Zur Entlastung von Mats Hummels muss man anmerken, dass er damals selbst mitgespielt hat. Er war in zentraler Rolle beteiligt, als Borussia Dortmund am 1. Juni 2024 das Finale der Champions League erreichte. Zwar ging dieses Spiel gegen Real Madrid verloren, dennoch könnte das der Abend gewesen sein, an dem sich in Hummels jener Gedanke anbahnte, der sich ein Jahr später – beim Finale zwischen Paris St. Germain und Inter Mailand – offenkundig verfestigte. Der Gedanke: Wo sind die eigentlich, diese hochgelobten Engländer? Haben die wieder nichts Besseres zu tun, als sich aus zweifelhaften Quellen mit Geld zuschütten zu lassen, um dann mit all diesem Geld das wichtigste Endspiel des Klubfußballs zu verpassen?
In dieser Woche nun stand der schlaue Mats Hummels vor Dortmunds Champions-League-Auftritt bei Tottenham Hotspur als Fernsehexperte neben dem ebenfalls schlauen Christoph Kramer und führte den Gedanken von damals zu Ende. Er sehe die Premier League kritisch, sagte Hummels, „in der Breite ist es die stärkste Liga der Welt. Aber für das Geld, was da vorhanden ist und was in der Spitze verpulvert wird, ist es nicht dominant genug“. Zuspruch erhielt Hummels vom Nachbarn Kramer, der das „Preis-Leistungs-Verhältnis“ bei Tottenham als „einmalig schlecht auf der Welt“ tadelte. Mats Hummels und Christoph Kramer mögen in der Breite zu den stärksten Experten der Welt zählen, aber für das Fachwissen, was da vorhanden ist, waren diese Analysen vielleicht doch nicht dominant genug.
Nach sieben von acht Vorrundenspieltagen hat die Champions League nicht nur einen 2:0-Heimsieg von Tottenham gegen Dortmund in der Bilanz stehen. Die Tabelle des neuen Champions-League-Formats ist länger als Chile und deshalb nicht leicht zu lesen, aber im Moment lässt sie kaum Fehlinterpretationen zu. Hinter dem imposanten Tabellenführer FC Arsenal finden sich auch noch der FC Liverpool, Tottenham, Newcastle United und der FC Chelsea unter den ersten Acht; knapp dahinter lauert das Manchester City des zurzeit etwas larmoyanten Pathos-Pep Guardiola, das bei Bündelung aller Qualitäten natürlich ein Kandidat für die Spitzenplätze bleibt.
Im Sommer 2024 haben die englischen Topklubs begonnen, ihre Personalpolitik markant zu verändern
Ja, Tabellen sind Momentaufnahmen, wie Trainer in aller Welt und in allen Sprachen zu sagen pflegen, aber man darf die Prognose wagen, dass das aktuelle Champions-League-Tableau die Kraftverhältnisse in Europa angemessen wiedergibt. Beim Versuch, die neue Dominanz der Premier League zu ergründen, landet man in jenem traumatischen Frühsommer 2024, in dem Hummels und sein BVB bis ins Finale vorstießen. Die Saison 2023/24 gilt als annus horribilis des englischen Fußballs: In keinem der drei Europacup-Wettbewerbe stand ein Premier-League-Klub im Endspiel, nur in der nicht satisfaktionsfähigen Conference League schaffte es Aston Villa ins Halbfinale (um dort dem späteren Sieger Olympiakos Piräus zu unterliegen). In Champions und Europa League war schon das Halbfinale eine Premier-League-freie Zone.
Aus besagter Saison haben die englischen Spitzenklubs einen Schluss gezogen, der den Konkurrenten vom Kontinent nun zu schaffen macht. Die Engländer waren damals schon im März stehend k.o., ausgezehrt vom hochtourigen Wettbewerbsrhythmus und einem strapaziösen Titelkampf, in den mehr Teams als sonst verwickelt waren. Damals haben die englischen Topklubs begonnen, ihre Personalpolitik markant zu verändern: Sie haben ihren unermesslichen Reichtum dazu genutzt, ihre Kader auf eine Weise zu vergrößern, wie das sonst nur Giovanni Infantino bei seinen Turnierteilnehmerfeldern tut. Inzwischen hält sich jeder ambitionierte Premier-League-Klub bis zu zwei Dutzend Weltklassespieler – was es dem FC Chelsea ermöglicht hat, vorige Saison mit einem C-Kader die Conference League zu gewinnen. Der A-Kader wurde für die Premier League gebraucht – eine Logik, die inzwischen sogar für das vom saudischen Staatsfonds aufgepumpte Newcastle United gilt. Für Newcastle ist das anstehende Ligaspiel gegen Aston Villa wichtiger, als es das locker absolvierte Champions-League-Spiel gegen Eindhoven gerade war.
Die Trainer Guardiola und Jürgen Klopp haben vor einem Jahrzehnt begonnen, mit ihren Lehren und ihrer Energie die Spitze der Premier League auf eine neue Ebene zu heben. Davon herausgefordert, hat der Rest der Liga unter Nutzung seiner wettbewerbsverzerrenden Fernseh- und Investorenmilliarden und mit schlauen Scoutingmodellen (Brighton, Brentford) nachgezogen und die Breite der Liga so spektakulär verbessert, dass an einem guten Tag jeder jeden schlagen kann. Ergänzt um die kollektiven Kaderaufrüstungen nach dem traumatischen Frühsommer 2024 hat sich in der Premier League inzwischen ein Binnendruck entwickelt, der konstant hohes Niveau garantiert und die Distanz zur deutschen Bundesliga auszuweiten droht. In der Bundesliga imponieren die reichen Bayern als Engländer ehrenhalber, wozu sie nicht mal einen Riesenkader brauchen. Weil hinter ihnen im beträchtlichen Fernglasabstand Mats Hummels’ Dortmunder folgen, deren Ambition darin besteht, mit vorhersehbaren, aber teuren Transfers Jahr für Jahr die Champions League zu erreichen.
Das mag angesichts der Finanzausstattung der Bundesliga vielleicht sogar ehrenwert sein. Aber es ist nicht das Modell, mit dem sich Bayern oder Engländer herausfordern lassen.
