Kinder: Die Angst vor der Angst – Gesellschaft

Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir leben in einer Welt, die einem bisweilen Angst einjagen kann. Aber was ich mir für meine Kinder wünsche, ist vor allem, dass sie einmal einigermaßen frei von Ängsten und Sorgen durchs Leben gehen können. So wie vermutliche alle Eltern. Gleichzeitig weisen Untersuchungen wie die jüngste Copsy-Studie allerdings darauf hin, dass Ängste bei jungen Menschen mindestens seit der Corona-Pandemie deutlich zugenommen haben (SZ Plus).

Ein vermeintlich harmloses Beispiel für eine im Grunde irrationale Angst, die vielen Menschen den Alltag erschwert, ist die Angst vor Hunden. Egal, ob in der Stadt oder auf dem Land: Hunde sind allgegenwärtig – vor allem dann, wenn man sich vor ihnen fürchtet.

Meine Kollegin Merle Hubert hat die Verhaltenstherapeutin Laura Frey interviewt (SZ Plus), die auf Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist. Frey erzählt von Kindern mit Angst vor Hunden, die statt zehn Minuten zweieinhalb Stunden für den Schulweg brauchen, weil sie riesige Umwege in Kauf nehmen, nur um Grundstücke mit Hunden zu meiden.

Was Frey von ihrer therapeutischen Arbeit berichtet, lässt sich auf viele andere Ängste übertragen. Nicht selten übernehmen die Kinder diese von ihren Eltern. Kinder nehmen etwa die Anspannung eines Elternteils, der selbst Hundeangst hat, sehr genau wahr, sagt die Therapeutin. Sie versucht in ihrer Arbeit mit den Kindern dann eine neue Verknüpfung im Gehirn zu erstellen, die neben die eigentlich bereits eingeschriebene Angst tritt. Denn löschen könne sie die Angst nicht.

Die Ängste ihrer Kinder bereiten Eltern nachvollziehbarerweise große Sorgen. So ist es auch mit der sozialen Angst, die laut der Kinderpsychologin Silvia Schneider deutlich über bloße Schüchternheit hinausgeht (SZ Plus). Das Gemeine an Ängsten ist ja, dass sie sich gerne selbst verstärken, weil jedes Vermeiden einer Situation, vor der man Angst hat, dem Gehirn signalisiert, dass die Angst offenbar berechtigt war.

Insofern kann man uns wohlmeinenden Eltern nur raten, dass wir vor allem eines ablegen sollten: die eigenen Ängste – und ganz besonders die Angst vor den Ängsten der Kinder.

Ein schönes Wochenende wünscht

Karin Janker