizenfahrzeug lächelnd den
Protestierenden das Victory-Zeichen entgegenstreckt. Wurden sie inzwischen
getötet oder nur verhaftet, gefoltert, vergewaltigt? Das wissen wir nicht.
Es wird viel vom heroischen Mut der Menschen
gesprochen. Aber nach bald fünf Jahrzehnten Repressionen, Gewaltherrschaft,
psychischer Zermürbung und ökonomischer Verarmung ist es auch Wut und
Verzweiflung, die das iranische Volk nun mit leeren Händen in den Kugelhagel
laufen lässt.
Als in der vergangenen Woche Internet und
Telefonnetz im Land abgeschaltet wurden, griff die Angst um sich – im Iran und
in der mehrere Millionen großen Diaspora weltweit. Sehr viele von uns, auch
ich, haben immer noch keinen Kontakt zu unseren Familien im Iran. Und dann kam
das befürchtete große Morden des Regimes. In meinem Umfeld gibt es die ersten
Meldungen getöteter Verwandter. Inzwischen erreichten uns zahlreiche Bilder und
Videos von Leichenbergen. Gezielte Kopf- und Herzschüsse sind erkennbar.
Männer, Frauen, alt und jung, auch kleine Kinder. Teilweise werden in einen
Leichensack mehrere Leichen gesteckt. Wenn die Angehörigen Glück haben, werden die
Toten in Leichenschauhäuser oder zu Friedhöfen gebracht. Dort müssen sich
Menschen durch Körper wühlen, um vermisste Angehörige zu finden. Es wird
allerdings auch von anonymen Massengräbern berichtet.
Die Todeszahlen sind kaum verifizierbar
Polizei, Militär und ins Land gerufene
Gruppen arabischer Terroreinheiten, sogenannte Proxys, haben in mehreren
Städten Massaker angerichtet. Die Zahl der Toten aktuell zu verifizieren, ist kaum
möglich. Der Exilsender Iran International verbreitete als erster die
Zahl von mindestens 12.000 getöteten Zivilisten, der Sender bezieht sich dabei
auf verschiedene Quellen, unter anderem auf Informationen aus dem Umfeld
des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, auf zwei Quellen im Präsidialamt, auf
Berichte aus der Islamischen Revolutionsgarde in den Städten Maschhad,
Kermanschah und Isfahan, auf Augenzeugen und Angehörige sowie auf Daten
medizinischer Zentren. Ich befürchte, dass sie noch sehr viel höher sind, so
erschreckend ist jeder einzelne Augenzeugenbericht aus allen 31 Provinzen des
Landes.
Trotz des Blackouts sind über das Festnetz
einzelne Telefonate möglich, auf sozialen Medien werden Aufzeichnungen davon
geteilt und auch in meinem Freundeskreis sind solche Anrufe eingegangen. Oft
beginnen die Gespräche mit dem Hinweis, dass man abgehört werde und vorsichtig
sein solle. Es wird viel geweint, das Ausmaß der Traumatisierung ist spürbar. Hier
in der Diaspora hatten wir tagelang keine Vorstellung davon, wie viele Tote es gibt
und auf welch bestialische Weise gemordet wird. „Sie haben alle umgebracht“,
heißt es in diesen Telefonaten, und immer wieder: „Wir schaffen es nicht
alleine.“
Die iranische Bevölkerung ist einer
Komplettisolation sehr nah. Eine Regierungssprecherin teilte heute mit, dass
der Internet-Shutdown bis zum persischen Neujahrsfest am 20. März anhalten
solle. In den letzten Tagen wurden Wohnungen durchsucht, Mobiltelefone auf
verbotene Inhalte kontrolliert und Satellitenschüsseln beschlagnahmt, mit denen
ausländische Medien empfangen werden konnten. Ärzte sollen das offizielle Verbot
erhalten haben, verletzte Demonstranten zu behandeln. Schwerverwundete werden
noch in Krankenhäusern verhaftet und mitgenommen. In Apotheken werden
Abfragen gemacht, wer Antibiotika oder Mittel zur Wunddesinfektion gekauft
hat. Das Straßenbild aller Städte ist inzwischen von Militärfahrzeugen geprägt,
Maschinengewehre im Anschlag auf Trucks, Motorradhorden mit schussbereiten
Pistolen in der Hand. Auf Videos kann man sehen, dass Menschen per Lautsprecher
aufgefordert werden, ihre Häuser nicht zu verlassen. Und dennoch gehen Proteste
in vielen Städten weiter, Tag und Nacht.
Ja, es sind nicht mehr Hunderttausende auf
den Straßen. Aber es macht mich wütend, daraus einen sinkenden Protestwillen
abzuleiten. Ob es wieder vorbei sei, fragen Medien. Die Antwort ist: Nein. Es
wird nie wieder vorbei sein. Es ist seit Jahren nicht vorbei. Es wurde immer
wieder protestiert und gestreikt.
