Kunst am Bau – diese Form der öffentlichen Kunst scheint aktuell wenig wertgeschätzt. Dabei hat sie hierzulande eine lange Tradition, mit einer Hochphase im Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals übernahm sie aber nicht nur als „Bauschmuck“ ästhetisch tröstliche Aufgaben, sie konnte zum Experimentierfeld gesellschaftlicher und politischer Selbstvergewisserung auflaufen. Ein Beispiel: die moderne „Justitia“, die der Künstler Bodo Kampmann 1956 für den Neubau der Generalstaatsanwaltschaft in Braunschweig schuf.
Die Initiative für diese Gerechtigkeitspatronin, die nicht mehr der traditionellen Hilfsmittel Augenbinde, Waage und Richtschwert bedurfte, geht auf den Juristen Fritz Bauer zurück. Mit Inkrafttreten des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland war er 1949 aus dem skandinavischen Exil zurückgekehrt und übernahm den Posten des Landgerichtsdirektors in Braunschweig.
Bauer setzte große Hoffnung auf eine humanistische Rechtsordnung in der jungen Demokratie, deren oberste Pflicht die Verteidigung der Menschenrechte zu sein hätte. 1950 zum Generalstaatsanwalt berufen, sorgten bundesweit beobachtete Prozesse für die Rehabilitation der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, Bauer prägte in seinem Plädoyer den Begriff „Unrechtsstaat“ für das NS-Regime.
Bodo Kampmann: „Bildhauer und Goldschmied“. Städtisches Museum Braunschweig, bis 28. Februar. Publikation „Bodo Kampmann – ein Künstlerleben in Braunschweig“ (Bärbel Mäkeler): 22 Euro.
Bodo Kampmann, 1913 in eine rheinländische Künstlerfamilie geboren, in Berlin aufgewachsen, war ausgebildeter Goldschmied. Als verwundeter Wehrmachtssoldat lange in Tirol geblieben, folgte er 1954 dem Ruf an die damalige Werkkunstschule Braunschweig für die Fachklasse Metall, die er bis knapp vor seinem Tode 1978 führte. Bauer fand in ihm den kongenialen Künstler für seine radikaldemokratische Justitia, die Recht und Gerichtlichkeit als übermenschliche Kategorien in sich selbst verkörpert. Klar, dass nicht schwerer, monolithischer Bronzeguss infrage kam.
In zeittypischer, asketischer Reduktion
Kampmann nahm leichtes, dünnes Kupferblech, trieb daraus die Figuration: die drei Meter hohe zentrale Personifikation der Judikative sowie ein Mann und eine Frau in ihren ermessenden Händen. In zeittypischer, asketischer Reduktion durchgestaltet, in ihrer zerbrechlichen Fügung erkennbar belassen, kann sie als Sinnbild gelten für eine unbewehrte Demokratie, die sich einzig aus sich selbst, sorgfältig abwägend, schützt und berechtigt.
Schade, dass 2023 diese Justitia nicht wie die 2012 installierte Adresse Fritz-Bauer-Platz mit der Generalstaatsanwaltschaft umgezogen ist, sondern an ihrem alten Ort verblieb.
Dieses Hauptwerk Kampmanns und der zeitgeschichtliche Kontext scheinen vergessen. Umso verdienstvoller, dass die Autorin Bärbel Mäkeler nun ihre langjährigen Recherchen zu dessen Vita und Wirken in einer Publikation zusammengestellt hat. Dort ist Kampmanns weitere bekannte wie unbekannte Bauplastik dokumentiert, im Stadtbild wie in repräsentativen Innenräumen, nicht nur in Braunschweig. Kampmann schuf zudem Schmuck, Alltagsgegenstände, Bühnenbilder, oftmals in seinen reduzierten, ins Abstrakte reichenden Formen.
Eine Kabinettausstellung im Städtischen Museum würdigt derzeit einen Querschnitt aus Kampmanns Kleinplastik und prämierter Produktgestaltung. Sie ist eingebettet in eine Sammlung vorbildlichen Gebrauchsguts, die sein Zeitgenosse Walter Dexel zusammengetragen hat.
