Konjunktur: Warten auf die wirtschaftliche Erholung

Warten auf den Aufschwung war das beherrschende Thema in Deutschland in der vergangenen drei Jahren. Warten auf den Aufschwung kennzeichnet auch die Lage der Wirtschaft am Jahresbeginn. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der als wichtiger Frühindikator für die Konjunktur gilt, verharrte im Januar auf 87,6 Punkten. In den beiden Vormo­naten war er gesunken. Die deutsche Wirtschaft beginne das neue Jahr ohne Schwung, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Die jüngsten Zolldrohungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump in Zusammenhang mit Grönland haben nach Auskunft des Ifo-Instituts mit der verhaltenen Stimmung nichts zu tun. Das Gros der Antworten sei schon vor Trumps Drohung eingegangen, heißt es.

Die Stagnation des Stimmungsindikators ist ein herber Dämpfer für die Hoffnungen, dass mit den schuldenfinanzierten Milliardenausgaben der Bundesregierung und der Länder für Infrastruktur und Verteidigung ein schneller Aufschwung ins Haus stehe. Die Stimmung der Unternehmen ist in der Dynamik verhaltener als noch vor einem Jahr.

Damals machte sich Hoffnung breit, dass mit dem Aus der rot-grün-gelben Koalition eine Wirtschaftswende möglich sei. Getrieben von den Erwartungen, hellte das Geschäftsklima sich bis zum Sommer moderat auf. Mit zunehmender Enttäuschung über ausbleibende durchgreifende Reformen der schwarz-roten Regierung von Friedrich Merz (CDU) trübte das Geschäftsklima sich dann wieder ein.

Das entspricht auch dem Bild im Ja­nuar. Der Teilindex der Erwartungen gab abermals nach, die wirtschaftliche Lage beurteilten die Unternehmen etwas weniger negativ. Die Ökonomen des Ifo-Ins­tituts warnen, in diesen kleinen Bewegungen direkt eine konjunkturelle Wende erkennen zu wollen. Gemessen am historischen Auf und Ab des Indikators bewegt der Geschäftsklimaindex sich seit 2023 nur wenig. Er spiegelt die bleierne Zeit der vergangenen Jahre.

In der Bauwirtschaft deutet sich Besserung an

Andere Konjunkturindikatoren hatten in den ersten Wochen dieses Jahres die Hoffnung erweckt, dass sich etwas zum Besseren drehe. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie und die Dienstleister, ein anderer Stimmungsindikator, hatte sich zuletzt verbessert. Auch die starken Anstiege des Auftragseingangs im November im verarbeitenden Gewerbe um 5,6 Prozent und im Bauhauptgewerbe um 8,5 Prozent wecken bei manchen Erwartungen auf eine konjunkturelle Wende.

Ein genauer Blick zeigt eine sehr unterschiedliche Entwicklung der beiden Wirtschaftsbereiche. In der Bauwirtschaft, die seit dem Jahr 2021 in der Rezession steckt, deutet sich eine Besserung an. Die Neuaufträge steigen seit dem Jahr 2024. Auch werden seit dem vergangenen Jahr mehr Baugenehmigungen erteilt. Dazu trägt bei, dass die Europäische Zentralbank den Leitzins auf zwei Prozent herabgeschleust hat. Die Ökonomen der Deutschen Bank sehen vor allem ei­nen Rückstau im Gebäudebau, in dem verstärkte Aufträge eine bevorstehende Erholung anzeigten. Die von der Bundesregierung geplanten Infrastrukturinvestitionen kämen demnach noch obendrauf.

Der jüngste Anstieg der Aufträge im verarbeitenden Gewerbe war demgegenüber durch Großaufträge geprägt, die sich aller Erfahrung nach erst auf mitt­lere Frist in der Konjunktur werden bemerkbar machen. Ohne diese Großaufträge berechnet, stagniert der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe mehr oder weniger seit 2023. Die Großaufträge, die zu starken Schwankungen des Auftragseingangs führen, spiegeln erste Bestellungen der Bundesregierung, die schulden­finanziert unter anderem mehr Rüstungsgüter kauft.

Strukturelle Verschiebung zu den Dienstleistungen

„In der Breite der Wirtschaft aber sind diese mehr Aufträge noch nicht angekommen“, sagt Klaus Wohlrabe, der Leiter Befragungen des Ifo-Instituts. Die Januarumfrage von Ifo zeigt, dass 36 Prozent der Unternehmen in allen Branchen über zu wenig Aufträge klagen. Im verarbeitenden Gewerbe und unter den Dienstleistern sind es grob ein Drittel der Unternehmen, im Baugewerbe 38 Prozent.

Die Klagen der Bauwirtschaft muss man als Zeichen lesen, dass es der Branche nach wie vor sehr schlecht geht. Sie sind aber auch ein Signal, dass ein konjunktureller Aufschwung im Baugewerbe noch viel Potential nach oben hat – solange hinreichend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Im vergangenen Jahr sta­gnierte die Zahl der Erwerbstätigen bei 46 Millionen im Jahresdurchschnitt. Ein Aufwärtstrend, der ab 2004 andauerte, kam zum Ende. Die Alterung der Bevölkerung wurde nur noch so gerade durch Zuzug und durch eine höhere Erwerbs­tätigkeit von Älteren und Frauen ausgeglichen.

Das jahrelange Siechtum des Baugewerbes und der Industrie lenken davon ab, dass Produktion und Wertschöpfung der Dienstleistungen in den vergangenen Jahren zugelegt haben. Der Produktionsindex für Dienstleister stieg seit 2022 um neun Prozent, während zum Beispiel die Industrieproduktion um acht Prozent nachgab. Das liegt im verarbeitenden Gewerbe unter anderem daran, dass die Ausfuhr von Waren seit drei Jahren zurückgeht, vor allem nach China und seit dem vergangenen Jahr zollbedingt auch in die Vereinigten Staaten.

Mit der Krise des verarbeitenden Gewerbes geht eine strukturelle Verschiebung zu den Dienstleistungen einher. Das liegt nicht nur daran, dass öffentliche Dienstleister zum Beispiel in Gesundheit oder Erziehung wachsen. Auch andere, mehr privatwirtschaftlich organisierte Dienstleistungsbereiche legen zu. Die Bruttowertschöpfung in Handel, Verkehr und Gastgewerbe stieg ab 2020 um gut zehn Prozent. Im Bereich Informationen und Kommunikation waren es 21 Prozent. So wichtig das verarbeitende Gewerbe für die Wirtschaft ist, auch im Dienstleistungsbereich gibt es Wachstumschancen.