Kaum tragfähiges Modell: Der Traum vom passiven Einkommen wird überschätzt

Kaum tragfähiges Modell Der Traum vom passiven Einkommen wird überschätzt

24.01.2026, 12:27 Uhr 87137Von Raimund Brichta

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Vor dem passiven Einkommen steht der Vermögensaufbau. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

2000 Euro im Monat – ohne zu arbeiten. Kaum ein Versprechen ist verlockender. Doch die Idee vom passiven Einkommen hält einer nüchternen Prüfung oft nicht stand. Ein Blick auf Zahlen, Annahmen und Denkfehler zeigt, warum finanzielle Freiheit so kompliziert ist.

Passives Einkommen steht für Freiheit, Sicherheit und Entlastung vom Arbeitsalltag. Die Vorstellung, laufende Einnahmen zu erzielen, ohne täglich arbeiten zu müssen, wirkt gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten besonders stark. In der aktuellen Folge des Podcasts „Brichta & Bell – Wirtschaft einfach und schnell“ wird deutlich, warum dieser Traum populär ist – und gleichzeitig überschätzt wird.

Denn in vielen Fällen liegt ein zentraler Denkfehler vor: Das spätere Einkommen ist oder erscheint „passiv“. Dem geht in der Regel jedoch ein jahrelanger Vermögensaufbau voraus. Ohne diesen Vermögensaufbau gibt es keinen Kapitalstock, der zusätzliches Einkommen generieren kann. Das Versprechen bleibt leer.

Wer also monatlich Geld entnehmen will, muss zuvor Vermögen aufbauen – meist über viele Jahre hinweg durch Sparen, Investieren und Konsumverzicht. Erst wenn dieser Vermögensbatzen vorhanden ist, kann er Erträge liefern.

Mindestens genauso entscheidend für passives Einkommen eine zweite Annahme: Wird dauerhaft mehr entnommen, als das verbleibende Vermögen erwirtschaftet, schrumpft der aufgebaute Kapitalstock wieder. Passives Einkommen funktioniert langfristig nur dann, wenn die Entnahmen nicht höher sind als das jährliche reale Wachstum.

Vorsicht vor falschen Versprechen

Gerade in sozialen Netzwerken wird jedoch häufig suggeriert, schon mit überschaubarem Startkapital ließen sich dauerhaft hohe monatliche Einnahmen erzielen. Dabei werden drei Punkte regelmäßig ausgeblendet: Inflation, Steuern und Schwankungen an den Kapitalmärkten.

Wer etwa jährlich von zweistelligen Renditen ausgeht oder Risiken ausblendet, rechnet sich ein Modell schön, das in der Realität kaum tragfähig ist. Besonders gefährlich ist die Vorstellung, hohe Entnahmen seien möglich, ohne den Kapitalstock zu gefährden.

Ein vereinfachtes Beispiel zeigt die Größenordnungen:

  • Angenommen, ein Vermögen beträgt 1 Million Euro und erwirtschaftet langfristig 3,5 Prozent Rendite nach Steuern und Kosten. Das entspricht rund 35.000 Euro pro Jahr. Wer sich davon 24.000 Euro jährlich – also 2000 Euro im Monat – auszahlt, bleibt unterhalb der jährlichen Rendite. Der Kapitalstock bleibt erhalten, selbst wenn Inflation berücksichtigt wird.

  • Liegt das Vermögen hingegen nur bei 500.000 Euro, halbieren sich die jährlichen Erträge bei einer Rendite von 3,5 Prozent auf rund 17.500 Euro. Werden dennoch 24.000 Euro im Jahr entnommen, schrumpft das Vermögen Jahr für Jahr spürbar. Je niedriger das Vermögen und je höher die gewünschte Entnahme sind, desto schneller wird der Kapitalstock aufgezehrt.

Strategien für regelmäßige Einnahmen

Passives Einkommen ist möglich, aber kein schneller Ausweg aus dem Arbeitsleben. Es erfordert Kapital, realistische Renditeannahmen und Disziplin bei der Entnahme. Wer diese Mechanik versteht, kann sich finanzielle Spielräume schaffen.

Um regelmäßige Einnahmen zu erzielen, setzen vorausdenkende Anleger auf eine Kombination verschiedener Anlageklassen. Anleihen können für planbare Cashflows sorgen, Dividendenaktien für laufende Ausschüttungen. Ausschüttende ETFs oder Fonds verteilen Risiken breiter. Ergänzend kommen Optionsstrategien infrage – allerdings nur für Anleger mit entsprechender Erfahrung und Risikotoleranz.

Die ausführliche Einordnung mit klaren Zahlen, Annahmen und Strategien hören Sie in der neuen Folge von „Brichta & Bell – Wirtschaft einfach und schnell“. Zu Gast ist der „Handelsblatt“-Redakteur Markus Hinterberger.

Quelle: ntv.de