Kolumne „Schön doof“: Friedrich und Lars verhandeln die Groko per Du – Gesellschaft

Sie haben es getan. Über Jahre haben sie im gleichen Gebäude gearbeitet, sind sich auf den Gängen und in Treppenhäusern über den Weg gelaufen, tauschten Blicke aus. Nun ließ sich der Funke nicht länger unterdrücken. Friedrich Merz und Lars Klingbeil haben den nächsten Schritt gewagt. „Drei Tage duzen wir uns jetzt“, sagte der SPD-Vorsitzende über seinen wahrscheinlich künftigen CDU-Kanzler. Ein Satz, der auch lauten könnte: „Ja, es ist was Ernstes mit uns beiden.“ Pronomen sei Dank.

Unter den Sozialdemokraten ist man schon immer per Du. Dass sich nun aber auch Friedrich Merz auf die zweite Person Singular einlässt, hat wohl weniger mit der Hochachtung des ehemaligen Blackrock-Aufsichtsrats vor dem Genossentum zu tun. Wobei, vielleicht hat sich der Friedrich das mit dem Du sogar wirklich vom Olaf abgeschaut. Ganz ausnahmsweise, versteht sich. Denn sein Bald-Vorgänger unterhielt sich bekannterweise mit seinen Wählern gerne per Du. Nur mehr Nähe zum Volk brachte ihm das offenbar nicht.

Oder, andere Erklärung: Der Siegeszug des Pronomens hat den CDU-Vorsitzenden genauso eingeholt, wie es auch Betriebe im Rest des Landes erobert hat. Obwohl Merz kein lässiger Chef mit Start-up-Mentalität ist, der sich das Du als Branchenaccessoire zwangsverordnen lässt, musste auch er erkennen: Das „Sie“ hat auch in den höchsten Etagen ausgedient. Bankenchefs und Abteilungsleiter lassen sich inzwischen freiwillig duzen, Kolleginnen und Kollegen ohnehin.

Wer ein paar Hundert Kilometer weiter nach Norden schaut, erahnt, wo der Weg hingehen könnte: Schwedische Kinder duzen ihre Lehrkräfte, überhaupt duzen die Schweden alles und jeden – mit Ausnahme der Königsfamilie natürlich. Wer duzt, signalisiert Vertrautheit und Nähe. An sich kein abwegiger Gedanke – wer acht Stunden am Tag miteinander verbringt, sollte sich doch überlegen, das „Sie“ früher oder später abzulegen (bei Friedrich und Lars dürften es aktuell sogar ein paar Stunden mehr sein).

Für die Schweden zumindest war das Sie irgendwann nicht mehr zeitgemäß. In den 1960er-Jahren überkam das Land eine sogenannte „Du-Reform“, schreibt die deutsch-schwedische Handelskammer. Den ersten Schritt machte die Gesundheitsbehörde, welche begann, Bürgerinnen und Bürger nur noch zu duzen, nicht mal den Nachnamen wollte man mehr verwenden. „Lieber Max, wir bräuchten noch deinen Einkommensnachweis.“ Dieser Satz wird wohl so bald keiner deutschen Behörde aus der Tastatur rutschen, auch nicht unter einem duzenden Kanzler Merz.

Aber selbst wenn sich das Finanzamt auch in Zukunft nicht duzen lässt, die Karriere des Pronomens ist noch lange nicht vorbei. Die deutsche Du-Reform verläuft still und leise. Nur noch etwas mehr als zehn Jahre, dann sind die siezenden Babyboomer gänzlich aus dem Arbeitsmarkt verschwunden.

Stellt sich nur die Frage: Was bringt’s, das Du?

Schließlich bleibt ein Chef für seine Mitarbeiter am Ende ein Chef – egal, welches Pronomen gerade im Trend liegt.