Kamelien: Die Königin der Winterblumen und ihr kulturelles Erbe – Stil

Die Botanik

Mit ihren zarten, symmetrisch angeordneten Blütenblättern in Apricot strahlen die Kamelien auf einem Stillleben des dänischen Malers Johan Laurentz Jensen von 1852 perfekte Harmonie aus.  Andere blühen in leuchtendem Kirschrot oder Rosa, manchmal in Gelb oder in changierenden Farben. Wenn andere Blumen noch in der Winterruhe verweilen, zeigen Kamelien schon ihre ganze Pracht. Hauptblütezeit der in Westeuropa am meisten verbreiteten Kamelienart, der Camellia japonica, sind die Monate Januar bis April. Hartmut Eisen, Vorsitzender der Deutschen Kameliengesellschaft in Aachen, schwärmt von der Formenvielfalt der Kamelie, die er vor mehr als 50 Jahren während seiner Ausbildung zum Gärtner schätzen lernte: „Die Blüten können gefüllt oder halb gefüllt sein, manche haben Staubblätter, die wie Kronen geformt sind.“ Einige der Pflanzen ähneln Rosen, andere eher Pfingstrosen (Päonien) oder Anemonen. „Weltweit gibt es circa 240 Arten und 30 000 Sorten“, sagt der Experte. In seinem privaten Garten wachsen Exemplare aus vielen Ländern, die er von Reisen mitgebracht hat.

Knospend, sich gerade öffnend und bereits in voller Pracht erblüht: Kamelien auf einem Stillleben des dänischen Malers Johan Laurentz Jensen von 1852.
Knospend, sich gerade öffnend und bereits in voller Pracht erblüht: Kamelien auf einem Stillleben des dänischen Malers Johan Laurentz Jensen von 1852. (Foto: Imago/Heritage Images)

Für Liebhaber lohnt sich zum Beispiel ein Besuch der „Kamelienstadt“ Jinhua in China. Bereits vor mehr als 2000 Jahren wurden die blühenden Ziergehölze in Ostasien kultiviert. Aus China oder Japan gelangten die Pflanzen mit den immergrünen glänzenden Blättern nach Europa – von 1739 an konnte man die ersten Kamelien in britischen Gewächshäusern bestaunen. Die Kamelie dient aber auch als Nutzpflanze – insbesondere aus der Art Camellia sinensis lässt sich grüner und schwarzer Tee gewinnen. Und aus Kameliensamen werden wertvolle Öle für Kosmetika und Haarpflege hergestellt. Ihren Namen gab der Kamelie übrigens der berühmte Botaniker Carl von Linné im Jahr 1753. Er wollte Georg Joseph Kamel ehren. Der Jesuitenpater und Apotheker erforschte seinerzeit die Flora und Fauna der Philippinen. Mit Kamelien hatte er jedoch nicht viel am Hut.

Die Kaiserin

Sie gehört zu den meistfotografierten Pflanzen der Welt: Ungefähr 250 Jahre alt und knapp neun Meter hoch ist die Kamelie im Park von Schloss Pillnitz in Dresden. Die Herkunft des Baumes mit einem Kronendurchmesser von fast zwölf Metern gibt Forschern noch immer Rätsel auf. Dabei soll es sich um eine der Pflanzen handeln, die der schwedische Botaniker Carl Peter Thunberg 1779 von seiner Japanreise nach Europa brachte. Zehntausende glockenförmige und karminrote Blüten schmücken diese Kamelie während ihrer Blütezeit von Mitte Februar bis Mitte April. Besucher können sie auf zwei Etagengängen entlang des gläsernen Kamelienhauses, das den blühenden Baum im Winter schützt, von allen Seiten bewundern.

Fast neun Meter hoch ist die Kamelie im Park von Schloss Pillnitz in Dresden.
Fast neun Meter hoch ist die Kamelie im Park von Schloss Pillnitz in Dresden. (Foto: Ben Walther)

Gerade solche Winterblüher der Art Camellia japonica gelten als sensibel; sie mögen weder starken Frost noch ein Leben im Wohnzimmer; Zugluft vertragen sie auch nicht. Doch nicht jede Kamelie müsse bei Frost im Wintergarten oder Gewächshaus untergebracht werden, manche Sorten würden auch ein paar Minusgrade vertragen, sagt Hartmut Eisen von der Deutschen Kameliengesellschaft. „Wichtig ist vor allem, dass die Pflanzen genügend Feuchtigkeit haben. Man sollte sie abends regelmäßig mit kaltem Wasser besprühen.“ Kamelien mögen humusreiche Böden. „Mulchen ist in jedem Fall gut“, sagt Eisen. „Das sichert auch die kontinuierliche Bodenfeuchtigkeit.“ Hobbygärtner können während der Blütezeit Ableger des Pillnitzer Prachtexemplars im Besucherzentrum „Alte Wache“ erwerben. Für eine vielfältige private Sammlung empfiehlt Hartmut Eisen eine Mischung von Sorten, deren Knospen sich zu unterschiedlichen Zeiten öffnen. Dazu gehören Kamelien, die im Sommer blühen, aber auch herbstblühende Sorten der Art Camellia sasanqua. „So haben Sie fast zu jeder Zeit blühende Kamelien im Garten.“

Der Roman

Leidenschaft und Verführung, aber auch Dekadenz symbolisieren Kamelien in der Liebesbeziehung von Marguerite Gautier und Armand Duval. „Wo sind meine Kamelien?“, ruft Marguerite, gespielt von Greta Garbo, in dem Film „Die Kameliendame“ von George Cukor aus dem Jahr 1936. Ihr letztes Treffen mit dem Geliebten Armand (Robert Taylor) steht unmittelbar bevor, sie ist bereits sterbenskrank, will ihm aber ohne ihre Blumen nicht begegnen. Stets steckt sich die elegante Pariser Kurtisane weiße Kamelien ans Dekolleté oder an den Gürtel und erscheint auf Empfängen mit einem Kamelien-Bouquet in den Händen. Die extravagante Marguerite zu spielen, war eine der Paraderollen für die Garbo, aber auch für die Theaterschauspielerin Sarah Bernhardt. Sie verkörperte die verschwendungssüchtige Dame seit 1880 immer wieder bis zum Ende ihres Lebens.

Greta Garbo als „Die Kameliendame“ in George Cukors Verfilmung von 1936.
Greta Garbo als „Die Kameliendame“ in George Cukors Verfilmung von 1936. (Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Alexandre Dumas, dessen Roman „La Dame aux Camélias“ von 1848 die Vorlage für diese Verfilmung und weitere bot, glückte damit ein Welterfolg. In dem Werk verarbeitete der Autor seine eigene Beziehung zu einer kultivierten Kurtisane, die ihn in erhebliche Geldnöte gebracht hatte. Mit seinem Roman schenkte Dumas auch der Opernwelt Inspirationen: Giuseppe Verdi adaptierte das Sujet 1853 für „La Traviata“.

Die Begeisterung für Kamelien regte sich in Europa bereits um 1750. Chinesisch anmutender Dekor war an den Fürstenhöfen in Mode, welche Blume könnte besser dazu passen als die edle Exotin? Und als Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen Ende des 18. Jahrhunderts begann, die Zucht der „Grande Dame“ der Zierpflanzen aktiv zu fördern, setzte geradezu ein Kamelienrausch ein, der viele Jahrzehnte anhielt. Als Statussymbole wurden ganz unterschiedliche Sorten von Kamelien aus Dresden in zahlreiche Länder verschickt, auch an den Zarenhof nach Russland.

Das Accessoire

Von der zeitlosen Eleganz der „Königin des Winters“ war Modeschöpferin Coco Chanel (1883 bis 1971) so beeindruckt, dass sie von 1924 an ihre Kollektionen mit ihrem Lieblingsblumenmotiv schmückte – mal als Accessoire auf Blusen oder Hüten, mal als Haarschmuck oder zur Zierde von Schuhen. „Es gibt hundert Arten, eine Blume zu tragen“, sagte die Designerin. Karl Lagerfeld und Virginie Viard ließen in ihren Kollektionen für Chanel ebenfalls Kamelien erblühen. Lagerfeld kreierte etwa ein Brautkleid mit unzähligen Kamelienblüten.

Elegantes Schmuckstück für Damen: Kamelienblüte aus Seide zum Anstecken.
Elegantes Schmuckstück für Damen: Kamelienblüte aus Seide zum Anstecken. (Foto: Chanel)

Auch heute noch ist die zarte Blume ein Wahrzeichen des Hauses Chanel. In der aktuellen Kollektion setzen Broschen aus mehrfarbigem Baumwolltweed, Seide oder Strass oder die klassische weiße Blume individuelle Akzente. Es gibt auch Schals mit Kamelienmotiven und sogar eine hauseigene Kamelien-Schmuckkollektion aus Gold und Diamanten. Und die Herren? Einst trugen kultivierte Besucher von Salons der Belle Époque Kamelien am Revers. Für den modernen, ausgehfreudigen Dandy bietet das Berliner Unternehmen „Herr von Welt“ viele Accessoires, darunter Kamelien aus Seide als Knopflochblumen. Firmengründer Andreas und Ralph Joseph Thenhaus tragen selbst gern Sakkos mit den von Hand gefertigten Kamelien-Boutonnières aus der Seidenblumenstadt Sebnitz.

Das Blüten-Labyrinth

Von seinen verschlungenen Wegen blickt man auf die Tessiner Bergwelt und den Lago Maggiore, aber vor allem auf ein im Vorfrühling erblühendes Labyrinth aus Sträuchern und Bäumchen voller Blüten in mannigfaltigen Farben. Mehr als 1100 Kamelien-Sorten werden im Parco delle Camelie von Locarno, einem der größten und schönsten Kamelienparks Europas, kultiviert – auf einer Fläche von 15 000 Quadratmetern. Jährlich wird zu Ehren der „Königin der Winterblumen“ das Fest „Camelie Locarno“ in diesem Park gefeiert, mit dekorativen Blüten-Arrangements und einer Kamelien-Sonderausstellung  (18. bis 22. März 2026).

Im Parco delle Camelie am Lago Maggiore kann man mehr als 1100 Kameliensorten kennenlernen.
Im Parco delle Camelie am Lago Maggiore kann man mehr als 1100 Kameliensorten kennenlernen. (Foto: Milo Zanecchia)

Teeliebhaber verbinden den Besuch des Kamelienparks mit einem Ausflug zum nahegelegenen Monte Verità, der Anfang des 20. Jahrhunderts von Lebensreformern und Literaten bevölkert wurde; Franziska zu Reventlow gehörte auch zu ihnen. Dort oben gedeihen Teepflanzen der Art Camellia sinensis, aus denen feiner Grüntee hergestellt wird. Aber auch in Deutschland gibt es sehenswerte Kamelienparks und Sammlungen, etwa die von Schloss Pirna-Zuschendorf in Sachsen. In Köln macht die Kamelienausstellung im Botanischen Garten die Vielfalt der Zierpflanze erlebbar. Dort wachsen Exemplare, die duften, was bei Kamelien eine Besonderheit ist. Oder Raritäten wie die in zartem Rosa-Weiß blühende Sorte „Loki Schmidt“. Die engagierte Naturschützerin und Ehefrau von Helmut Schmidt hatte eine Vorliebe für Kamelien.