
Seit dem Kindergarten sollte jedem klar sein, dass auf den ersten Blick niedlich und lieb wirkende Abkürzungen, auch Spitznamen, nur selten niedlich und lieb gemeint sind. Oft werden sie („Komm mal her, Maxi, dann kriegst du eins aufs Maul!“) eher abwertend verwendet. Und selbst in der Partnerschaft zielt ein inflationär verwendetes Diminutiv („Hast du schon den Müll runtergebracht, Mausi?“) meist eher auf den Ausbau der eigenen Machtposition als auf Liebe und Gleichberechtigung.
Die designierten Koalitionspartner von CDU/CSU und SPD sind sich grundsätzlich darüber im Klaren, dass sie nicht über jene satte parlamentarische Mehrheit verfügen, wie man sie von schwarz-roten Koalitionen früherer Jahrzehnte gewohnt ist. Deshalb haben sie sich jetzt auf die Suche nach einem Titel für das von ihnen angestrebte Regierungsbündnis gemacht. Kritiker versuchen jetzt schon, dem schwarz-roten Projekt Stempel wie „Kleiko“ oder „Schuko“ aufzudrücken. „Kleiko“, also die Abkürzung von „Klein-Koalition“, soll den generellen Bedeutungsverlust der Volksparteien CDU/CSU und SPD thematisieren, „Schuko“ („Schulden-Koalition“) greift die von oppositioneller Seite als durchaus riskant empfundene Kreditstrategie auf.
Die Grünen haben jetzt sogar einen etwas gehässigen Wettbewerb zur Namensfindung gestartet: Hier trudelten zuletzt Vorschläge wie „Rüko“ (Rückwärtskoalition) oder „Koalation“ (Koalas: grau und verschlafen) ein. Nun ja. Jedenfalls sollte, ja muss aus Sicht der angehenden Koalitionäre, hier rechtzeitig sprachlich gegengesteuert werden! Denn: Haben sich griffige Bezeichnungen (siehe Ampel, Brombeere oder Jamaika) erst einmal verfestigt, kleben sie an den Beteiligten wie Ölfarbe.
Je langweiliger, desto besser
„Groko“, das ist allen klar, wäre als Titel für die neue Regierung freilich schief. Ähnlich schief wie „Jungtalent“ als aktuelle Bezeichnung für Rennfahrer Sebastian Vettel, „literarische Hoffnung“ für Elfriede Jelinek oder „Fortschrittskoalition“ für die später dann doch geplatzte Ampel. Es muss also etwas Neues her! Friedrich Merz soll in diesem Zusammenhang „Arbeitskoalition“ (Arko) vorgeschlagen haben, auch „Koalition von Aufbruch und Erneuerung“ (AuErKo) könnte er sich vorstellen.
Diese Begriffe sind außerordentlich sperrig – und weisen gerade deshalb in die richtige Richtung. Denn wer könnte sich über solche Wortmonster schon ernsthaft lustig machen? In Brüssel, so hört man, soll es die „Koalition der Willigen“ geben. Auch die könnte man, wäre man böswillig, zur „KdW“ erklären. Aber das ergäbe ja überhaupt keinen Sinn. Zur Abwehr politischer Gegner könnte jedenfalls gelten: Je langweiliger ein Bündnisname, desto besser für das Bündnis.
Fürchten muss man sich als demokratisch gesinnter Politiker aber weiter vor Kosenamen: Scholzomat, Fritze, Birne, Mutti – das ist schon alles sehr gemein, könnte aber mit etwas Ähnlichem wie „Vokaki“ (österreichisch für Volkskanzler Kickl), „Viktator“ (ungarisch für Viktor Orbán) oder „Gröfaz“ (deutsch für den „größten Feldherrn aller Zeiten“) beantwortet werden. Denn am Ende – gell, Mausi – ist es ohnehin ganz wurscht, wer den braunen Müll runterbringt. Hauptsache, es macht überhaupt einer.