Krise der Kritik: Lesen und lesen lassen

V or gut zehn Jahren muss es eine Neuigkeit gewesen sein, dass man als Besucher des Berliner Medienkunstfestivals Transmediale keine Dauerkarte bekommen hat, sondern ein Kunststoffband mit Chip um das Handgelenk. Auf jeden Fall habe ich 2015 einen kleinen Text für die taz über diese Innovation verfasst, in der Kolumne „Berliner Szenen“. Darin habe ich dieses Kunststoffband als „Bändel“ bezeichnet.

Als ich am Abend wieder eine Transmediale-Veranstaltung besuchte, wurde ich immer wieder auf den kleinen Text und den von mir geprägten Ausdruck „Bändel“ angesprochen: beim Rauchen vor dem Bethanien, in der Ausstellung, bei der Party. Das Ganze kam mir wie ein Riesenerfolg vor, sodass ich am Ende der Transmediale-Woche nochmals auf das Thema zurückkam.

Ich muss in letzter Zeit immer wieder an die Geschichte mit dem Bändel denken. Als ein Beispiel dafür, welche Art von Rückmeldung man auf einen gedruckten Text vor noch nicht allzu langer Zeit bekommen konnte. (Die „Berliner Szenen“ waren damals auf der Website der taz praktisch nicht zu finden, auch wenn sie zu den tollsten Texten im Blatt gehören.)

Auch auf die langen, feuilletonistischen Artikel, die ich im überregionalen Teil der taz veröffentliche, gab es zu dieser Zeit immer wieder erfreuliches Feedback. Mal rief der Deutschlandfunk an und wollte mich interviewen. Ein andermal kam eine E-Mail mit der Einladung zu einem Vortrag. Oder es war ein Kollege, der erwähnte, dass er da neulich was von mir gelesen hatte.

All das scheint in den letzten Jahren immer seltener zu geschehen. Vielleicht sind ja meine Texte inzwischen so schlecht, dass sie niemand mehr interessieren. Aber dann wäre ein wahrgenommener Aufmerksamkeitsverlust für das eigene Wirken nicht regelmäßig Thema, sobald man mit ein paar anderen Schreibern zusammensteht. In der taz konstatierte zuletzt Jonathan Guggenberger am 13. Januar eine Krise der Kulturkritik, die unter anderem dazu führe, dass immer weniger Verrisse geschrieben würden.

Das Verschwinden aus dem physischen Raum

Die Gründe für diesen Aufmerksamkeitsverlust sind eigentlich bekannt: Immer weniger Menschen sind bereit dazu, für Information Geld zu bezahlen; die Auflagenzahlen und die Werbeeinnahmen der Printmedien sind im freien Fall. Damit einher geht ein rasantes Verschwinden von gedruckten Medien aus dem öffentlichen Raum. Im Späti ist das Zeitschriftenregal schon lange durch einen weiteren Kühlschrank mit Craft Beer ersetzt worden. Die taz hat ihre Werktags-Printausgabe inzwischen eingestellt und kann nun am eigenen Medium studieren, ob das Verschwinden aus dem physischen Raum zum Relevanzverlust führt.

Die Bahnhofskioske, in denen man vor nicht allzu langer Zeit noch den Figaro, die Graswurzelrevolution oder Fachzeitschriften für Schach oder Briefmarkensammeln fand, verwandeln sich zunehmend in Verkaufsflächen für Limo, Süßwaren und andere Snacks. In Cafés, die von jungen Leuten frequentiert werden, liegen schon lange keine Zeitungen mehr aus, wie einst in den Kaffeehäusern in Wien und Kreuzberg – wozu auch? Die Gäste hängen eh alle am Handy.

Aber auch online lesen die Leute offenbar nicht meine liebevoll gedrechselten Artikel. Die stehen sogar alle frei zugänglich im Internet, ohne dass es die Resonanz erhöhen würde. Die sozialen Medien, die es eigentlich mal jedem erlauben sollten, sich jenseits der Massenmedien äußern zu können, sind für mich als Vertriebskanäle kaum noch nützlich.

Ich poste zwar fleißig Links zu meinen Texten in meinen Socials. Aber bei X hat Elon Musk den Algorithmus so verändern lassen, dass Links zu fundierter Information und „legacy media“ praktisch nicht mehr angezeigt werden. Seither besteht mein Feed vorwiegend aus Ragebait von Sofagenerälen, Bitcoinpredigern, „Patrioten“, „Israelkritikern“ und „Selberdenkern“. In diesem ohrenbetäubenden Dröhnen geht jedes differenzierte Argument unter.

Auch bei Bluesky gibt es null Reaktion. Lediglich bei Facebook lassen manchmal Schulfreunde „ein Like da“; neulich hat sich sogar mal jemand für einen Text von mir bedankt. Ich komme mir vor wie ein Bergmann, der in einer unterirdischen Content-Mine Inhalte schürft, an denen die einstigen Abnehmer das Interesse verloren haben.

Debatten kommen aus den sozialen Medien

Ich beginne herumzufragen. Als Erstes rufe ich Thierry Chervel an, den Chef des Perlentauchers. Das ist eine tägliche Presseschau im Internet, die es seit über einem Vierteljahrhundert gibt und die Pflichtlektüre für jeden deutschen Kulturschreiber ist. Auch er hat beobachtet: „Die großen Debatten in der Kulturszene kommen heute aus den sozialen Medien“ – so wie die Diskussion über antisemitische Kunst bei der letzten documenta, die von einem Twitter-Nutzer mit 50 Followern ausgelöst wurde. Viral gehende Posts hätten die Rolle übernommen, die früher Künstler und Autoren wie Günter Grass oder Marcel Reich-Ranicki im Diskurs gehabt hatten.

Aber in den sozialen Medien betätige ich mich doch auch! Ich wende mich an meine Studierenden. In einem Seminar über die „Dark Maga“-Bewegung lege ich einen Artikel vor, den ich in der Jungle World zum Thema veröffentlicht habe. Er stößt auf freundliches Interesse. Schließlich frage ich, ob sie von sich aus auf diesen Text gestoßen wären. Die Reaktion ist schieres Unverständnis – die Kulturtechnik, ein Printmedium aktiv zu verfolgen, ist hier nicht mehr bekannt.

Wer im endlosen Malstrom des Content noch zur Kenntnis genommen werden will, ist wohl gut beraten, sich an dieses Ökosystem anzupassen

Auch das ist im Prinzip nichts Neues: Über ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen beziehen ihre Informationen nur aus den sozialen Medien, Zeitungen, zumal auf Papier, spielen praktisch keine Rolle mehr. Wer zur Kenntnis genommen werden möchte, muss seine Inhalte in der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes irgendwie in den Social-Media-Feed seiner potenziellen Leser eingespeist bekommen.

Aber das macht die Jungle World doch, wende ich ein, und rufe den Insta-Kanal auf. Der löst bei den Studierenden schieres Entsetzen aus – wie sieht das denn aus? Unklar und uneinheitlich! Als Vorbild wird mir der Instagram-Auftritt von Jacobin empfohlen. In der Tat herrscht hier ein rigider Wille zur Ordnung mit zwei grafischen Templates. Das Angebot der Jungle Worldwie auch der taz – sieht im Vergleich aus wie ein ungejäteter Gemüsegarten.

To add insult to injury überschlägt ein Student die Zeit, die man benötigen würde, um meinen Einseiter zusammenzufassen. Das müsste man doch in einer Minute mündlich erklären können, schätzt er, daraus könnte ich ja dann ein Videoreel machen, um Interesse zu wecken.

Und in der Tat: Die Autoren von Jacobin müssen sich wie Tiktok-Influencer ans Studiomikrofon setzen und in Kurzvideos bei Instagram ihre Texte anteasern. Wer dann noch nicht weitergescrollt hat, kann auf den „Link in der Bio“ klicken. Als Beweis, dass man so nicht nur Leser, sondern auch zahlende Kunden gewinnen kann, zieht der Student die gedruckte Jacobin-Ausgabe aus seinem Jutebeutel; die hat er abonniert. Soso.

Videoschnipsel statt elaborierte Texte

Dass man mit Videoschnipsel-Debattenbeiträgen mehr Aufmerksamkeit als mit elaborierten Texten erhalten kann, ist zwar keine neue Erkenntnis. Ich war bloß noch nie auf die Idee gekommen, dass das auch für mich und meine Kulturartikel gelten könnte. Doch offenbar bewegen wir uns dank Social Media und Videoreels wieder in Richtung einer oralen Kultur, wie sie der Literaturwissenschaftler Walter Ong beschrieben hat.

Wer im endlosen Malstrom des Content überhaupt noch zur Kenntnis genommen werden will, ist wohl gut beraten, sich an dieses Ökosystem anzupassen. Oder man teilt irgendwann das Schicksal von Stummfilmmusikern, Bierkutschern und Telefonistinnen. Oder man wird, schlimmer noch, zum unbezahlten Lieferanten von Textmaterial, das nur noch dazu dient, die Large Language Models amerikanischer KI-Unternehmen zu trainieren.

Den Wechsel von Schriftlichkeit zu Mündlichkeit empfinde ich als Autor natürlich erst einmal als einen Weg zu geringer inhaltlicher Komplexität. Andererseits war in der Antike die Kunst der freien Rede eine bewunderte, intellektuelle Qualität. Der griechische Philosoph Sokrates hat seine Ideen bekanntlich nur im Dialog vermittelt, weil er glaubte, dass Verschriftlichung zum Vergessen führen würde. (Glücklicherweise hat Platon diese Einsicht niedergeschrieben, sonst hätte niemand von ihr gehört.)

Doch anders als bei Sokrates sind die mündlichen Ausführungen in den Videoreels bei Tiktok und Instagram keine Dialoge, so oft es auch heißt: „Was denkt ihr? Schreibt’s in die Kommentare!“ Vielmehr gehören sie zu dem, was Walter Ong als „sekundäre Oralität“ beschreibt – also aufgezeichnete und medial verbreitete Selbstäußerungen. Je länger ich darüber nachdenken, desto mehr fällt mir auf, wie Influencer die speziellen Eigenschaften der sekundären Oralität als rhetorische Techniken nutzen, wenn sie sich an ihr Publikum wenden.

Neue Gatekeeper

Muss ich das in Zukunft etwa auch tun? Diejenigen, die diese Methoden beherrschen, sind im Begriff, die neuen Gatekeeper für gesellschaftliche und kulturelle Debatten zu werden. Der Medienwissenschaftler Christoph Engemann prophezeit in seinem aktuellen Buch „Die Zukunft des Lesens“ schon, dass die Fähigkeit zum Selberlesen zu einer Art „neuem Latein“ wird, das nur noch wenige beherrschen.

Die breite Masse wird von den verbliebenen Schriftkundigen, von Podcastern, Influencern und Chatbots, in einem endlosen Laberflash häppchenweise und vorgefiltert informiert. Wahrscheinlich ist das bereits der Status quo und ich wollte es nur nicht wahrhaben.

Die spezielle deutsche Form des Feuilletons gibt es seit weit über einem Jahrhundert; während der Weimarer Republik erlebte es mit Autoren wie Kurt Tucholsky, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, Gabriele Tergit oder Vicki Baum eine international bewunderte Blüte. Es hat die Einführung von Radio, Fernsehen und Internet überstanden. Ob es auch Tiktok überlebt, erscheint mir neuerdings unwahrscheinlich.