Gibt da diese Theorie, die einigermaßen wunderschön ist und historisch betrachtet auch gar nicht wahnsinnig verwegen: Große Kunst setzt sich durch. Relativ egal, was drum herum sonst passiert. Die Theorie ist auch deshalb so sympathisch, weil sie die Konsumenten von Kunst sehr ernst nimmt, und zwar gerade nicht als Konsumenten, sondern als Fans. Ein Stück weitergedacht und mit etwas schlechterer Laune gesprochen, meint die Theorie damit außerdem, dass die Marketingabteilungen von weltumspannenden Kunstverbreitungsunternehmen (Plattenfirmen zum Beispiel), wenn sie große Werke vorliegen haben, was ja selten genug passiert, am besten möglichst zurückhaltend agieren.
Anders gesagt: Die Kunst findet schon ihren Weg. Aber der Mensch findet eben oft Wege, dabei im Weg zu stehen.
Als Harry Styles’ neues Album vor ein paar Tagen in einem nach außen bestimmt sehr akribisch isolierten Raum der Plattenfirma ein paar handverlesenen Journalisten vorgespielt wurde, verteilte die Marketingabteilung dieser Plattenfirma offenbar Samen, die bei pfleglicher Aufzucht zu Pflaumentomaten heranwachsen. Auf Handzetteln ließen diese erst zu züchtenden Pflaumentomaten als Ich-Erzähler wissen: „Geschmacklich bin ich sehr fruchtig und süß, perfekt als kleiner Snack zwischendurch.“
Mit der richtigen Kreditkarte darf man exklusiv dies kaufen: „Ein T-Shirt sowie ein Paar Socken“
Kurz darauf bewarben PR-Mails dann Harry-Styles-Pop-up-Stores, in denen die Fans (die man hier als Konsumenten sehr ernst nimmt) die „Möglichkeit“ bekommen, das neue Album „mit einer ganz besonderen Aktion live zu feiern und einzigartige Merchandise-Designs zu erwerben“. Wer die richtige Kreditkarte besitzt, darf früher rein (+1!) und erhält zudem die „Möglichkeit, zwei (2) exklusive Merchandise-Artikel zu erwerben: Ein T-Shirt sowie ein Paar Socken“. So viele Möglichkeiten. Das neue Album von Harry Styles heißt „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“. Es ist fantastisch.
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„Are You Listening Yet“, nur zum Beispiel. Dunkle, leicht vermumpfte Chöre, die klingen, als brandeten sie aus einem nur notdürftig isolierten Kellerclub herauf. Eine „Eye of the Tiger“-geile Tacka-Tacka-Gitarre treibt das Geschehen an und kämpft mit den hakeligen Hi-Hat- und Snare-Wirbeln um das richtige Tempo. Und im Spannungsfeld dazwischen federt und holpert und marschiert der Groove so grandios und lebendig, dass es jeden Menschen mit Restseele auch ohne die richtige Kreditkarte sofort raus in die Nacht zieht.
Zentrale, wohltuende Zeile: „If you must join a movement, make sure there’s dancing“. Wenn du dich schon einer Bewegung anschließen musst, sieh zu, dass dabei getanzt wird. So viel denn vielleicht auch mal wieder zur Frage, ob Pop unpolitisch sein kann.
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So geht das weiter: „Pop“, der Song, ist eine enorm lässig geshuffelte Groove-Herrlichkeit, genau richtig verpatschte Drums, ein sektlauniger Chic-Gedächtnisbass, für den der Musiker das Studio hoffentlich sehr, sehr reich verlassen hat. Und im Refrain dann große Öffnung Richtung Universum, bissige Synthie-Arpeggien schwirren um den wattigen Kopf, eine Gitarre schießt sehr wirkungsvolle Einzeltöne dazwischen, und Styles trällert eine tolle Melodie, die (wie viele der Melodien) angenehm wenig auf Hit-Tauglichkeit schielt: „Am I in over my head? / This could go anywhere“. Auch hier also viele Möglichkeiten.
Und drüber und drunter und überall drum herum: sehr freie Erkundungen von Nacht und wohliger Dunkelheit und all den im besten Fall schönen Gefühlen, die das tagsüber so mit sich bringt. Das Ganze scheint übrigens, das macht man so gerade eigentlich ja auch nicht, tatsächlich als Album angelegt zu sein. Nicht als Sammlung von Einzelsongs. Vulgo: ein Gesamtkunstwerk. Groß. Und durch menschliche Einwirkung hoffentlich kaum zu stoppen.
