Künstler Gurzhy über russischen Krieg: „Für viele Deutsche bleibt die Ukraine eine Parallelwelt“

taz: Yuriy Gurzhy, seit den 1990er Jahren leben Sie in Berlin, reisen allerdings immer noch regelmäßig für verschiedene Projekte in die Ukraine, so auch Mitte Januar. Woran haben Sie dort gearbeitet?

Yuriy Gurzhy: Ich war Mentor in der Musikwerkstatt eines Ferienlagers der Organisation „Art Therapy Force“. Die Kids kommen meistens aus dem Osten der Ukraine. Das Camp fand in den Karpaten im Südwesten des Landes statt, wo es ein bisschen ruhiger ist und, wo es weniger Stromausfälle gibt. Die anderen beiden Mentoren sind der Dichter und Musikproduzent Grigory Semenchuk und der Musiker Ruaraidh Osborne. Die Kids wurden in drei Altersgruppen geteilt, die ganz jungen, die Mittleren und die Teenager ab 14. Zuerst haben wir mit jeder Gruppe jeweils eigene Songs entwickelt und dann auch wie am Fließband mit den einzelnen Teilnehmer:innen.

taz: Wie haben die Kids reagiert?

Gurzhy: Sie sagten, „lass Songs über unsere Stadt, über die Freundschaft und über die Sonne schreiben!“ Wie eine Hit Factory. Die sind so fröhlich, aber man merkt auch, dass sie nicht das gewöhnlichste Leben haben. Zu ihrer Realität im Krieg gehören Dinge, die kein Kind erleben sollte. Und die Selbstverständlichkeit, mit der sie darüber sprechen, ist herzzerreißend.

Im Interview: Yuriy Gurzhy

Der Künstler: Der jüdische Musiker, DJ und Autor Yuriy Gurzhy wurde 1975 in Charkiw geboren und lebt seit 1995 in Berlin. Bekannt ist er für Projekte wie seine Ska- und Klezmerband RotFront, aber auch für musikalische Kooperationen mit dem Dichter Serhij Zhadan. Von Februar 2022 bis April 2024 schrieb Gurzhy für den Berliner Tagesspiegel eine monatliche Kolumne in Form eines Kriegstagebuchs.

Das Buch: „Ein Aquarium voller Schlüssel. Charkiw und die Fotos meines Vaters“. Edition Frölich, Berlin 2025, 104 Seiten, 25 Euro

Das Album: Serhij Zhadan & Yuriy Gurzhy: „Schostyj Psalom“ (https://on.soundcloud.com/c1FsR7NYrpjcYdQxPT), eine Vinylversion ist in Planung.

Das Konzert: Yuriy Gurzhy & The Beetroots, 19. Februar 2026, PalaisPopulaire, Berlin

taz: Wie viel haben Sie und die Kinder von den massiven Angriffen der russischen Armee auf die Energieinfrastruktur mitbekommen?

Gurzhy: Wir bekamen das vor allem aus den Nachrichten und natürlich von Freunden in Kyjiw und Charkiw mit. Bei uns im Dorf wurde der Strom täglich für fünf, sechs Stunden pro Tag abgestellt, dann gab es einen eigenen Generator, der eingeschaltet wurde. Wobei es trotzdem nicht unproblematisch war. Denn wir durften manche Räume nicht beheizen, was sich bei Außentemperaturen von minus 10 Grad leider bemerkbar macht. Aber es war weniger krass als die Kältekatastrophe, die wir gerade in Kyjiw erleben.

taz: Sie haben bereits früher Projekte mit Kindern aus frontnahen Gebieten realisiert, auch vor der Großinvasion. Ende 2020 haben Sie das Album „Nova Symfonia Donbasu“, „New Donbass Symphony“ mit ihnen aufgenommen. Wie läuft der gemeinsame kreative Prozess ab?

Gurzhy: Es gibt Kinder, die bereits Erfahrung mit Musik haben, mehr als andere. Manche kommen mit eigenen Song- und Textideen. Mit einer Gruppe von Kids aus der im Norden der Ukraine gelegenen und zeitweise von russischen Truppen eingekreisten Stadt Chernihiw haben wir beispielsweise eine musikalische Stadtführung in Form eines Rap-Songs komponiert. Aber es gab auch ganz normale Popthemen, über Liebe oder „Wir sind jung und sind die coolsten“. Die Texte waren überwiegend auf Ukrainisch. Manchmal auf Englisch.

taz: Vor Kurzem ist Ihr neues Buch „Ein Aquarium voller Schlüssel“ erschienen. Es kombiniert Schwarz-Weiß-Fotografien Ihres Vaters mit humorvollen autobiografischen Erzählungen von Ihnen. Es geht darin ausführlich um Ihre Heimatstadt Charkiw. Wie hat sie sich seit Kriegsbeginn verändert?

Gurzhy: Viele Menschen haben die Stadt nach Beginn der Großinvasion 2022 verlassen, das war surreal. Ich weiß noch, wie mir damals im Dezember 2022 während meines ersten Aufenthalts dort seit Kriegsbeginn meine Freunde sagten: „Schau mal, es gibt jetzt schon viel mehr Leben, viele sind zurück!“ Ich schaute mich um und sah ein Auto und zwei Menschen auf der Sumska-Straße, was sozusagen der Charkiwer Broadway ist. Und das bezeichneten sie als „mehr Leben“. Es ist dort extrem hart und turbulent, mit Stromausfällen und täglichen Bombardements. Und jeder geht unterschiedlich damit um.

taz: Sind Sie selbst auch in Gefahr geraten?

Gurzhy: Nachdem das Buch veröffentlicht war, wurde ich Ende 2025 Zeuge einer Explosion in nächster Nähe. Zuerst hörte ich den charakteristischen motorradähnlichen Sound der Drohnen und beobachtete die Reaktionen der Menschen um mich herum. Manche gingen einfach unbeirrt weiter ihrer Beschäftigung nach. Andere haben in ihren Handys nach genauen Informationen gesucht, während wieder andere in Panik geraten und weggerannt sind. Ich wusste gar nicht, was ich tun sollte.

taz: Und man hat auch kaum Zeit, um in Deckung zu gehen.

Gurzhy: Die Wucht und Lautstärke der Explosion – und plötzlich auch Flammen. Das Schlimmste aber war, dass das Brummen nicht aufgehört hat. Es war also klar, dass da noch mehr Drohnen in der Luft sind. Was ihr Ziel war, habe ich nicht herausgefunden.

taz: Dennoch sind viele Ihrer Freunde dageblieben, auch Musiker-Kolleg:innen wie Serhij Zhadan und seine Band. Was ist deren Motivation?

Gurzhy: Natürlich gibt es Menschen, die aus Überzeugung bleiben, dazu gehören zum Beispiel Serhij und viele andere Freunde von mir. Und natürlich bleiben diejenigen, die nirgendwo Verwandte oder Freunde haben oder auch solche, die sich um kranke und alte Familienangehörige kümmern.

taz: Wie haben sich Ihre Freunde durch den Krieg verändert?

Gurzhy: Sie sind zwangsweise zu Fatalisten geworden. Viele sind inzwischen beim Militär, einige von ihnen bei der Khartiia-Brigade. Das sind immer noch dieselben Menschen wie früher, aber sie leben mit dem Gedanken, dass ihr Alltag extrem gefährlich geworden ist. Sie lieben Charkiw von ganzem Herzen, und es ist für sie von großer Bedeutung, dort zu bleiben und zu tun, was sie tun müssen. Ich habe ihnen gegenüber großen Respekt.

taz: Bald gibt es wieder ein trauriges Jubiläum. Am 24. Februar werden es vier Jahre seit Beginn der russischen Invasion sein. Glauben die Menschen noch, dass Frieden möglich sein kann?

Gurzhy: Ich habe kein einziges Mal mit jemandem darüber gesprochen. Niemand redet gerne darüber. Die Menschen werden sich sicherlich extrem freuen, wenn es vorbei ist. Aber wenn ich sage, es ist kein Ende in Sicht, dann ist das buchstäblich zu verstehen.

taz: Hierzulande macht man sich sofort Hoffnungen auf ein Ende des Krieges, wenn wieder von Friedensverhandlungen die Rede ist. Dabei gibt es kein Signal, dass der Kreml Frieden will. Im Gegenteil, er versucht gerade, die Zivilbevölkerung in den Städten zu demoralisieren. Das Ausmaß dieses Terrors scheint vielen Menschen in Deutschland nicht bewusst zu sein.

Gurzhy: Als es Anfang Januar den Stromausfall in Berlin gab, habe ich mit mehreren Menschen gesprochen, die meinten, jetzt wüssten sie, wie es den Ukrai­ne­r:in­nen ergeht. Nur wenn man etwas Ähnliches erlebt oder aber, wenn man große Empathie aufbringt, kann man seine Denkweise ändern. Für viele bleibt die Ukraine immer noch eine Parallelwelt, mit der sie keinerlei Berührungspunkte haben.

taz: Nun ist Ihr neues Minialbum „Schostij Psalom“, Ukrainisch für „Der sechste Psalm“ erschienen, das Sie zusammen mit Zhadan aufgenommen haben. Das Thema ist Bertolt Brecht. Wie kommt’s?

Gurzhy: Es ist unser viertes gemeinsames Album. Es gibt aber auch Gäste, unter anderem die Sängerin Mariana Sadovska, den Schriftsteller Jurij Andruchowytsch und Piano Boy, einen sehr bekannten ukrainischen Musiker und Komponisten. Er hat unter anderem die Titelmelodie zur TV-Serie „Diener des Volkes“ komponiert.

taz: Das ist die von 2015 bis 2019 in der Ukraine ausgestrahlte Serie, in der Selenskyj, damals noch Schauspieler und Entertainer, mitwirkte und den ukrainischen Präsidenten spielte – bevor er tatsächlich Präsident wurde.

Gurzhy: Als Sprecher sind aber auch Jan Müller von Tocotronic und Rüdiger Linhof von Sportfreude Stiller auf dem Album vertreten. Es sind Vertonungen von Zhadans Übersetzungen von Brechts Texten ins Ukrainische. Außerdem gibt es zwei Texte von Zhadan, die mit Brecht zu tun haben.

taz: Was reizte Sie an Brecht?

Gurzhy: Zhadan ist schon immer ein großer Brechtfan gewesen und hat sogar ein Buch mit eigenen Übersetzungen seiner Texte herausgebracht. Und er träumte immer davon, etwas Musikalisches damit zu machen. Gut, Brecht gehört jetzt nicht gerade zu meinen Lieblingsautoren. Aber wie eine Freundin, die Übersetzerin Tine Hammer, mir auf Ukrainisch geschrieben hat: „Gut, dass ihr die ukrainischen Übersetzungen vertont. Auf Deutsch geht vieles verloren.“ Es ist tatsächlich nicht ganz Brecht, aber auch nicht ganz Zhadan.

taz: Was steht bei Ihnen als Nächstes an?

Gurzhy: Ich habe jetzt wieder eine neue musikalische Konstellation: Yuriy Gurzhy & The Beetroots, früher bekannt als Jewkrainians. Und wir spielen unser erstes Konzert in dieser neuen Besetzung am Donnerstag, 19. Februar, im PalaisPopulaire anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung zum Thema Macht („Power“).