
Louis Philippson ist hierzulande derzeit das beste Beispiel. Der 22 Jahre alte, musikalisch hochbegabte deutsche Pianist erreicht als Social-Media-Star und Klassik-Influencer mit seinen Videos ein Millionenpublikum. Sein Konzert in der Frankfurter Alten Oper am 15. März ist seit Langem ausverkauft, ohne dass er dafür mit örtlichen Veranstaltern mit Abonnement zusammenarbeiten musste.
Man kann das in mancher Hinsicht kritisch sehen. Doch zunächst ist festzuhalten, dass Philippson mit seinen oft witzigen Beiträgen die in der Klassikszene heiß umworbene junge Zielgruppe mobilisiert. Der Nachwuchs fördert sich auf doppelte Weise selbst. Und Philippson zeigt, was viele Kenner längst wussten: dass viele klassische Musiker nicht so dröge sind, wie viele meinen, sondern oft komödiantisch sehr talentiert.
Neu ist das Phänomen der Social-Media-Stars in der Klassik ohnehin nicht. Philippsons Pianisten-Kollege Igor Levit hat es vorgemacht. Spätestens seit er in der Corona-Zeit Konzerte aus dem heimischen Wohnzimmer streamte, ist auch er ein Star mit vielen Followern. Positiv ist die Entwicklung allemal unter dem Stichwort Teilhabe. Die modische Leerformel füllt sich hier ganz real mit Inhalt: Meisterkurse, Einblicke in Lern- und Übeprozesse gibt es so für jedermann kostenlos, für Menschen, die nicht mobil sind oder nicht so leicht Zugang zu kulturellen Veranstaltungen bekommen.
Die amerikanische Violinistin Hilary Hahn gibt dafür seit Langem ein gutes Beispiel. Die Einblicke, die sie in ihre Werkstatt gibt, sind Klickhits. Positiv ist auch, dass nicht nur Pianisten und Violinisten auf diese Weise Erfolg haben. Die britische Organistin Anna Lapwood schafft es, dank ihrer Popularität, dass sich vor den größten Kirchen, wie etwa vor dem Kölner Dom, Menschenschlangen bilden, wenn sie ein Konzert gibt. Und Spencer Rubin, ein Student der New Yorker Juilliard School, hat durch seine virale Präsenz auf Tiktok, mit 1,6 Millionen Followern, Aufmerksamkeit für ein Instrument gewonnen, das ebenfalls so gar nicht massenkompatibel erscheint: die Oboe.
Es gibt auch Orchester, die auf den eingängigen Plattformen unglaublich performen: das London Philharmonic Orchestra auf Tiktok und das hr-Sinfonieorchester, international bekannt als Frankfurt Radio Symphony, auf Youtube. Klar, gerade bei Solisten kann man sich fragen, ob sich mit einem so arbeitsintensiven Beruf der Zwang, beinahe täglich Clips liefern zu müssen, überhaupt vereinbaren lässt. Kann man noch genug an musikalischen Phrasen feilen, wenn ständig verbale produziert werden müssen? Qualität versus Quantität: Die Einordnung ist in den Kommentarspalten womöglich gnadenlos.
