
Saeid Fazloula floh aus dem Iran, baute sich in Deutschland ein neues Leben auf und startete bei Olympischen Spielen. Der Krieg in seiner Heimat schürt nun große Ängste beim Kanuten. Er hat Angst um seine Eltern dort und seine Familie hierzulande.
Mit Saeid Fazloula, 33, in Ruhe zu reden, ist derzeit kaum möglich. Wenn der einst unter dramatischen Umständen aus dem Iran nach Deutschland geflüchtete Kanute nicht seinen täglichen Jobs als Athletiktrainer und Mitarbeiter in der Marketingabteilung eines Metallunternehmens nachgeht, oder sich um seine dreiköpfige Familie kümmert, kreisen seine Gedanken um das Kriegsgeschehen in seinem Heimatland. Beim Gespräch in einem Café in Eggenstein nahe Karlsruhe, wo der zweimalige Olympiastarter des Refugee Teams wohnt, schaut er fortwährend auf sein Handy, ob es Neuigkeiten aus der seit einem Monat umkämpften Golfregion gibt.
Der sonst so lebensfrohe Perser, der seit dem Vorjahr die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, ist nicht nur besorgt um seine Eltern, die in Bandar-e Anzali leben, von wo aus er über die Balkanroute seine neue Zukunft suchte. In der Hafenstadt am Kaspischen Meer fielen Bomben, das Dach seines Elternhauses wurde schwer beschädigt, seine Eltern überlebten. Verwandte und Freunde hingegen wurden getötet.
WELT AM SONNTAG: Herr Fazloula, Sie wirken sehr nachdenklich. Was geht in Ihnen vor?
Saeid Fazloula: Ich frage mich ständig, wie wird das im Iran alles enden? Als es im Januar die Massenproteste gegen das Unterdrückungsregime gab und Tausende erschossen und verhaftet wurden, darunter auch viele Sportler und Trainer, die ich kannte, wie den 19-jährigen Ringer Saleh Mohammadi, den man hinrichtete, hatten endgültig alle Iraner genug von der Willkür dieser brutalen Machthaber. Mein Vater erzählte, dass in unserer Heimstadt, in der über 100.000 Menschen leben, noch nie so viele Leute auf die Straße gingen. Selbst nicht nach dem letzten Wiederaufstieg vom Malavan FC, unseres geliebten Fußballklubs. So, und dann kam der 28. Februar.
WAMS: An jenem Samstag griffen die USA und Israel den Iran an.
Fazloula: Als der Krieg begann, hofften alle Iraner, dass ihnen jetzt bei ihrem Freiheitsbestreben geholfen wird. Der Glauben verfestigte sich, als gleich am ersten Kriegstag der iranische Führer Ali Chamenei und einige ranghohe Generäle getötet wurden. Ich habe danach mit vielen Iranern telefoniert und kann ihnen versichern, keiner war traurig, dass der Iran bombardiert, die Leute vom Regime liquidiert wurden. Der allgemeine Tenor lautete vielmehr: Vor 60 Tagen haben die Barbaren Unschuldige umgebracht, jetzt sei man froh, dass die Unmenschen durch Hilfe von außen vernichtet werden. Ich bin passionierter Kriegsgegner, werde niemals Trumps rechtspopulistische Politik gutheißen, ebenso bin ich kein Fürsprecher von Israels Premier Benjamin Netanyahu, aber in diesem Moment haben sie beide geholfen – ob für Ihre Ziele oder unsere Ziele, das werden wir später erfahren.
WAMS: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation? Trump hatte die „totale Vernichtung“ der iranischen Militärstrukturen und die Verhinderung einer atomaren Aufrüstung des Landes als Ziel ausgegeben. Er sprach davon, die Invasion werde nur vier Wochen dauern.
Fazloula: Trump hat auch während seines Wahlkampfs mehrmals behauptet, er wolle den Ukraine-Krieg mit Amtsantritt binnen 24 Stunden beenden. Politiker versprechen immer viel, wenn‘s ernst wird, wollen sie es nicht so gemeint haben. Man muss aber zugeben, dass sich im Land schon etwas zum Positiven getan hat. Die Polizeibehörde in meiner Heimatstadt ist leer, so wie viele andere andernorts auch. Keiner von den Regimetreuen traut sich dort noch hineinzugehen, weil sie keine Sicherheit mehr haben. Ein Regimewechsel braucht aber auch Zeit, das geht nicht von heute auf morgen. Der Iran ist immerhin viereinhalbmal so groß wie Deutschland, hat über 92 Millionen Einwohner.
WAMS: Glauben Sie, dass es einen Wechsel zu freiheitlichen, demokratischen Verhältnissen geben wird?
Fazloula: Ich wünsche es mir von Herzen. Wie viele Iraner hatte aber auch ich nicht damit gerechnet, dass sich die Machthaber so lange wehren würden. Die Amerikaner sagen, wir schwächen das Regime, soweit es geht, letztlich müssen die Iraner selbst entscheiden, was sie wollen. Wenn es keinen Regimewechsel gibt, werden die angegriffenen Noch-Machthaber mit drei-, vierfacher Rache zurückschlagen. Dann verlieren alle humanitären Kräfte. Ich wünschte mir, dass die Bundesregierung deren Kampf unterstützt und nicht einfach nur sagt: Das ist nicht unser Krieg. Beim Ukraine-Krieg wird das Gleiche gesagt, und trotzdem bekommt die Ukraine milliardenschwere Zuwendungen. Was ich auch befürworte.
WAMS: Ist es denkbar, dass das iranische Regime kapituliert?
Fazloula: Niemals. Die Diktatoren wissen genau, wenn sie aufgeben, wäre das ihr Todesurteil.
WAMS: Wie erleben Sie den Krieg von Deutschland aus?
Fazloula: Es ist ein Martyrium, in mir kocht es. Das Internet im Iran ist wenige Tage nach Kriegsausbruch abgeschaltet worden. Kontakt habe ich fast nur übers Telefon. Ich informiere mich über alle möglichen Medien, bekomme Infos von iranischen Journalisten, die auch im Ausland leben. Nachts stehe ich mehrmals auf und schaue auf mein Handy, um hoffentlich nicht zu erfahren, dass auch meine Eltern getötet wurden. Mit dieser Angst lebe ich nun schon wochenlang. Käme es zu dieser Tragödie, werde ich mich damit trösten, dass meine Eltern ihren Beitrag für ihr Land geleistet haben, dass dann nicht mehr von den jetzigen Tyrannen regiert wird. Lieber dafür sterben als durch das noch bestehende Regime.
WAMS: Wie schwer gehen Ihnen diese Sätze über die Lippen?
Fazloula: Das lässt sich nicht beschreiben. Wenn ich meine Mutter telefonisch erreiche, weint sie immer. Mir geht es nicht anders. Ich sitze in Deutschland in Sicherheit und kann nicht helfen, das raubt mir die Energie, deshalb sehe ich auch so fertig aus. Meine mir liebsten Menschen habe ich alle als Fotos auf meinem Handy, wenn ich sie sehe, schmerzt meine Seele etwas weniger.
WAMS: Sie sind ein Paradebeispiel für gelungene Integration. Ihre Schwester folgte Ihnen vor drei Jahren, warum holen Sie nicht Ihre Eltern nach?
Fazloula: Ich habe alles versucht, reichte voriges Jahr eine Verpflichtungserklärung für einen längeren Aufenthalt ein, wobei ich versicherte, ihre sämtlichen Unkosten zu übernehmen. Dennoch bekommen sie kein Visum. Ich weiß nicht, was ich noch machen soll. Wenn mir jemand helfen könnte, möge er sich bitte melden.
WAMS: Durch Ihre Abtrünnigkeit werden Sie Ihre Eltern in Schwierigkeiten gebracht haben.
Fazloula: Ich habe ihnen nach meiner Flucht geraten, den Behörden zu sagen, dass sie keinen Sohn mehr haben. Dass ich für sie gestorben bin, wir keinen Kontakt mehr haben. Mir ist schon klar, dass ich meine Eltern in Gefahr bringe, mit dem, was ich sage, mit der Doku, die gedreht wurde, mit dem Buch „Gegen die Strömung“, was ich geschrieben habe. Schweigen war für mich noch nie eine Option. Haltung zeigen, beim Kampf für das Gute im Leben, ist für mich etwas Grundsätzliches.
WAMS: Sie sprachen die Doku an, die von Angelina Jolie unter dem Titel „We dare to dream“ („Wir wagen zu träumen“) produziert wurde. In dem Kinofilm wird der beschwerliche Weg von Ihnen und Ihrer ebenfalls nach Deutschland geflüchteten Landsfrau Kimia Alizadeh zu den Sommerspielen in Tokio nachgezeichnet. Haben Sie noch Kontakt zu der Kampfsportlerin, die im Taekwondo Platz drei belegte? Alizadeh gewann als bislang einzige aus einem Refugee Team eine Olympiamedaille.
Fazloula: Wir verstanden uns sehr gut. Zur Filmpremiere flogen wir zusammen nach New York. Danach zog sie sich zurück. Sie ist inzwischen bulgarische Staatsbürgerin.
WAMS: Sie verurteilen das Regime im Iran aufs Schärfste. Haben Sie keine Bedenken, dass Ihnen hierzulande etwas zustoßen könnte?
Fazloula: Jeder bezahlt seinen Preis im Kampf um die Freiheit und Gleichberechtigung. Die Menschen im Iran mit ihrem Leben, ich hier mit den Drohungen durch die Regime-Angehörigen, die sich in Deutschland aufhalten. Ich denke ständig daran, dass mir etwas zustoßen könnte, wenn ich das Haus verlasse, wenn ich zur Arbeit gehe oder nach Hause zurückkehre. Und ich bange um meine Familie, dass der etwas zustößt. Obwohl meine Frau eine Deutsche ist und mit der Situation überhaupt nichts zu tun hat.
WAMS: Woher nehmen Sie Ihren Mut?
Fazloula: Das weiß ich selbst nicht. Vielleicht durch meine Flucht, vielleicht durch den jahrelangen Leistungssport, vielleicht ist er mir durch die Muttermilch gegeben worden. Ich bin aber auch nicht immer mutig, habe auch Angst, beispielsweise um meine Familie. Ob mir das gut tut, was ich alles mache? Keine Ahnung. Momentan bin ich voller Adrenalin, funktioniere einfach im Sinne des Guten. Wenn man sich solidarisiert, muss man auch seinen Beitrag dazu leisten.
WAMS: Im Sommer 2015 wurden Sie nach der Rückkehr von den Weltmeisterschaften in Mailand auf dem Teheraner Flughafen verhaftet und in eine Einzelzelle gesperrt. Man beschuldigte Sie, zum Christentum konvertieren zu wollen, was im Iran mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Als vermeintlicher Beweis diente ein Besuch des Mailänder Doms, bei dem Sie von Sicherheitsbeamten des Nationalteams beobachtet wurden. Als Sie nach sechs Tagen auf freien Fuß kamen, war Ihnen klar, dass Sie daheim keine sportliche Perspektive haben würden und flohen. Können Sie sich vorstellen, eines Tages in den Iran zurückzukehren?
Fazloula: Vor sieben Monaten war ich dazu bereit, als es meinem Vater sehr schlecht ging. Sein großer Traum ist es, dass wir uns im Iran wiedersehen – und wenn es nur für eine Sekunde wäre. Ich wollte mich auf die Reise begeben, ohne Pass und trotz der Gefahr, getötet zu werden. Wenn ich dafür meinen Papa hätte sehen können, wäre es mir egal gewesen. Als meine Mutter von meinem Vorhaben erfuhr, schimpfte sie richtig doll mit mir und fragte: Ist dir dein Papa wichtiger als deine Frau und die beiden Söhne? Damit war klar, was ich zu tun hatte. Meinem Papa geht es wieder etwas besser.
WAMS: Leben Sie noch gern in Deutschland?
Fazloula: Natürlich. Ein Leben im Iran kann ich mir nicht vorstellen. Ich würde dort gern Urlaub machen, meiner Familie das wunderschöne Land zeigen wollen, mehr aber nicht. In Deutschland habe ich mir mit eigenen Händen so viel geschaffen, dass ich das gegen nichts mehr eintauschen würde. Zumal ich auch meine Fußballleidenschaft hier ausleben kann.
WAMS: Sollte der Iran an der Fußball-WM teilnehmen? Oder sollten wegen des Angriffskriegs der USA andere Teilnehmerländer das Championat boykottieren?
Fazloula: Weder noch. Sportevents zu boykottieren, hat noch nie etwas gebracht. Die großen Verlierer dabei sind immer die Sportler.
