Kapital als Waffe? Warum der Anleihemarkt selbst einem Donald Trump Angst macht – Wirtschaft

Eigentlich hatten sie sich bei der Deutschen Bank zuletzt bemüht, nicht unangenehm aufzufallen, um bei US-Präsident Donald Trump nicht in Ungnade zu fallen. Zwar hatte das größte deutsche Geldhaus einst dazu beigetragen, Trump mit Krediten als Immobilienmogul groß herauszubringen. Doch selbst ehemalige Verbündete können schnell ins Visier der US-Regierung geraten, und das mitunter wegen scheinbar harmloser Dinge: etwa einer Analyse zu Anleihen und Devisen. Normalerweise spannend nur für die Fachwelt, diese Woche jedoch reichte so etwas, um Washington gegen die Deutsche Bank aufzubringen.

Dabei verwies der Bericht eigentlich nur auf das Offensichtliche: Die USA hätten „eine zentrale Schwäche“, weil sie auf ausländische Investoren angewiesen seien, um ihr Handelsbilanzdefizit zu finanzieren, das nun mal mit großem Abstand die Europäer stemmen: Insgesamt halten die Europäer Aktien und US-Anleihen im Wert von rund acht Billionen Dollar – fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen. Davon entfallen knapp sechzig Prozent auf Aktien und vierzig Prozent auf Staats- und Unternehmensanleihen, also Schuldtitel. „Europa besitzt Grönland – und sehr viele US-Staatsanleihen“, schrieb der Deutsche-Bank-Analyst und deutete an, dass die Europäer sich angesichts der „Grönland-Pläne“ eben auch weigern könnten, das US-Defizit weiterhin zu finanzieren. So etwas kann vorkommen in einer freien Marktwirtschaft.

Tatsächlich könnten die Europäer auf diese Weise versuchen, einen Anstieg der US-Renditen zu erzwingen. Wenn Anleihekurse fallen, weil Anleger vermehrt verkaufen, steigen die Renditen. Einige europäische Länder – darunter Deutschland, Frankreich und Belgien – halten die Staatsanleihen ihres früheren Verbündeten jenseits des Atlantiks direkt als Teil ihrer offiziellen Devisenreserven. Privatanleger in Europa hingegen besitzen nur vergleichsweise geringe Bestände an sogenannten US-Treasuries. Derzeit müssen die USA 4,3 Prozent Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen zahlen; Probleme durch zu hohe Zinslast drohen bereits ab 4,5 Prozent. Wäre das also ein Druckmittel gegen Trumps Drohungen, Grönland zu besetzen und bei Widerstand der Europäer neue Zölle zu erheben? Bereits im April vergangenen Jahres, als Trump seine „ungewöhnlichen“ Zollpläne präsentierte, waren die Anleiherenditen in die Höhe geschossen – woraufhin er einen Teil seiner Pläne rasch wieder zurücknahm.

Dass Analysten wie derjenige der Deutschen Bank solche politischen Szenarien durchspielen, ist absolut üblich – ohne sie könnten sie keine seriösen Prognosen für Aktien, Anleihen oder Devisen erstellen. Ein Analyst der Commerzbank wies sogar darauf hin, dass eine Eskalation der US-europäischen Spannungen dazu führen könnte, dass europäische Inhaber von US-Staatsanleihen „sanktioniert“ würden, in welcher Form auch immer, und ihre Bestände womöglich nicht mehr verkaufen könnten. Man muss in diesen Tagen nun mal in alle Richtungen denken.

Da die Aussagen der Deutschen Bank ihren Weg am Dienstag aber in die Nachrichtenagenturen gefunden hatten und auch US-Finanzminister Scott Bessent erreichten, ließ er es sich nicht nehmen, in Davos gegen die Bank auszuteilen. Auf die Frage, ob Europa als mögliche Gegenmaßnahme zu Trumps Grönland-Plänen US-Staatsanleihen verkaufen könnte, stänkerte er, dies sei ein „falsches Narrativ“. In europäischen Regierungen gebe es „keinerlei Gespräche“ über eine derartige Maßnahme; die Medien hätten sich lediglich an einen Bericht der Deutschen Bank „drangehängt“. Der Vorstandschef der Deutschen Bank habe ihn daher angerufen, „um klarzustellen, dass die Bank diesen Analystenbericht nicht unterstützt.“

Dänischer Pensionsfonds verkauft seine US-Staatsanleihen

Was Christian Sewing, der Chef der Deutschen Bank, tatsächlich gesagt hat in diesem Telefonat, wird man wohl nicht erfahren. Es scheint jedoch zu stimmen, dass er eigens wegen des Vorfalls zum Hörer gegriffen hat. Die Deutsche Bank – die sich gern als europäische Alternative zu den US-Großbanken positioniert – dementierte den Vorgang jedenfalls nicht. Sie betonte, ihre Analyse sei unabhängig, spiegele aber nicht zwangsläufig die Sicht des Managements wider. Auf Nachfrage wollte ein Sprecher das Dokument noch nicht einmal offiziell zur Verfügung stellen.

Dass die US-Regierung so deutlich reagierte, liegt aber wohl vor allem daran, dass der Bericht klar auf die Rolle Europas als Financier des US-Handelsbilanz-Defizits hinweist. „In einem Umfeld, in dem die geoökonomische Stabilität des westlichen Bündnisses existenziell erschüttert wird, ist nicht klar, warum die Europäer bereit sein sollten, diese Rolle zu übernehmen.“ Man denke an die Münchner Sicherheitskonferenz, die sich zuletzt als „Beschleuniger der europäischen Verteidigungsausgaben“ erwiesen hat, so der Analyst. Könnte in diesem Jahr Grönland der Auslöser für eine stärkere politische Geschlossenheit Europas sein?

Die ersten Investoren trennen sich bereits von US-Staatsanleihen, wenn auch nicht explizit wegen Grönland, sondern wegen der hohen Verschuldung der USA. Nach einem dänischen Pensionsfonds vermeldete am Mittwoch auch ein schwedischer Vermögensverwalter den Verkauf seiner US-Staatsanleihen. Der Pensionsfonds Alecta begründete dies gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters mit großen politischen Risiken in ‍den Vereinigten Staaten, während der dänische Pensionsfonds generell die schlechten Staatsfinanzen in den USA nannte.

Der norwegische Staatsfonds hingegen, der die Erträge aus den Öleinnahmen des Landes verwaltet, und damit einer der mächtigsten Investoren auf den internationalen Kapitalmärkten ist, hält sich derweil noch zurück. Norwegens Finanzminister Jens Stoltenberg sagte, er sehe derzeit keinen Anlass, dass der norwegische Staatsfonds angesichts geopolitischer Turbulenzen aus den US-Märkten aussteige. Ohnehin gilt: Ein massiver Ausverkauf von US-Staatsanleihen würde natürlich auch das europäische Finanzsystem empfindlich treffen. „Kapital als Waffe einzusetzen – und nicht Handelsströme – wäre das mit Abstand Destabilisierendste für die Märkte“, schreibt insofern auch der Analyst der Deutschen Bank.

Tatsächlich ist der Staatsanleihemarkt – auch Bond- oder Rentenmarkt genannt – für Volkswirtschaften sehr viel wichtiger als die Aktienmärkte. Kleinste Bewegungen am Anleihemarkt haben große Folgen: Am Staatsanleihemarkt orientieren sich die Kreditkosten für Staaten, Firmen, Verbraucher. Allein für die Zinsen mussten die hoch verschuldeten USA im vergangenen Jahr fast eine Billion Dollar zahlen – mehr als für die staatliche Gesundheitsversicherung Medicare oder für die Verteidigung. Der Bondmarkt gilt daher als Macht, vor der selbst Donald Trump zurückschreckt. Ein Bonmot von James Carville, Wahlkampfstratege und politischer Berater des früheren US-Präsidenten Bill Clinton, besagt, sollte er wiedergeboren werden, würde er als Anleihemarkt zurückkommen, denn: „Man kann jeden einschüchtern.“

Möglicherweise hat das in diesen Tagen wieder funktioniert: Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterten nach den Grönland-Drohungen auf den höchsten Stand seit August – wohl eben auch wegen der Meldungen, die Europäer könnten ihre Bestände umschichten. Erst als Trump am Mittwoch in Davos andeutete, er werde keine Gewalt in Grönland anwenden, beruhigten sich „die Märkte“ wieder. Am Abend kam dann die Meldung, er wolle seine Drohung von Strafzöllen gegen Deutschland und andere europäische Länder zum 1. Februar doch nicht wahr machen.