Kampfflugzeug-Projekt FCAS: Steigt Deutschland aus und woanders ein?

Deutschland ist auf der Suche nach Alternativen zum geplanten Luftkampfsystem Future Combat Air System (FCAS), dem größten europäischen Rüstungsprojekt der kommenden Jahrzehnte. Denn wegen fortgesetzter Streitereien zwischen den beauftragten Unternehmen Dassault Aviation aus Frankreich und Airbus mit seinem deutsch-französisch-spanischen Aktionärskreis droht das Vorhaben zu scheitern. Daher sondiert Deutschland für Airbus die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit dem schwedischen Hersteller Saab, der das Kampfflugzeug Gripen herstellt. Doch auch die Möglichkeit, sich der britisch-italienisch-japanischen Gruppierung Global Combat Air Programme (GCAP) anzuschließen, rückt nun ins Visier der Entscheidungsträger.

Wie in diplomatischen Kreisen zu hören ist, hat die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni auf dem jüngsten Gipfeltreffen in Rom Ende Januar Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf eine mögliche Öffnung seitens des GCAP-Konsortiums angesprochen. Zuvor hatte die italienische Tageszeitung „Corriere della Sera“ schon über Gespräche berichtet. Auf italienischer Seite herrsche viel Offenheit gegenüber dem Thema, wird nun bestätigt, auch wenn die Frage ungeklärt ist, wie Airbus in das GCAP-Projekt integriert werden könnte. Das Projekt, das von British Aerospace (Großbritannien), Leonardo (Italien) sowie dem japanischen Luftfahrtkonsortium JAIEC (mit Mitsubishi als Anteilseigner) getragen wird, ist weiter fortgeschritten als FCAS.

Dassault und Airbus haben Vertrauen zueinander verloren

Für Airbus und die Bundesregierung hätte ein Anschluss an GCAP den Vorteil, dass hier mehrere Schwergewichte der Verteidigungsindustrie zusammenkämen. Mit einer Hinwendung zu GCAP würde sich im Kern die Zusammenarbeit fortsetzen, die heute schon beim Eurofighter besteht – mit dem Unterschied des Einschlusses von Japan. Schon in den frühen achtziger Jahren planten die Europäer ein gemeinsames Kampfflugzeug mit Beteiligung der Franzosen. Doch auch damals lebte man sich auseinander, sodass die Franzosen ihr eigenes Kampfflugzeug namens Rafale entwickelten. Der Hersteller war damals schon Dassault, dem heute viele wieder die Lust am französischen Alleingang vorwerfen.

FCAS ist indes noch nicht tot. Obwohl die Fristen für eine Einigung wiederholt verstrichen sind, haben Berlin, Paris und Madrid die Verhandlungen bislang nicht eingestellt. Dem Vernehmen nach hat Paris auf eine Gnadenfrist bis Ende Februar gedrängt. Dabei gibt es eine zeitliche Koinzidenz mit der geplanten Grundsatzrede von Präsident Emmanuel Macron zur Nukleardoktrin. Sie könnte den Weg ebnen für eine Ausweitung des französischen Schutzschirms auf Deutschland. Voneinander zu trennen sind die Verhandlungen über die beiden Dossiers nicht, will Frankreich doch das FCAS-Kampfflugzeug als Nachfolger der Rafale auch mit nuklearen Marschflugkörpern bestücken.

Projektbeteiligte stufen die Chancen inzwischen jedoch als sehr gering ein, FCAS in der bestehenden Architektur fortzuführen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Dassault und Airbus gilt als zerrüttet. Ersteren wird von vielen Seiten eine wachsende Nähe zu den aufstrebenden Rechtspopulisten um Marine Le Pen attestiert. Auch in der Politik gelten die Fronten zwischen Franzosen und Deutschen als verhärtet. Erstere fordern für die Entwicklung des Herzstücks des Projekts, den Kampfjet, eine dominante Führungsrolle. Das sei nötig, um FCAS effizient und zeitgerecht voranzubringen. Letztere wollen Partner auf Augenhöhe sein. Sie drängen auf Mitspracherechte und wollen eine souveräne Kernkompetenz wie die Kampfflugzeugentwicklung nicht vollständig in ausländische Hände geben.

Gemeinsame Komponenten, aber getrennte Flugzeuge

Für die Deutschen spräche auf der Suche nach Alternativen auf dem Papier viel für die „nordische Lösung“, also eine gemeinsame Kampfflugzeugentwicklung mit Schweden. Die deutsche Airbus-Rüstungssparte und der schwedische Saab-Konzern haben heute schon einige Kooperationsprojekte und mit dem Eurofighter und dem Gripen vergleichbare Kampfflugzeuge im Angebot. Und anders als bei einem deutschen Anschluss an GCAP müsste sich Deutschland dann nicht mit der Rolle als Juniorpartner begnügen. In Schweden zeigt man sich offen. „Wir stehen bereit für einen gemeinsamen Kampfjet mit den Deutschen – wenn es ein klares politisches Bekenntnis beider Regierungen gibt“, sagte Saab-Chef Micael Johansson im Dezember der F.A.S.

Als ungelöst gilt allerdings noch die Frage, wie eine deutsch-französische Scheidung konkret ablaufen sollte. Wer den ersten Schritt macht, könnte mit hohen Konventionalstrafen konfrontiert sein, heißt es in Diplomatenkreisen. In Berlin wie in Paris weiß man auch um die verheerende Signalwirkung eines FCAS-Scheiterns – für die deutsch-französischen Beziehungen, in der akuten Bedrohungslage aber auch für die europäische Rüstungskooperation insgesamt. Es gibt deshalb Bemühungen, ein „Rumpf-FCAS“ zu retten, bei dem Deutsche und Franzosen zumindest Triebwerke und Komponenten wie Clouds und Drohnen als Teil eines Luftkampfsystems der Zukunft gemeinsam entwickeln. Getrennt würden Airbus und Dassault dagegen jeweils eigene Flugzeuge bauen. Kanzler Merz deutete vergangene Woche an, dass es darauf hinauslaufen könnte. Bei Airbus findet man Gefallen an dieser „Zwei-Flugzeug-Lösung“. „Das ist eine realisierbare Option, und ich halte sie für eine gute Option“, sagte Rüstungschef Michael Schöllhorn dem Portal Euractiv.

Auch unter GCAP-Partnern gibt es Spannungen

Bei einer Hinwendung zu GCAP würden die Deutschen indes auf eine schon ziemlich fest gefügte Struktur stoßen. Die drei GCAP-Partner haben sich bereits auf eine gleichberechtigte jeweilige Drittelbeteiligung geeinigt und ein Gemeinschaftsunternehmen mit Sitz in Großbritannien gegründet. Vorstandsvorsitzender ist ein von Leonardo kommender Manager. 2035 sollen die ersten Flugzeuge ausgeliefert werden. Meloni und ihre japanische Amtskollegin Sanae Takaichi äußerten sich in Japan kürzlich zufrieden über „die Fortschritte“ des Programms.

Es gibt allerdings auch dort Spannungen. Der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto hat den Briten mehrfach vorgeworfen, dass sie sensible Technologien und vertrauliche Informationen nicht teilen würden. Das sei „verrückt“ und „ein Geschenk an die Russen und Chinesen“, polterte er kürzlich vor Journalisten. Dass die Italiener jetzt mit einer Öffnung zu Airbus winken, könnte somit auch ein Signal an die Briten sein, demzufolge Italien über Alternativen verfüge.

Für Unruhe sorgen dabei die explodierenden Kosten von GCAP. Wie die italienische Regierung kürzlich ankündigte, müsse Italien für Design und Entwicklung nicht nur die 2021 prognostizierten sechs Milliarden Euro beisteuern, sondern 18,6 Milliarden Euro. Den Gesamtaufwand für das grenzüberschreitende Projekt schätzen Verteidigungsexperten auf mindestens 60 Milliarden Euro. Diese hohen Kosten könnten die Bereitschaft verstärken, weitere Partner hereinzuholen. Auch die schon diskutierte Option, Saudi-Arabien hinzuzugewinnen, ist nicht vom Tisch. Wenn sich mehrere große Länder zusammenschließen, kommen nicht nur mehr Finanziers zusammen, sondern auch mehr Bestellungen. Gleichzeitig würde sich jedoch auf operativer Ebene die Aufteilung der Arbeitsanteile verkomplizieren.

„Der Beitritt eines neuen Partners in dieser späten Phase könnte das Risiko von Verzögerungen im Zeitplan des GCAP-Projekts erhöhen“, meinen Analysten der italienischen Investmentbank Mediobanca. Sie halten es auch für möglich, dass Großbritannien nur einwilligt, wenn es Zugang zu Verteidigungsmitteln der Europäischen Union erhält. Diese Forderung wird bisher abgelehnt – nicht zuletzt von Frankreich.