Klub im freien Fall: Brennpunkt Eintracht Frankfurt – die Entzauberung des Jahres

Eintracht Frankfurt taumelt bedenklich, die Krise des Teams spitzt sich zu. Eine Flut an Gegentoren, keine Siege, kein Cheftrainer – und tief sitzende Probleme. Es knallt an allen Ecken und Enden im Klub. Eine Analyse.

Zwei Zitate vom Wochenende. „Ich finde, dass wir supersexy sind. Das ist Eintracht Frankfurt, das ist ein extrem spannender Verein für jeden Spieler, für jeden Trainer.“ Sport-Vorstand Markus Krösche bei Sky.

„Der sportliche Erfolg oder Misserfolg hängt auch immer vom Umfeld ab. Es ist nicht überraschend, dass Axel Hellmann den mahnenden Finger gehoben hat. Die Aussagen im Winter sagen mir: Da stimmt einiges nicht, nicht nur die Ergebnisse.“ DAZN-Experte Sami Khedira.

Beide Aussagen fielen vor dem Spiel der Eintracht gegen Hoffenheim. Vor der nächsten Pleite der Frankfurter, vor den nächsten drei Gegentoren. Und nach dem 1:3, dem fünften Pflichtspiel in Folge ohne Sieg, ist klar: Weltmeister Khedira trifft mit seiner Feststellung den Nagel auf den Kopf.

Brennpunkt Eintracht Frankfurt – es knallt an allen Ecken und Enden.

Mannschaft

In der Champions League krachend gescheitert (in 7 Spielen nur 1 Sieg). In der Bundesliga als Siebter zwar weiter in Schlagdistanz, doch nach nur einem Sieg in den letzten acht Spielen auf dem besten Weg, das Ziel „internationaler Wettbewerb“ zu riskieren. Und mit irrwitzigen 63 Gegentoren in 28 Pflichtspielen die Lachnummer in Europa.

Diese Mannschaft ist keine mehr. Nicht, weil sie nicht will, sondern weil sie nicht kann. Jeder Einzelne ist nur mit sich beschäftigt und damit, bloß keinen Fehler zu machen. Und doch patzt in jedem Spiel mindestens einer folgenschwer. Resultat: Totale Verunsicherung, Slapstick-Aktionen, Auflösungserscheinungen nach dem ersten Gegentor.

Diese Probleme schleppt Eintracht seit Monaten mit sich herum, doch eine Lösung wurde bisher nicht gefunden. Weder von den Führungsspielern, die längst keine mehr sind – Koch, Kristensen, Theate, Skhiri, Götze; die Liste ist endlos. Noch von den Trainern oder den Bossen.

Sämtliche Versuche, das Ruder herumzureißen, sind jedenfalls gescheitert. Knallharte Krösche-Ansprachen – verpufft. Trennung von Trainer Dino Toppmöller – wirkungslos. Degradierung von Verteidiger Theate gegen Hoffenheim auf die Bank – fruchtlos.

Erschwerend kommt folgender Verdacht hinzu: Die Spieler scheinen ein Fitnessproblem zu haben. Schon Toppmöller war nicht wirklich zufrieden mit der Athletik-Abteilung, doch er verpasste es, eine klare Ansage zu machen. Stattdessen reduzierte er nach der schweren Muskel-Verletzung von Can Uzun im Training, um weitere Ausfälle zu vermeiden.

Eintracht Frankfurts ehemalige Frauen-Trainerin Julia Simic sagte im „Doppelpass“: „Das Thema Fitness wird bei Eintracht gerade großgeschrieben. Ich stelle mir die Frage: Ist die Fitness gut genug?“ Jetzt musste auch noch Sturm-Hoffnung Arnaud Kalimuendo (zwei Tore und eine Vorlage in drei Spielen) mit muskulären Problemen ausgewechselt werden.

Trainer

Vor einer Woche musste Toppmöller in Frankfurt gehen, seitdem ist Sport-Boss Krösche auf Nachfolger-Suche. Und so wirklich weitergekommen, scheint er noch nicht. Die Wunschlösung ist immer noch Marco Rose, doch das Ganze entwickelt sich zu einer zähen Angelegenheit. Weil Leipzig Ablöse will. Und weil Eintracht aktuell ein zu zerrüttetes und chaotisches Bild abgibt. Da werden es sich die Kandidaten vermutlich zweimal überlegen.

Sky-Experte Lothar Matthäus stellte fest: „Das ist eigentlich nicht Markus Krösche. Eigentlich hat er beim Trainer immer schon zumindest eine Auswahl. Die hat er ganz sicher, aber meistens hat er dann schon jemanden präsentiert. Das war früher auch so: Wenn er wusste, dass ein Spieler verkauft wird, hatte er eigentlich schon einen Ersatz. Deswegen wundert es mich, dass Dino Toppmöller gegangen ist und im Endeffekt noch nach einer Lösung gesucht wird.“

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Und so bleibt das Interims-Duo Dennis Schmitt und Alex Meier erst mal weiter im Amt. Auf jeden Fall im letzten, unbedeutenden Spiel in der Champions League am Mittwoch gegen Tottenham (21.00 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) und vermutlich auch am kommenden Samstag gegen Bayer Leverkusen (15.30 Uhr, ebenfalls im Sport-Ticker der WELT).

Eintracht Frankfurts Ultras

Die Mitgliederversammlung an diesem Montagabend (17.30 Uhr) wird zur Zerreißprobe für die Eintracht. Die Ultras um Frankfurts Vize-Präsident Benjamin von Loefen mucken auf. Einer ihrer wichtigen Vertreter wurde nicht zur Wahl für den Verwaltungsrat zugelassen. Grund: Der Bewerber hatte nichts vorzuweisen, was eine Kandidatur gerechtfertigt hätte. Dennoch fordern die Ultras jetzt öffentlich einen gut bezahlten Posten im Aufsichtsrat, mehr Einfluss bei der Fußball-AG.

„Wir sind der Ansicht, dass die Zusammensetzung im Aufsichtsrat der Fußball-AG nicht optimal ist. Wir finden, dass auch die Fans der Eintracht dort mitreden sollten, denn wir sind ein ebenso wichtiger Bestandteil der Eintracht wie Geldgeber, Experten oder Vereinsgremien“, heißt es in der Ultra-Postille „SCHWARZ-AUF-WEISS“.

Weiter werfen die Ultras sowohl Präsident und Aufsichtsratsboss Mathias Beck als auch Vorstandssprecher Axel Hellmann mit Blick auf eine mögliche Vertragsverlängerung von Hellmann in diesem Jahr Vetternwirtschaft vor. „Der größte Zufall ist, dass ausgerechnet in diesem Jahr die Vertragsgespräche mit Axel Hellmann anstehen. Wer diese führt? Der Hauptausschuss des Aufsichtsrats der Eintracht Frankfurt Fußball-AG, vertreten durch Beck, Felix Wirmer und Sven Janssen.“

Nach Informationen der „Bild“ sind den Ultras die Gehälter des kompletten Vorstands sowie das Einkommen von Beck ein großer Dorn im Auge. Von Neid und Missgunst seitens der Ultras ist die Rede. Andere sprechen darüber, dass die Ultras selbst an Macht und Geld kommen wollen und deshalb einen Sitz im Aufsichtsrat haben wollen. „Speziell, wenn es um die Belange der Fußball-AG geht, hält man uns von gewissen Informationen fern und behütet diese wie Onkel Dagobert seinen Geldspeicher“, heißt es in dem Schreiben der Ultras. Mit Blick auf die Verträge von Beck, Hellmann und Co. wird von einem „Selbstbedienungsladen“ geschrieben.

Wenn man das Pamphlet der Ultras liest, kommt man aber eher auf die Idee, dass auch die organisierte Fan-Szene etwas vom AG-Geld abhaben will …