
Diese Geschichte sollte man mit
zwei Jahrestagen beginnen. Vor genau fünfzig Jahren kam in Italien die Tageszeitung La
Repubblica auf den Markt. Sie stieg in kurzer Zeit nach ihrer Gründung auf Platz zwei in der Rangliste der meistverkauften Zeitungen des Landes auf. Vor achtzig Jahren hingegen erwarb die Industriellenfamilie
Agnelli die Tageszeitung La Stampa, die viele Jahre auf Platz drei rangierte. Platz Eins belegte seit jeher die 1876 gegründete, konservativ-bürgerliche Corriere della Sera.
Beide Zeitungen sind heute Teil
der Medienholding Gedi, die wiederum im Besitz der Investmentgesellschaft Exor
ist. Gedi soll nun verkauft werden. Ein
üblicher Vorgang, könnte man meinen, aber so einfach ist die Sache nicht.
Der CEO von Exor ist John Elkann,
ein Enkel Giovanni Agnellis, Patriarch der Industriellenfamilie Agnelli. Sie
hat den Autokonzern Fiat gegründet und groß gemacht. Fiat war ein Symbol für
den rasanten Aufstieg Italiens in der Nachkriegszeit zu einer führenden
Industrienation. Agnelli-Fiat-Italien – in dieser Tradition steht John Elkann, der nun auch Aufsichtsratsvorsitzender des global aufgestellten Autokonzerns Stellantis ist. Fiat gehört seit dem Jahr 2022 zu dem Konzern, neben vielen anderen Automarken – etwa Opel, Peugeot oder Chrysler. Und selbst wenn Elkann Aufsichtsratsvorsitzender dieses
weltumspannenden Unternehmens ist, bleibt Italien das Land, das seinen
Vorfahren den Aufbau einer der erfolgreichsten Autofirmen der Nachkriegszeit
ermöglichte. Viele Italiener leiten daraus eine besondere Verantwortung Elkanns
ab.
Griechische Reeder und ein saudischer Prinz
Elkann aber kündigte vor einigen
Monaten an, dass er sich von der verlegerischen Tätigkeit in Italien
zurückziehen will. Auch das ließe sich zwar als eine nicht besonders traditionsbewusste,
aber doch nachvollziehbare Entscheidung eines Unternehmers begreifen. Allerdings will Elkann an die griechische Mediengruppe Antenna verkaufen, die im Besitz der griechischen
Reederfamilie Kyrakou ist. Die wiederum hat ein gutes Verhältnis zu Donald Trump, zum
Emir von Qatar Tamin-al-Thani sowie zum saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Vor drei Jahren kaufte Mohammed bin Salman für 225 Millionen Euro 30
Prozent der Gruppe Antenna.
Das nun lässt in der Redaktion
von La Repubblica größte Sorge aufkommen. Alessandra Ziniti, vom
Redaktionsrat der Zeitung, sagt: „Exor will die Zeitungen an jemanden
verkaufen, der Journalisten in einem Konsulat zerstückeln lässt!“ Gemeint ist
das Schicksal des saudischen Journalisten Jamal Kashoggi. 2018 wurde er in
Istanbul in das saudische Konsulat gelockt, wo er ermordet wurde. Das geschah
vermutlich auf Befehl von Mohammed bin Salman. Der Kronprinz konnte die
kritischen Artikel Kashoggis offenbar nicht mehr ertragen.
Die Befürchtungen der Belegschaft der Repubblica werden von John Elkanns Verhalten
genährt. Er verhandelt ausschließlich mit Antenna über den Verkauf der
Gedi-Holding. Die Redaktion hat wiederholt um ein Gespräch mit Elkann gebeten.
Vergebens. Falls es Neuigkeiten gebe, so die dürre Mitteilung von Exor an die
Redaktion, werde man das der Redaktion mitteilen.
Was hat Antenna mit La Repubblica
und La Stampa vor? Gibt es einen unternehmerischen Plan? Wie sieht es mit den
finanziellen Ressourcen von Antenna aus? Und welche Rolle spielt Mohammed bin
Salman?
Über all dies und vieles weitere
ist kaum etwas bekannt. Auch ein eintägiger Streik der Redaktion brachte keine
Klärung. „Wir werden völlig im Dunkeln gelassen“, beklagt Ziniti. Die Redaktion
selbst hat mühsame Recherchen angestellt, um ein wenig Klarheit darüber zu
gewinnen, an wen sie da eigentlich verkauft werden soll. Antenna hat in den
letzten Jahren in südosteuropäischen Staaten Medien gekauft, in Italien ist sie
bisher aber ein völlig unbekanntes Unternehmen. Ziniti sagt, die Recherchen
hätten den Eindruck verstärkt, dass Antenna selbst „über keine solide
finanzielle Basis verfügt“.
Symbol der pluralen Öffentlichkeit
Um die Unruhe zu verstehen, die dieser
offenbar bevorstehende Verkauf auslöst, muss man sich noch einmal
die Bedeutungen der beiden Zeitungen vor Augen führen. La Repubblica attackierte
über Jahre mit brillanten, bissigen Kommentaren die in ihren Augen
unzulängliche italienische politische Klasse. Piero Ottone, einer der
prominentesten Journalisten Italiens, selbst Kolumnist von Repubblica, beschrieb
das Wesen dieser Zeitung mit dem Satz: „Sie zielte nicht auf die Wahrheit, sie
spielte auf Sieg“.
La Stampa ist von
zurückhaltender Natur, liberal-bürgerlich, von großer journalistischer Neugier
getrieben, und obwohl im Besitz der Agnellis, berichtete sie weitestgehend frei
und unabhängig. So unterschiedlich die beiden Zeitungen auch sind, so sehr
prägten sie Italiens Medienlandschaft, so groß war ihr Einfluss auf die
italienische Öffentlichkeit. Das ist lange her. Heute sind sie nur mehr ein
Schatten ihrer selbst, die Verkaufszahlen sind seit Jahren sinkend, und beide
Zeitungen haben Mühe mit der digitalen Transformation. Trotzdem aber bleiben
sie allein schon wegen ihrer Geschichte ein Symbol für eine lebendige,
streitbare und plurale Öffentlichkeit.
Damit, so die Befürchtung der
Redaktionen, könnte es mit dem Verkauf an Antenna ein Ende haben. Es ist in der
Tat auch kaum vorstellbar, dass eine Mediengruppe, in der der saudische Kronprinz
großen Einfluss hat, La Repubblica und La Stampa so lassen wollen, wie sie
immer waren: aufmüpfig, unbequem, liberal bis ins Mark.
Wer die Website der
Investmentgesellschaft Exor aufruft, liest Folgendes: „Exor builds great
companies!“ In den Ohren der insgesamt 1.200 Beschäftigten von La Repubblica und La Stampa
muss dies wie Hohn klingen.
