In der neuen Folge von VerkehrsRundschau Funk gehen Tabea Schulz und Christian Bonk der Frage nach, ob ein Tempolimit tatsächlich ein geeignetes Mittel gegen Stau ist – oder ob Deutschland an den eigentlichen Ursachen vorbeidiskutiert. Die Folge macht deutlich: Stadtstau und Autobahnstau folgen völlig unterschiedlichen Logiken. In Städten sind Ampeln, Kreuzungen, Lieferverkehr und begrenzter Raum die dominierenden Faktoren. Auf Autobahnen dagegen entsteht Stau als dynamisches Phänomen, das sich wellenförmig ausbreitet. Ein kurzer Bremsimpuls reicht, um eine Stauwelle auszulösen, die sich mit 12 bis 15 km/h rückwärts durch den Verkehr frisst.
Diese physikalische Sensibilität erklärt, warum kleine Störungen große Wirkung haben – und warum Maßnahmen, die den Verkehrsfluss stabilisieren, oft mehr bringen als reine Kapazitätsdebatten.
Die ADAC‑Staubilanz 2025 liefert den aktuellen Rahmen. Besonders auffällig: Nordrhein‑Westfalen verursacht ein Drittel aller Staustunden. Bayern und Baden‑Württemberg folgen mit deutlichem Abstand. Katharina Luca, Unternehmenssprecherin des ADAC, ordnet ein: „Wir sehen weniger einzelne Staus, aber sie dauern länger. Das liegt vor allem daran, dass die Infrastruktur vielerorts an der Belastungsgrenze arbeitet – und jede Störung sofort größere Auswirkungen hat.“ Auch der Lkw‑Anteil wird häufig überschätzt. Lkw sind reguliert, mautpflichtig und geschwindigkeitsbegrenzt – und damit eine erstaunlich konstante Größe im System. Die großen Schwankungen entstehen durch Pkw‑Verhalten.
Frankreich, Italien, Österreich und die Schweiz haben im Schnitt weniger Stau als Deutschland. Nicht, weil Maut Stau „verhindert“, sondern weil sie Nachfrage lenkt, Infrastruktur finanziert und Baustellenzyklen verkürzt. Besonders eindrucksvoll: In Spanien stieg der Verkehr auf einigen Strecken um bis zu 40 Prozent, nachdem die Maut abgeschafft wurde.

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Ein Tempolimit stabilisiert den Verkehrsfluss, reduziert Phantomstaus und senkt Emissionen. Aber: Es löst keine Kapazitätsprobleme und beseitigt keinen strukturellen Stadtstau. Katharina Luca bringt es im Podcast auf den Punkt: „Ein Tempolimit ist ein Baustein – nicht die Lösung. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Infrastruktur, Verkehrsmenge, Baustellenmanagement und Fahrverhalten.“
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge: der Sanierungsstau. Marode Brücken und überlastete Autobahnabschnitte sorgen für Engpässe, die sich nicht kurzfristig auflösen lassen. Baustellen bleiben ein zentraler Faktor – und ihre Wirkung lässt sich nur begrenzt reduzieren, solange die Infrastruktur grundlegend erneuert werden muss. Im Gespräch wird klar: Deutschland braucht ein Bündel an Maßnahmen. Dazu gehören:
- Besseres Baustellenmanagement
- Stabilere Verkehrssteuerung
- Digitalisierung von Verkehrsdaten
- Mehr Kapazität an neuralgischen Punkten
- Konstanteres Fahrverhalten
Und ganz praktisch? Katharina Luca nennt drei Sofortmaßnahmen, die messbar wirken würden: Engpassstellen priorisiert sanieren Baustellenzeiten verkürzen Verkehrsflusssteuerung digitalisieren.
Fazit: Die Tempolimit‑Debatte greift zu kurz. Stau entsteht aus einem komplexen Zusammenspiel von Infrastruktur, Verkehrsmenge, Fahrverhalten und Steuerung. Ein Tempolimit kann helfen – aber nur als Teil eines größeren Systems. Wer Stau wirklich reduzieren will, muss an mehreren Stellschrauben gleichzeitig drehen.
