Kanzler-Besuch in Indien: TKMS könnte sechs U-Boote liefern

Den Sabarmati-Fluss im Westen Indiens hat nicht nur das dortige Wohnhaus Mahatma Gandhis in der Welt bekannt gemacht. 2014 ging Ministerpräsident Narendra Modi hier mit Xi Jinping spazieren und lauschte dem Versprechen des chinesischen Präsidenten auf ewige Freundschaft. Zur gleichen Zeit rückte im Himalaja die chinesische Volksbefreiungsarmee auf indisches Territorium vor.

Derlei Verrat hat Modi kaum zu befürchten, wenn er am Montagvormittag den deutschen Kanzler am Sabarmati ausführt. Im Gegenteil. Friedrich Merz (CDU) bringt zu seinem ersten Indien-Besuch im Amt die Aussicht auf schweres Kriegsgerät mit, womit Indien den wachsenden Einfluss des chinesischen Nachbarn im Indo-Pazifik zurückzudrängen könnte. Genau gesagt handelt es sich um sechs U-Boote der Klasse U214, die der deutsche TKMS -Konzern für die Inder bauen soll. Angebliches Auftragsvolumen: Acht Milliarden Dollar. Zwar dürfte der seit vielen Jahren verhandelte Deal beim Kanzlerbesuch noch nicht unterschrieben werden. Doch auf der Zielgerade sei er sehr wohl, heißt es von allen Beteiligten. Der größte Auftrag in der indischen Rüstungsgeschichte habe Symbolwert, sagen Fachleute: Dass Indien eine Allianz mit China und Russland bilden werde, sei wenig wahrscheinlich. Vielmehr nähere sich der Subkontinent an Europa an.

Aktuell greift Indien meist noch auf russische Waffen zurück

Bisher hat Indien seine – atomgetriebenen – U-Boote aus Russland bezogen. Doch als Russlands Staatspräsident Wladimir Putin im Dezember Neu Delhi besuchte, blieben konkrete Ankündigungen über weitere Lieferungen zur Überraschung vieler aus. Weil fast 60 Prozent der im Dienst befindlichen Waffen aus Russland stammten, könne Indien seine Abhängigkeit von dem Land nicht sofort auf null senken, sagt Verteidigungsanalyst Rahul Bedi aus Delhi der F.A.Z. „Doch bei neuem Gerät wie U-Booten oder Kampfjets geht das Geschäft künftig an Länder wie Deutschland.“

Derlei Worte dürfte Oliver Burkhard gerne hören, der mit dem Kanzler nach Indien reist. Für den TKMS-Vorstandschef dient der Trip in der Wirtschaftsdelegation vor allem der Bekräftigung der Beziehungen: Bei Aufträgen in dieser Größenordnung sorgt ein gutes politisches Klima für die beteiligten Unternehmen für zusätzliche Sicherheit. Einen großen Meilenstein hatte TKMS schon im September erreicht, als die offiziellen Vertragsverhandlungen mit der indischen Beschaffungsbehörde aufgenommen werden konnten. Dabei geht es um sechs U-Boote, mit der Option auf drei weitere. Der letzte potentielle Konkurrent Navantia aus Spanien war zuvor schon ausgeschieden, weil die Technik nicht überzeugte.

U-Boote von TKMS zeigten technische Überlegenheit

„Wir haben den Wettbewerb gewonnen, weil wir als einziger Anbieter einen Außenluft-unabhängigen Antrieb mit Brennstoffzelle liefern, der es ermöglicht, sehr lange zu tauchen. Damit bleibt man sehr lange unsichtbar, insbesondere im Zusammenspiel mit einem sehr leisen Betrieb und einer speziellen Außenform“, erklärte TKMS-Chef Burkhard jüngst im Interview mit der F.A.Z. zu dem Angebot für Indien.

Der technische Vorsprung mag ausschlaggebend gewesen sein für die Auswahl von TKMS. Doch: Es habe für den Zuschlag an die Deutschen sicher nicht geschadet, dass „die EU und Indien in Bezug auf strategische Autonomie immer stärker dieselbe Sprache sprechen“, sagt Harsh V. Pant, Professor für Internationale Beziehungen vom King’s College in London, der F.A.Z. Im Gegensatz zu den USA, deren Präsident Donald Trump Indien mit weiteren Sanktionszöllen von 500 Prozent droht, die das indische Exportgeschäft in die USA praktisch beenden könnten, seien Europa und Indien „natürliche Partner“. Die militärische Zusammenarbeit mit Deutschland bilde eine „neue Dimension“. Der U-Boot-Deal zeige, dass sich Neu Delhi „aus der Konfrontation der USA mit Russland und China wegbewegen“ wolle.

TKMS-Chef Oliver Burkhard (rechts) beim Börsengang im Herbst 2025
TKMS-Chef Oliver Burkhard (rechts) beim Börsengang im Herbst 2025dpa

Burkhard hat dabei auch die Kapazitäten der Kieler Werftengruppe im Blick. Die zu Thyssenkrupp gehörende, seit dem Herbst aber börsennotierte TKMS meldete zum Geschäftsjahresende (30. September) einen Auftragsbestand von mehr als 18 Milliarden Euro. Das ist jetzt schon das Achtfache des Jahresumsatzes. Zwar dauert es grundsätzlich Jahre, ein Kriegsschiff zu entwickeln und zu bauen, doch TKMS muss dennoch mehr Möglichkeiten schaffen, die Aufträge abzuarbeiten und für weitere erhoffte Großaufträge gewappnet zu sein. Am Stammsitz in Kiel – vielfach noch bekannt als Howaldtswerke Deutsche Werft AG, kurz HDW – wurde im vorigen Jahr schon die Druckkörpertaktstraße modernisiert. Eine komplett neue solche Anlage wird in Wismar gebaut, wo TKMS aus der Insolvenz der MV-Werften im Jahr 2022 ein Werftgelände gekauft und den Aufbau von bis zu 1500 Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren in Aussicht gestellt hat.

Zu den wichtigsten Aufträgen, um die TKMS noch buhlt, zählt ein Los von zwölf U-Booten für Kanada, wobei dort noch die zum Hyundai -Konzern gehörende Werft Hanwha im Rennen ist. Außerdem machte sich TKMS-Chef Burkhard im F.A.Z.-Interview dafür stark, dass Deutschland das völlig aus dem Zeitplan gelaufene Projekt Fregatte F126 komplett stoppt und stattdessen kurzfristig fertig entwickelte Mehrzweckfregatten aus dem TKMS-Portfolio in Auftrag gibt.

Dänemark offenbar an Fregatten aus Kiel interessiert

Aktuell berichten die „Kieler Nachrichten“ zudem, dass auch Dänemark an drei Fregatten von TKMS interessiert sei. Eigentlich sei dazu in dieser Woche ein Besuch des dänischen Verteidigungsministers Troels Lund Poulsen in Kiel geplant gewesen, der nun aber wegen Trumps Grönland-Drohungen verschoben worden sei, schreibt die Zeitung. „Als TKMS freuen wir uns natürlich über die positive Wahrnehmung unserer Produkte“, lautet der Kommentar aus Kiel lediglich: „Sollte Dänemark einen Bedarf äußern, stehen wir als verlässlicher Partner bereit.“

In diesem Kontext ist auch das Übernahmeangebot zu sehen, das TKMS für die benachbarte Werft GNYK ( German Naval Yards Kiel) abgegeben hat. Die Werft mit rund 400 Beschäftigten baut Kriegsschiffe wie Fregatten und Korvetten. Im Gespräch mit der F.A.Z. hob Burkhard aber auch darauf ab, dass Partnerschaften ihm grundsätzlich vernünftiger vorkommen als Übernahmen. „Wir wollen nicht in die typische Falle der Schiffbau-Branche laufen, dass man entweder Aufträge hat, aber keine Kapazitäten. Oder halt umgekehrt. Sollten wir noch viel mehr Aufträge bekommen, sind aber auch Partnerschaften mit anderen Bauwerften von größerem Interesse, die Boote oder Schiffe nach unserem Design herstellen.“

Den U-Boot-Auftrag hat der Kanzler so gut wie in der Tasche, wenn er weiter vom Bundesstaat Gujarat im Luftwaffen-Airbus weiter nach Bengaluru reist. Im früheren Bangalore, dem indischen Silicon Valley, trifft Friedrich Merz auf weitere deutsche Unternehmen mit großen Hoffnungen für gute Geschäfte im bevölkerungsreichsten Land der Erde. Die makroökonomischen Daten sehen gut aus. Im laufenden Fiskaljahr soll Indiens Wirtschaft um deutlich mehr als sechs Prozent wachsen. Und dann wird auch noch erwartet, dass bis Ende des Monats ein anderes Vertragswerk abgeschlossen wird, dessen Verhandlung noch länger gedauert hat als der U-Boot-Deal: Das europäisch-indische Freihandelsabkommen.