An meiner Flurwand hängt ein Setzkasten, eine ehemalige Schublade für Druckbuchstaben der von Stanley Morison und Victor Lardent 1931 entworfenen Kultserifenschrift Times New Roman. Ihrem Zweck längst entfremdet, beginnt ihre Ästhetik eben genau hier an meiner Wand zu wirken, glaubt man Adornos Ästhetischer Theorie.
Dabei sind es vor allem die kleinen Dinge, die ich darin sammle, die mit Bedeutung aufgeladen sind: Figuren, Zähne von (wilden) Tieren, Fotos im Miniaturformat und Schmuckstücke der eigentlichen wie der besonderen Art. Zu Letzteren zählt das „Reihe 1“-Schild aus der „Kurbel“. Wer sich in der cineastischen Welt Berlins vor seiner Megagentrifizierung auskennt, dem mag dieses Programmkino am Meyerinckplatz in Charlottenburg noch etwas sagen.
Bei Google kann man es noch finden, dabei beherbergt das restaurierte Haus seit den frühen 2010er Jahren einen Alnatura. „Dauerhaft geschlossen“, so der Verweis im großen Kartendienst. Ähnlich auch der Hinweis seit Kurzem beim „Cinema“ an der Bundesallee, das mit über 100 Jahren noch länger Bestand hatte als seine Charlottenburger Schwester. Nun letzthin die gute Nachricht: Der Abverkauf des Interieurs wurde abgesagt, da das Kultkino vielleicht übernommen wird.
Dreh- und Angelpunkt für die Münchner Kinoszene
Solch positive Neuigkeit wünsche ich auch dem Mathäser-Filmpalast in München, kein kleines Programmkino zwar – eher eines der größten im Lande und mit 23 Jahren nicht mal besonders alt. Mit seinen 14 Sälen und knapp 4.000 Sitzen unweit des Stachus bildet es aber einen wichtigen Dreh- und Angelpunkt für die Münchner Kinoszene, besonders während der Filmwoche.
Der Besitzer des Hauses, die Immobilientochter des Schweizer Konzerns Zurich Versicherung, plant das Kino abzureißen. Stattdessen soll ein Quartier mit Büros, Wohnungen und Geschäften entstehen. Bisher liegt lediglich eine Vorstufe zur Baugenehmigung vor, auch ein kleineres Kino ist demnach vorstellbar. Dennoch ist die Sorge laut einem Bericht in der Süddeutschen Zeitung groß: Das Leitungsduo vom Filmfest München, bestehend aus Christoph Gröner und Julia Weigl, etwa sieht die Pläne als Beweis dafür, dass Kinos aus dem Stadtzentrum verdrängt werden.
Auch das „Cinestar“ am Treptower Park in Berlin schloss unlängst seine Pforten. Wie sehr solche Orte fehlen, merkt man oft erst im Nachhinein. So denke ich immer noch oft ans „Broadway Kino“ oder den „Ufa Royal-Palast“, wenn es mich mal an den Kurfürstendamm verschlägt. Oder eben an die „Kurbel“, wann immer ich deren „Reihe 1“-Schild an meiner Wand sehe, wo aus dem bloßen Gegenstand mittlerweile ein kleines persönliches Kunstwerk geworden ist.
