
Es überrascht Sie sicherlich nicht, dass wir auch heute
wieder AGI erreicht haben, also die generelle künstliche Intelligenz, die
mindestens ebenso schlau ist wie Menschen und die uns wahlweise die Arbeit
wegnimmt oder auch die Welt in den Untergang führt. Fast jeder KI-Promi hat
schon vor ihr gewarnt oder verkündet, dass sie schon da sei. Diese Woche Jensen
Huang, der CEO von Nvidia, der in einem Podcast sagte:
„Ich denke, wir haben AGI erreicht.“
Und ja klar: Nvidia muss an die große KI-Zukunft glauben,
schließlich stellt es die Chips her, auf deren Basis künstliche Intelligenz
(KI) trainiert wird. Klar ist aber auch: Das ist Unsinn. Es zeigt vor allem,
dass in der KI-Branche derzeit nicht in Jahren gedacht wird (und ja, auch das
hat schon fast jeder gesagt, der etwas auf sich hält) – sondern in
Schlagzeilen.
Bevor es weitergeht, eine Frage: Gefällt Ihnen „Natürlich intelligent“? Wir freuen uns über Ihre Meinung! Zu einer kurzen Umfrage geht es hier.
Das müssen Sie wissen: Musk will eine riesige Chipfabrik bauen
Das mit den Schlagzeilen hat auch Elon Musk verinnerlicht.
Er hat angekündigt, dass seine Firma künftig selbst Computerchips produzieren will. Das
Projekt ist so abenteuerlich, dass man sich fragt, ob es aus einem
Science-Fiction-Roman stammt. In seiner „Terafab“ sollen Chips
entstehen, die die „Grenzen der Physik verschieben“; es gebe da
„interessante Ideen“, sagte Musk, als er den Bau der Fab in Austin ankündigte. Es sei
„das grandioseste (most epic) Chip-Bauvorhaben der
Geschichte.“
Doch damit nicht genug. Ein erheblicher Teil dieser
Rechenleistung soll laut Musk gleich ins All verlagert werden. Es gehe darum,
die Menschheit in eine „galaktische Zivilisation“ zu verwandeln. Also
ja, Science-Fiction. Und das zeigt sich auch bei den Zahlen. Musk spricht von
einem Terawatt Rechenkapazität pro Jahr, angeblich mehr, als die gesamte
Chipindustrie heute produziert.
Spätestens hier wird klar, dass das nicht passieren wird. Wer sich einmal
ernsthaft mit der Halbleiterproduktion beschäftigt hat – etwa
in Taiwan, wo die modernsten Chips entstehen –, weiß, wie extrem komplex,
teuer und fragil diese Lieferketten sind. Fabriken kosten Milliarden, sie
brauchen Jahre bis zur Fertigstellung und hängen an hochspezialisierten
Maschinen, Materialien und Know-how, das sich nicht einfach einkaufen lässt.
Hier wird bereits an der Grenze der Physik gearbeitet. Elon Musk hingegen ist
bisher nicht mit besonders tiefgehenden Physikkenntnissen aufgefallen.
Darüber sollten Sie nachdenken: Digitalminister bringt das Grundeinkommen ins Spiel
Einen überraschenden Meinungsumschwung hat Digitalminister
Karsten Wildberger (CDU) hingelegt. Er erwarte dramatische Veränderungen in der
Arbeitswelt in Deutschland durch KI, sagte er vor ein paar Tagen in
einem Interview. Und: Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte diese
Umwälzungen zumindest teilweise auffangen.
Wer hat ihn auf diese Idee gebracht? Noch im Dezember
hatte Wildberger im
ZEIT-Interview auf die Frage, ob es ein bedingungsloses Grundeinkommen
brauche, ausweichend geantwortet: „Auf der Suche nach Lösungen darf es
keine Denkverbote geben.“ Möglicherweise hat er daraufhin seine eigenen
Denkverbote aufgeweicht. Vielleicht hat er auch den Leitartikel
meines Kollegen Jakob von Lindern gelesen, der Ende Februar schrieb: „Man
mag Ideen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen oder eine Robotersteuer für
naiv halten, aber dann muss man andere Antworten finden auf die Frage, wie ein
neuer Gesellschaftsvertrag aussehen soll, der alle an den Vorteilen
beteiligt.“
Sollte Wildberger in den vergangenen drei Wochen über diese
Antworten nachgedacht haben und zu dem Schluss gekommen sein, dass die Idee mit
dem Grundeinkommen vielleicht doch einer der naheliegendsten Lösungsansätze ist?
Allein ausreichen würde das allerdings nicht, warnt der Digitalminister.
Schließlich brauche der Mensch eine sinnstiftende Tätigkeit. „Kaum jemand kann
doch nur zu Hause sitzen und Videos schauen, ohne verrückt zu werden.“
Das können Sie ausprobieren (sollten Sie aber vielleicht nicht): Claude Dispatch
KI macht die Arbeit für uns, und wir müssen nicht einmal mehr
vor dem Computer sitzen! So klingt die aktuelle Meldung der US-Firma Anthropic:
Deren Tool Claude Cowork, „die agentische KI für Wissensarbeit“, wie
die Firma großspurig schreibt, kann man jetzt vom Handy aus steuern. Das heißt,
wenn Sie künftig gemütlich im Café in der Sonne sitzen, während Ihr Heer von
KI-Agenten für Sie arbeitet, müssen Sie nicht einmal mehr den Laptop öffnen. „Dispatch“
auf dem Handy einrichten, und alles ist gut.
Gut, eventuell bekommen Sie dann nicht mit, wenn Ihr Agent
falsch abbiegt, sich von einem Prompt-Injection-Angriff in die Irre führen
lässt und Ihre
sensiblen Daten an den chinesischen Geheimdienst schickt. Aber na ja, mit
Nichtwissen schmeckt wenigstens der Kaffee besser.
Im Ernst: Szenarien wie sogenannte
Prompt-Injection-Angriffe sind keine Schwarzmalerei. Wieder und wieder
demonstrieren ethische Hackerinnen und Hacker, dass sich generative KI-Systeme
mittels manipulierter Webseiten oder E-Mails übernehmen lassen. Je mehr Zugriff
Agenten auf Daten und Systeme haben, umso einfacher ist es für Angreifer,
Agenten zu „überreden“, die Daten weiterzureichen. Dieses Problem, so
sagte mir ein Sicherheitsforscher schon ganz zu Beginn des KI-Hypes, liege
in der Natur der Systeme und sei nie gänzlich auszumerzen. Jedes
Mal,
wenn
ich
seither hingeschaut
habe, hat
das noch gestimmt.
Erst kürzlich haben Wissenschaftler ein
großes Chaos mit KI-Agenten angerichtet, die private Informationen leakten,
ungefragt E-Mails verschickten und schließlich einen ganzen E-Mail-Server
löschten.
Insofern würde ich Ihnen raten, KI-Agenten besser
nicht zu viel Zugriff zu geben. Das heißt allerdings auch, dass Sie vorerst
Ihre Arbeit selbst erledigen müssen. Auf den Platz an der Sonne müssen Sie
deshalb noch lange nicht verzichten. Ich persönlich sitze ganz gerne mit Laptop
im Café.
